Das alles beherrschende Instrument des Candombe ist die Trommel. „Candombe bezeichnet den Rhythmus Uruguays, den afrikanische Sklaven ins Land brachten. Foto: Marc Vor/satz

In keinem anderen Land der Welt wird die fünfte Jahreszeit so ausgiebig gefeiert wie in Uruguay. Der von Sklaven entwickelte Trommeltanz Candombe spielt dabei eine besondere Rolle.

„Das Warten hat ein Ende. Karneval! Gott sei Dank!“ Alvaro Rabasquiño faltet die Hände, blickt lächelnd in den glutroten Abendhimmel von Montevideo und legt die Stirn in Falten. „Das waren zwei harte Jahre für uns Uruguayer“, sinniert der Trommelbauer. „So ziemlich alles, was uns am Herzen liegt, war nicht oder nur noch sehr eingeschränkt möglich. Mit Freunden feiern, König Fußball und natürlich unser geliebter Karneval, mit 40 Tagen der längste der Welt.“

 

Treibender Rhythmus unzähliger Trommeln

Plötzlich beginnt Alvaro Rabasquiño zu strahlen. Ein paar Straßen weiter im Barrio Sur braut sich etwas zusammen. Der treibende Rhythmus unzähliger Trommeln schallt in die hereinbrechende tropische Nacht. Jetzt heißt es abschalten, lauschen, das Leben feiern.

Vielleicht sind sogar ein paar seiner Instrumente mit von der Partie. Unzählige Trommeln hat er mit seinen eigenen Händen erschaffen, tragen sein Logo AR. Alvaro gilt als der Beste seines Fachs in Montevideo, wenn nicht gar in ganz Uruguay. Er ist der Herr der Trommeln, der Trommel-Gott. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in letzter Zeit wieder etliche Candombe-Drummer die Klinke seiner bescheidenen Werkstatt am Stadtrand in die Hand gaben.

Das alles beherrschende Instrument des Candombe ist die Trommel. „Candombe bezeichnet den Rhythmus Uruguays, den afrikanische Sklaven ab 1750 in das Land zwischen Argentinien und Brasilien brachten“, erklärt der Maestro. „Wie Tango und Samba entwickelte er sich über zwei Jahrhunderte zu einem völlig eigenen Musikstil.“

Candombe – ein Ventil für geschundene Seelen

Zu Zeiten der Sklaverei war Candombe ein Ventil für geschundene Seelen, eine nächtliche Auszeit am Stadtrand Montevideos. Eine explosive Mischung aus Rhythmus und Tanz, um für wenigstens ein paar Stunden in eine andere Realität einzutauchen. Zu gefährlich, befand 1808 die spanische Kolonialmacht und verbot Candombe. Vergebens. Heute ist der Tanz ein integraler Bestandteil der uruguayischen Kultur und immaterielles Erbe der Weltkultur. Das befand die Unesco im Jahre 2009.

Seit ein paar Monaten ziehen die Trommler und Tänzerinnen am Wochenende wieder durch die Straßen der Barrios Sur und Palermo. Nein, die wohlhabendsten Stadtteile von Montevideo sind das sicher nicht. Die Häuser sind hier kleiner, die Schlaglöcher größer, der Putz bröckelt an jeder Ecke.

Die Kostüme wirken etwas improvisiert

Tänzerin Maria lässt sich von ihrer Schwester in einer Lagerhalle im Barrio Sur schminken. Die Schwester ist sicher kein Make-up-Artist und Maria würde vermutlich keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Auch die Kostüme wirken bei näherer Betrachtung improvisiert. Spätestens hier wird klar, dass der Karneval in Uruguay kein Jahrmarkt der Eitelkeiten ist. Ganz anders als beim großen Bruder in Brasilien. Auch barbusige Tänzerinnen wären unvorstellbar am Rio de la Plata, dem Silberfluss.

Als Maria und ihre Freunde wenig später trommelnd und tanzend durch die Straßen ihres Stadtteils ziehen und von Passanten freudig angefeuert werden, sprühen sie nur so vor Lebensfreude. Der Umzug ist ja eigentlich nur ein bescheidenes Vorglühen für die große Karnevalsparade „Desfile Inaugural“ Mitte Januar. Bei dieser Parade der Samba-Schulen Ende Januar sowie bei den „Las Llamadas“-Paraden im Februar versetzen bis zu 2000 Trommler Montevideo in den karnevalistischen Ausnahmezustand.

