Es muss nicht immer Sylt sein: Amrum ist mit Wald und Kniepsand Sinnbild ländlichen Inselzaubers, Föhr leistet sich sogar Rushhour und Kunstmuseum.
Wittdün/Wyk - Aus grauen Wolken ergießt sich Regen auf Strand, Dünen und die fünf Dörfer Amrums. Im Café „Dörnsk an Köögem“ – was so schlicht wie treffend „Wohnzimmer und Küche“ bedeutet – drängen sich die Gäste, die jetzt eine Stärkung in Form von Waffeln mit roter Grütze und Schlagsahne benötigen. Das Reethaus im schönen Dorf Nebel in der Inselmitte ist vollgestopft mit Miniatur-Segelbooten, Aufstell-Möwen, Vogelhäusern in friesischem Blau und anderen Deko-Artikeln, die hier auch verkauft werden. Dazwischen balanciert die Kellnerin Teekännchen und Kaffeetassen, duftendes Gebäck und dampfende Krabbensuppe.
Das Dorf Nebel ist mit dem kuscheligen Café, den prachtvollen Friesenhäusern und der Inselkirche St. Clemens, deren Wurzeln tief in vorreformatorische Zeiten reichen, ein Stück Friesland wie aus dem Bilderbuch – sogar bei schlechtem Wetter. Sein Name erlaubt indes keine Rückschlüsse auf die hiesigen klimatischen Verhältnisse, sondern hat sich aus der friesischen Entsprechung für „neue Siedlung“ entwickelt. Einst waren Norddorf und Süddorf die einzigen bewohnten Orte auf Amrum – bis infolge einer Streitigkeit zwischen beiden Dörfern, die beide Anrecht auf die Inselkirche zu haben glaubten, im 13. Jahrhundert das Gotteshaus ungefähr auf halber Strecke zwischen ihnen erbaut wurde – hier.
Die Reetdächer der Kapitänshäuser sind Sinnbilder friesischer Gemütlichkeit
Ab dem 16. Jahrhundert ließen wohlhabende Kapitäne in Nebel dann die großzügigen Häuser erbauen, deren kleine Fenster Stürme aussperren und deren Reetdächer heute Sinnbild friesischer Gemütlichkeit sind. „Nebel blieb lange vom Tourismus unberührt“, erklärt Lars Rickerts, der von der Insel stammt und fürs Tourismusbüro arbeitet. Denn zunächst konzentrierte sich der Badebetrieb auf Wittdün, das 1889 als Badeort angelegt wurde. Hier kommt noch heute die Fähre an, hier befindet sich die kultige Seefahrerkneipe „Blaue Maus“, und dank der Lage auf einer Landzunge ist das Meer überall nahe.
Heute ist man froh, dass die Bautätigkeit rund um den Tourismus das Dorf Nebel verschonte. Sobald der Himmel wieder aufreißt, spaziert man direkt in die Geschichte der Insel. Rings um die Kirche St. Clement erzählen „sprechende Grabsteine“ die Geschichten früherer Dorfbewohner. Junge Insulanerinnen erscheinen in dieser Kirche erstmals in Tracht, wenn sie konfirmiert werden.
Bei Nebel auf Amrum liegt die älteste Mühle Nordfrieslands
Das idyllische Dorf ist längst nicht das einzige Wunder dieser Insel. Die älteste, 1771 erbaute (und noch bis 1963 betriebene) Mühle Nordfrieslands erhebt sich am Rande Nebels; der auf einer 25 Meter hohen Düne positionierte Amrumer Leuchtturm ist mit 41,8 Metern der höchste an der Nordseeküste.
Zudem kann man auf Amrum nicht nur am Strand, sondern auch in einem richtigen Wald wandern. Und nicht zuletzt ist die Insel, die noch im fortgeschrittenen 19. Jahrhundert zum dänischen Staatsgebiet gehörte, bis heute zweisprachig.
Allerdings ist neben dem Deutschen nicht Dänisch, sondern Friesisch gebräuchlich. 2300 Menschen leben heute auf Amrum. Wenn es im Sommer voll wird, gesellen sich 10 000 Gäste zu ihnen. Die Insel ist dennoch groß genug, dass die Besucher einander aus dem Weg gehen können. Dafür sorgt schon der Kniepsand, die fast 15 Kilometer lange und bis zu eineinhalb Kilometer breite Sandbank, die Amrums Westküste geradezu pazifisches Flair verleiht.
