Golfer zu Fuß auf dem Highway Foto: Stefan Brünjes Foto: Golfer zu Fuß auf dem Highway Foto: Stefan Brünj/s

Australisches Extrem-Golf auch für Ungeübte – ohne Grün zwischen Kängurus und diebischen ­Krähen, auf dem längsten 18-Loch-Kurs der Welt: 1365 Kilometer.

Kambalda - Ein Akku-Bohrer wär jetzt gut. Denn in diese steinharte, rostrote Outback-Erde drückt kein noch so starker Daumen ein Plastik-Tee, diese Golfer-Abschlaghilfe in Form einer Riesenstecknadel. Ersatz dafür hat deshalb hier fast jeder Golfer in seiner Tasche: den zurechtgeschnittenen Hals einer Plastikflasche.

 

Das geht so: Flaschenhals wackelfrei auf dem Boden positionieren, Deckel abschrauben, Golfball auf die Flaschenöffnung legen. So weit, so simpel. Aber den Ball nun zu fixieren und dabei den Schläger für eine ideale Flugbahn zu justieren – kaum möglich, denn Dutzende Fliegen surren am Ohr und krabbeln unter die Sonnenbrille in Schweißrinnsale.

Schweißtreibendes Golfen in der Hitze

Der dann doch irgendwie gelingende Abschlag zerschneidet die sengende Hitze, schmiert im langen Rechtsbogen ab, prallt auf einen Stein und schlägt seitwärts einen Haken ins Dickicht – ebenso wie kurz zuvor die von der Golfbahn, dem Fairway, hüpfenden Kängurus.

Par 4, also mit den hier durchschnittlich benötigten vier Schlägen einlochen? Wird eng auf diesem 392-Meter-Stoppelacker, gut 3300 Kilometer westlich von Sydney, im Kaff Kambalda.

Es ist Loch 16 von „Nullarbor Link“, dem längsten Golfkurs der Welt. Er flimmert als Kopfkino noch mal vorüber, beim Fußmarsch zum verschossenen Ball: 1300 Kilometer sind geschafft seit dem Start vor vier Tagen in Ceduna.

So riesig wie Deutschland ohne Bayern und Baden-Württemberg

Nach den ersten beiden Löchern im dortigen Golfclub folgten die weiteren Abschlagpunkte im Abstand von jeweils mehreren Hundert Kilometern entlang des Eyre Highways. Ein eintöniges Asphaltband durch eine spärlich mit Grasbüscheln bewachsene Landschaftsglatze, so riesig wie Deutschland ohne Bayern und Baden-Württemberg: „Nullarbor Plain“ heißt sie – von lateinisch nullus arbor – kein Baum.

Hier schrieben AC/DC ihre Hardrock-Hymne „Highway to Hell“ im Tourbus, denn hier geht nur: Tempomat auf maximal 110 km/h, Zeigefinger-Lenkung, bloß nicht einnicken beim Abscannen des Horizonts nach dem nächsten Rasthaus. Denn daneben oder dahinter ist endlich wieder ein Fairway.

184 Kilometer weiter^ für Hole No. 6

Nummer 4 etwa hat nicht nur ein Loch am Ende, sondern Tausende auf dem Weg dorthin, weil dachsartige Wombats ihn komplett unterhöhlt haben. Danke für diese vielen Hole-in-One-Chancen bei jedem Schlag!

Bei Loch Nummer 5 hingegen wird der Ball jäh entführt: Eine Krähe schnappt ihn und schwebt davon. Also doch dieses ulkige Warnschild ernst nehmen und vorm Abschlag den Ball zur fliegenden Vogelscheuche machen – mit Lippenstift oder einem eigens empfohlenen Stink-Spray.

184 Kilometer weiter, für Hole No. 6, wird der Ball unter einem fünf Meter hohen Plastik-Känguru aufgestellt, im Örtchen Norseman tanzt vorm Abschlag schon mal eine Gruppe Ngadja-Aborigines, und das Balladonia Roadhouse hat – nein, keine Fata Morgana – die US-Raumstation Skylab auf dem Dach. Teile derselben sind genau hier Ende der Siebziger beim – eigentlich kontrollierten – Absturz runtergefallen, weshalb sich US-Präsident Jimmy Carter telefonisch beim damaligen Roadhouse-Wirt entschuldigte und dieser daraufhin ein Skylab-Museum einrichtete.