Murgas übernehmen die Regie

Der Höhepunkt des längsten Karnevals der Welt ist aber erst erreicht, wenn die Murgas die Regie übernehmen. Dabei handelt es sich um 17-köpfige Ensembles, bestehend aus 13 Sängern, drei Perkussionisten und dem künstlerischen Leiter, der als eine Art Dirigent seine Mannschaft zu Höchstleistungen animiert. Ihnen gehört der feuchtheiße Februar in Montevideo. Die Murgas besingen auf humorvoll-satirische Art, wo das Volk der Schuh am meisten drückt, welche Politiker die tiefsten Taschen haben und was sonst noch so alles verkehrt läuft in dem Land im Süden des Kontinents.

Die karnevalistische Kunstform schwappte mit spanischen Auswanderern zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus Cádiz nach Uruguay und durchlief in über 100 Jahren zahlreiche Transformationsprozesse. Manche Vorstellungen weichen vom klassischen Murga-Konzept ab und erinnern mit ihren Büttenreden an den Kölner Karneval. Kein Wunder, zog es doch ab 1850 vermehrt auch Rheinländer an den Rio de la Plata.

Freizeitmusiker kommen aus dem ganzen Land

Aus dem ganzen Land sind die Freizeitmusiker angereist. Sie schlafen bei Freunden oder in Turnhallen. Die Mitglieder der Murga La Clave aus dem Provinzstädtchen San Carlos übernachten in den Katakomben des legendären Estadio Centenario. Ein Heiligtum für Uruguayer. Hier besiegte Uruguay 1930 Argentinien und wurde Fußball-Weltmeister.

„Wir sind uns dieser großen Ehre durchaus bewusst“, erzählt La-Clave-Chef Martin Sousa stolz. „Das motiviert uns zusätzlich, übt aber auch einen enormen Erfolgsdruck auf uns aus.“ Die besten Ensembles, die sich in den Vorrunden qualifiziert hatten, treten Abend für Abend gegeneinander an. „Es gilt, eine unerbittliche Jury, vor allem aber das Publikum, mit unserem quasi A-cappella-Gesang zu begeistern.“ Begleitet wird der Chor lediglich von einem Becken, einer kleinen Parade- und einer großen Basstrommel.

Nach dem Karneval ist vor dem Karneval

Wie das geht, beweisen die Ensembles am Abend. Sie rocken in einer einstündigen Performance das restlos ausverkaufte Teatro de Verano. Mit ihren clownesken Kostümen, viel Charme und Satire und überwältigendem Chorgesang reißen sie selbst den müdesten Zuschauer vom Hocker. Am Ende des Tages gehört La Clave eines der Sehnsuchtstickets fürs Finale Ende Februar.

Am Aschermittwoch sei alles vorbei, sagt man in Rio, auf den Kapverden, am Rhein und in Venedig – nicht aber in Montevideo. Für den Trommelmann Alvaro Rabasquiño bedeutet das Finale das nahe Ende seines Müßiggangs. Denn schon bald werden die ersten Candombe-Drummer Bestellungen für die nächste Karnevalssaison aufgeben. Und die kommt in keinem Land der Welt schneller als in Uruguay.

Uruguay

Anreise
Flug nach Buenos Aires, weiter mit der Fähre, Preis ab circa 85 Euro retour, www.buquebus.com, www.coloniaexpress.com.

Veranstalter
Gruppenreisen: 12 Tage in Montevideo, Colonia del Sacramento und Punta del Este, inkl. Verpflegung, Unterkünften (untere Mittelklasse), Transfer mit öffentlichen Bussen, ohne Flüge ab 1750 Euro bei Gateway Lateinamerika, Tel. 03 41 / 39 29 15 90, www.gateway-lateinamerika.de. Individuell: Mietwagenrundreise, 15 Tage, gehobene Unterkünfte (Estancias, Posadas und Hotels), Mahlzeiten, Mietwagen mit Vollkasko und internationalen Flügen, Transfers ab 3150 Euro bei Geoplan Privatreisen, Tel. 0 30 / 34 64 98 10, www.geoplan-reisen.de. Unesco Weltkulturerbe Candombe: Candombe, die afro-uruguayische Trommel- und Tanzkunst, zählt seit 2009 zum Immateriellen Kulturerbe der Menschheit, www.candombe.com.

Literatur
Uruguay: Kompakter, gut recherchierter Reiseführer mit Essays über Land und Leute, Reise Know-How Verlag, 19,90 Euro, eBook/PDF 16,99 Euro, www.reise-know-how.de.

Allgemeine Informationen
Uruguays Tourismusministerium: https://turismo.gub.uy; Karnevalsmuseum Montevideo, https://ww.museodelcarnaval.org/.