Föhr ist die bevölkerungsreichste unter den nordfriesischen Inseln
Wer mit der Fähre vom Festland nach Amrum übersetzt, kommt zunächst an Föhr vorbei. Die Insel, auf der 8300 Menschen leben, rangiert im Bereich der Weltenferne ein gutes Stück hinter Amrum. Zum einen liegt Föhr näher am Festland, zum anderen ist sie mit 82 Quadratkilometer Fläche nicht nur viermal größer, sondern sogar die größte und dazu bevölkerungsreichste der deutschen Frieseninseln – nach Sylt, das seinen Inselstatus allerdings einer Landverbindung geopfert hat.
Föhr kennt so prosaische Probleme wie Parkplatzsuche, besitzt zum Ausgleich für diese Begleiterscheinung seiner Urbanität aber auch ein eindrucksvolles Kunstmuseum. Das an der Stelle des längst geschlossenen „Dorfkrugs“ erbaute Museum „Kunst der Westküste“ in Alkersum verdankt seine Existenz dem in Schweden gebürtigen Chemiker und Pharmazeuten Frederik Paulsen, dessen Großeltern von der Insel stammen und der aufgrund dieser Verbindung 2009 das Museum stiftete. Hier werden auf Basis eigener Werke mit Unterstützung durch Leihgaben Ausstellungen um die Themen Meer und Küste entwickelt und gezeigt – 74 in den ersten zehn Jahren seines Bestehens. Der Begriff der Westküste ist hier weit gefasst und reicht von Norwegen bis zu den Niederlanden. Im Garten blühen alte Rosen zwischen mächtigen Bäumen. Es ist ein verzauberter Ort – der Museumskomplex, zu dem neben zahlreichen anderen Schätzen auch zwei frühe Gemälde Edvard Munchs gehören, ebenso wie der friedliche Garten.
Die Bauern und der Arzt auf Föhr versorgten Amrum mit
Obwohl auf Föhr doppelt so viele Menschen leben wie auf dem ländlichen Amrum, verbindet die beiden Schwestern mehr, als sie trennt. Schon sprachlich sind die Bewohner einander nahe; zwar sprechen Amrumer und Föhrer unterschiedliche Dialekte, doch sind diese einander ähnlicher als dem Friesisch der Sylter. Weil es auf Föhr immer viel Landwirtschaft und außerdem auch einen Arzt gab, waren die Verbindungen traditionell eng. „Bei uns gab’s nur Sand“, sagt der Amrumer Lars Rickert. Aber was für welchen. Nicht umsonst erwies sich dieser Sand später, als der Tourismus Schwung bekam, als pures Gold. Blendend weiß, makellos und nahezu unendlich erstreckt sich der Kniepsand entlang der Insel. Steht man auf den Dünen, sind die Strandkörbe nur kleine, bunte Punkte auf dieser Sandbank.
Informationen
Anreise
Mit dem Zug über Hamburg nach Dagebüll (www.bahn.de). Die Fähre von Dagebüll nach Föhr und Amrum verkehrt zwischen 5 und 20 Uhr etwa einmal pro Stunde (Fahrplan unter www.faehre.de).
Unterkunft
Auf dem Festland liegt das Strandhotel Dagebüll mit gutem Restaurant unmittelbar an Deich und Hafen. Das Doppelzimmer kostet hier ab 98 Euro, www.strandhotel-dagebuell.de. Auf Föhr bietet das Ende 2018 am Südstrand eröffnete Wellnesshotel Upstalsboom große, maritim eingerichtete Zimmer, Balkone mit Strandkorb sowie Innen- und Außenpool. DZ ab 229 Euro, www.resort-suedstrand-foehr.de. Die Insel Föhr verfügt außerdem über fünf Schlafstrandkörbe, in denen man beim Rauschen der Wellen einschläft. Schlafsäcke oder Decken sind mitzubringen. In den Korb passen zwei Personen, nur eine Nacht ist buchbar. Die Übernachtung im Schlafkorb kostet 59 Euro, www.foehr.de/schlafstrandkorb. Auf Amrum bietet das auf mehrere Gebäude verteilte Hotel Hüttmann in Norddorf komfortable Zimmer und ein gutes Restaurant. DZ ab 125 Euro, www.hotel-huettmann.de.
Allgemeine Informationen
Nordsee-Tourismus Service GmbH, www.nordseetourismus.de.