Highways und Roadhouses

Offenbar ein idealer Ort für schräge Ideen: Hier ersannen Roadhouse-Manager Bob Bongiorno und Tourismus-Manager Alf Caputo 2009 den XXL-Golf-Kurs. „Ja, wir hatten drei, vier Flaschen guten Roten“, sagt Caputo, „vor allem aber die Vision: weniger Müdigkeitsunfälle auf dem Highway und mehr Gäste in den Roadhouses. Also erfanden wir einen Grund für regelmäßige Stopps – den längsten Golfkurs der Welt.“

Zurück zu Loch 16 in Kambalda: Neben dem von kleinen Ästen, Känguru-Köteln und Furchen übersäten Fairway müsste der Ball nun irgendwo hier in diesem Gestrüpp aus Akazien und Salzbüschen liegen. Bloß nicht rein fassen, ein Biss der dort vielleicht lauernden Schlange wäre tödlich, und die nur fies zwickende Bulldoggen-Ameise muss es auch nicht wieder sein.

Einblick in die australische Seele

Auf Nullarbor geht’s für umgerechnet 50 Euro Startgeld um Cross-Country-Golf-Spaß und den einmaligen Einblick in die australische Seele. Wer bei Hole 13 auf der dortigen Farm übernachtet, wird das Stillleben der im Sonnenuntergang farbenprächtig glühenden Oldtimer-Rostlauben fotografieren und Farmer Ben Holman beim Bier erstaunt zuhören, wenn er von der Jagd auf Kängurus („Landplage!“) erzählt.

Mehr als 20 000 Golfer haben hier schon gespielt. Das Grün an Loch 16 ist tiefschwarz. Denn weder Natur- noch Kunstrasen widersteht hier Sonne und Wind, sondern nur ein schweres Öl-Sand-Gemisch.

Das muss vorm Bespielen geharkt werden. Es sei denn, Eric Donkin sitzt gerade auf seinem Quad. Damit zieht der 78-Jährige die Schwarz-Greens glatt. Nicht nur hier in Kambalda, sondern entlang der gesamten 1365 Kilometer. Alle acht Wochen fährt der Nullarbor-Greenkeeper mit seiner Frau die Strecke hin und zurück, sammelt Müll und ersetzt Fahnen. Die schneiden Souvenirjäger gerne ab und hängen stattdessen Hotelhandtücher hin.

Info: Anreise

Airlines wie Emirates (www.emirates.com) fliegen von Frankfurt mit Zwischenstopps nach Perth. Von Perth weiter mit Qantas (www.qantas.com) oder Virgin Australia (www.virginaustralia.com) nach Kalgoorlie.

Unterkunft

Moderne Zimmer sowie solides Frühstück bietet das Plaza Kalgoorlie. DZ ab 169 Euro, www.plazakalgoorlie.com.au.Das Palace Hotel ist eine Institution aus Goldgräberzeiten, bietet aber modernen, zeitgemäßen Standard mit historischem Ambiente. DZ ab 76 Euro, https://palacehotelkalgoorlie.com/.Unterwegs auf dem Nullarbor Links Golfkurs bieten die Roadhouses einfachen Motel-Standard zum Übernachten für 50 bis 80 Euro/Zimmer, Infos: www.australiasgoldenoutback.com/page/2-days-eyre-highway-and-nullarbor-plain.

Aktivitäten

Der Nullarbor Links Golf Course kann sowohl von Ost (ab Ceduna) nach West (bis Kalgoorlie) als auch umgekehrt gespielt werden. Das Spielen einzelner Löcher ist ebenfalls möglich.

Die West-Ost-Route ist – von Deutschland kommend – wegen der Flugverbindungen günstiger. Score Cards (Anschreibekarten für die Schläge pro Loch) und Leihschläger gibt es an den Startpunkten. Das Startgeld beträgt 50 Euro, www.nullarborlinks.com.

Allgemeine Informationen

Australisches Fremdenverkehrsamt, www.tourism.australia.com.

Reise