Corona hat die Berufswelt verändert. Viele arbeiten von zu Hause aus. Doch irgendwann fällt einem die Decke auf den Kopf. Warum also nicht dort arbeiten, wo andere Urlaub machen?
Playa del Carmen - Anja Neumann dreht ihren Laptop um 180 Grad. Die Kamera fängt den Ausblick ein: wiegende Palmen, in der Ferne heller Sandstrand, an den der Atlantik schwappt. Die 41-jährige Hamburgerin wollte auf Fuerteventura nur Urlaub machen, doch aus zehn Tagen wurden viereinhalb Monate.
„Ich hatte fertig gepackt, als mein Rückflug verschoben wurde. Während des Wartens habe ich einen Artikel über Workation gelesen und gedacht: Das testest du jetzt“, erzählt sie beim Videotelefonat. Als selbstständige Beraterin ist sie flexibel und kann auch mit Meerblick arbeiten. Spontan stornierte sie die Heimreise.
Der Kunstbegriff Workation setzt sich aus „work“ für Arbeit und „vacation“ für Urlaub zusammen. Beruf und Ferien – bisher war das ein Gegensatz, doch die Pandemie hat vieles verändert: Büros sind verwaist, viele sitzen im Homeoffice und statt Besprechungen gibt es Videocalls. Fernarbeitsplätze kann man überall einrichten, wo es eine zuverlässige, starke Datenleitung gibt – sogar im Ausland. Tagsüber wird auch dort ganz normal gearbeitet. Doch den Feierabend verbringt man mit Sundowner am Strand statt mit Netflix auf dem Sofa.
Digitale Nomaden
Leute, die man früher im Café auf Bali arbeitend am Laptop sitzen sah, waren meist digitale Nomaden, die ihre Weltreise mobil arbeitend finanzierten. Mit Corona entdecken nun auch immer mehr Selbstständige und Angestellte die Vorzüge ortsungebundenen Arbeitens. Manche setzen sich geplant für einige Zeit ins Ausland ab, andere entscheiden wie Anja Neumann aus einem Impuls heraus. „Wir haben noch nie so viele Reisen verlängert und Flüge umgebucht wie in den letzten Monaten“, sagt Anja Dörfler vom Euro Lloyd Reisebüro in Sindelfingen.
Es gibt viele Argumente für Workation: Das Wetter ist besser, der Freizeitfaktor höher, die Corona-Inzidenz oft niedriger als zu Hause. Mangels Touristen bieten viele Unterkünfte im Moment sehr günstige Preise. Die Studie „Travel Trends 2021“ der Suchmaschine Skyscanner sieht Workation schwer im Kommen.
Viele Länder stellten sich speziell auf die Bedürfnisse der Fernarbeiter ein. So wie der Inselstaat Barbados, der Ausländer mit einem neuen Arbeitsvisum einlud, ihr Büro ein Jahr lang in die Karibik zu verlegen. Für Yaiza Castilla, die Tourismusministerin der Kanaren, sind die Telearbeiter eine interessante Zielgruppe.
Sie will mit einer Marketingkampagne Zehntausende Langzeitgäste auf die Inseln locken. Und Markus Wolf, Tourismus-Chef des Schweizer Ortes Laax, hat beobachtet: „Viele Ferienhausbesitzer rüsten ihre Zweitwohnung auf und arbeiten von den Bergen aus.“
Vorteile von Workation
Workation verspricht Selbstverwirklichung und mehr Lebensqualität. Allerdings eignet sich das Prinzip nicht für jeden. Dagegen spricht, dass nicht jeder Arbeitgeber Workation gerne sieht. Wenn es technische Probleme gibt, kann der Mitarbeiter nicht mal eben ins Büro kommen. Schulkinder, ein Partner mit Präsenzjob, ein Haustier und die Furcht vor Neid sind ebenfalls Hindernisse.
Längere Auslandsaufenthalte wollen steuerrechtlich und versicherungstechnisch abgesichert sein, eventuell muss man Visa beantragen. Zudem sollten Lifestyle-Migranten sehr diszipliniert sein, damit die Traumkulisse nicht vom Job ablenkt.
Workation geht überall dort, wo deutsche Urlaubern einreisen dürfen. Ornella Carlone (28) und Marc Auggenthaler (30) aus Göppingen haben für einen Monat ein Apartment in Playa del Carmen an der mexikanischen Karibikküste gemietet. Hier herrschen angenehme 27 Grad Celsius, aber sechs Stunden Zeitverschiebung zu Deutschland.
Deshalb stehen die beiden mitten in der Nacht auf und arbeiten ab 3 Uhr morgens bis etwa gegen Mittag. „So können wir an allen Besprechungen in der Firma teilnehmen. Und wir haben noch etwas vom Tag“, sagt Ornella Carlone. Das Nachtleben fällt dafür aus – um 21 Uhr ist Bettruhe angesagt. Aber sie können in der Mittagspause in den Pool springen und am Wochenende Ausflüge auf die Insel Cozumel oder in die Maya-Ruinenstadt Tulum unternehmen.
Die Sonnen auf den Kanaren genießen
Der Arbeitgeber des Paares, der Reisevermittler Urlaubspiraten, findet es gut, wenn sich seine Mitarbeiter in alle Winde verstreuen. „Zu unseren Aufgaben gehört es, Fragen von Usern zu beantworten. Da zählen Erfahrung und Ortskenntnis“, sagt Marc Auggenthaler. Die meisten seiner Kollegen arbeiten „fully remote“ – komplett aus der Ferne, manche in Ägypten, andere in Portugal.
„Was soll ich zu Hause in Hamburg? Da ist alles geschlossen wegen Lockdown“, sagt Anja Neumann. Sie genießt lieber die Sonne auf den Kanaren. Beim Interview lächelt sie braun gebrannt und mit gebleichtem Haar in die Kamera.
Ihr Hotel hat sich auf die Anforderungen von Urlaubsschaffern eingestellt: Man kann zwei Zimmer mit Verbindungstür buchen, eines zum Schlafen, eines zum Arbeiten. Daher fühlt sich die 41-jährige Beraterin, als ginge sie richtig ins Büro. „Ich habe sogar einen Schreibtischstuhl, daheim würde ich wenig ergonomisch am Esstisch sitzen“, sagt Anja Neumann.
Workation-Community
Um ihre Aufträge pünktlich zu erledigen, hat sie sich einen genauen Terminplan auferlegt. Erst nach dem Pflichtprogramm genießt sie die Annehmlichkeiten des Urlaubsortes. „Ich kann schwimmen, am Meer spazieren gehen oder mit Bekannten Ausflüge machen. Hier gibt es eine richtige Workation-Community von etwa 30 Leuten.“
Das Einzige, was Anja Neumann an ihrem „betreuten Wohnen“ nervt, ist ihre Garderobe. Sie hatte ja ursprünglich nur für zehn Tage gepackt und muss nun monatelang mit den wenigen Klamotten auskommen. „Daheim kommen die Sachen zur Kleiderspende, ich kann sie nicht mehr sehen“, sagt sie.
Info: Digitale Nomaden
Reisen mit Arbeiten verbinden – das kannte man vor Kurzem vor allem von sogenannten digitalen Nomaden. So nennt man Menschen, die ihre Wohnung gekündigt und ihre Sachen untergestellt haben, um für eine längere Zeit um die Welt zu reisen.
Während sie unterwegs sind, arbeiten sie nur zeitweise, je nach Kontostand. Dafür nutzen sie gerne die Angebote von Co-Working-Spaces. Das sind Büros, die man tageweise buchen kann und deren Ausstattung man sich mit anderen Menschen teilt.
Workation
Die neuen Urlaubsarbeiter halten sich nur zeitlich begrenzt in der Ferne auf, für ein paar Wochen oder Monate. Dank der Digitalisierung, die durch die Coronapandemie in vielen Betrieben beschleunigt wurde, ist eine Präsenz am Arbeitsplatz nicht mehr nötig. Laut einer Untersuchung des Verbandes Bitkom haben 55 Prozent der Befragten einen Job, den man auch im Homeoffice erledigen kann – das entspricht 23,2 Millionen Berufstätigen. Aktuell arbeitet jeder Vierte ausschließlich von zu Hause aus (10,5 Millionen Berufstätige).
Eine vom Online-Reisebüro Expedia in Auftrag gegebene Studie fand heraus, dass sich 49 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland dabei eine Auszeit vom heimischen Büro wünschen. Wer das Homeoffice in die Ferne verlegen möchte, braucht die Zustimmung des Arbeitgebers und eine Auslandskrankenversicherung, die längere Aufenthalte abdeckt.
Langzeiturlaub
Die Reisebranche umwirbt „long stay“-Gäste mit günstigen Preisen. Zur Zielgruppe zählen Pensionäre, die im Süden überwintern wollen, ebenso wie Leute, die noch voll im Berufsleben stehen. Auch Eltern mit schulpflichtigen Kindern fliehen vor Corona in den Süden – Homeschooling macht es möglich.
Bei Club Med gibt es das Angebot, vier Wochen zu buchen und nur zwei zu bezahlen. Auch Robinson Club hat spezielle Preise für Langzeitgäste, die mehr als 21 Tage bleiben. Bei Kreuzfahrtreedereien lohnt sich die Nachfrage nach Vergünstigungen für längere Aufenthalte (www.tuicruises.com, www.aida.de, www.hl-cruises.com).