Bis heute Auslöser von Hohn, Wut und Entsetzen: George Clooney (li.) und Chris O’Donnell 1997 in den Titelrollen von Joel Schumachers „Batman & Robin“. Foto: imago images

Mit „Batman & Robin“ hat Joel Schumacher, der nun im Alter von 80 Jahren gestorben ist, einen der meistgehassten Filme aller Zeiten gedreht. Wir glauben, dass er trotzdem ein guter Regisseur war und stellen seine besten Filme vor.

Stuttgart - Alle paar Jahre wird Hollywood von dem mulmigen Gefühl beschlichen, es könnte alt geworden sein und gerade den Kontakt zum jungen Publikum verlieren. Dann werden Heilsbringer gesucht. So einer war mal der nun im Alter von achtzig Jahren gestorbene Joel Schumacher: Er sollte Hollywood in den 80er Jahren vor dem TV-Sender MTV retten.

Das Besondere an Schumacher, der sich als Traumberuf einmal Modemacher ausgeguckt hatte und als Kostümdesigner in Hollywood anfing: Seine Filmhits „St. Elmo’s Fire“ (1985) und „Lost Boys“ (1989) wirkten jung, ohne die auf Kurzstrecke ausgelegten Mätzchen und Stilmittel der Musikvideos auf Spielfilmlänge tot zu schinden. „Lost Boys“ zum Beispiel erzählt von einer rebellischen Clique junger Vampire in einer kalifornischen Küstenstadt. Knackige Genreelemente und authentische Sensibilität gehen hier – wie oft bei Schumacher – Hand in Hand.

Wie Schumacher Abschaum wurde

Tim Burtons „Batman“-Filme von 1989 und 1992 sind der Ursprung des modernen Superheldenkinos. Als Burton keinen dritten inszenieren wollte, bekam Schumacher den Auftrag, das damals heißeste Filmfranchise des Planeten weiterzudrehen. „Batman forever“ mit Val Kilmer als Vigilant wurde 1995 ein Hit, der Nachfolger „Batman & Robin“ 1997 dagegen ein Hassobjekt. Eifrige Fanboys, abgehobene Kritiker und erzkonservative Moralapostel befanden in seltener Einigkeit, Schumacher habe Müll abgeliefert. „Danach war ich nur noch Abschaum. Es war, als hätte ich ein Baby getötet“, hat Schumacher selbst diese Phase beschrieben.

Von diesem Karrieretief hat sich Schumacher nur halb erholt: Er durfte weiter Filme machen, höchst interessante wie „Makellos“, „Tigerland“ und „Nicht auflegen!“, die meist auch Gewinn brachten. Aber er bekam weniger Respekt dafür als Kollegen für Vergleichbares. Das Allerbizarrste am Fall Schumacher: Seine beiden „Batman“-Filme sind auf ihre Art Meisterwerke, karnevaleskes Spektakelkino und subversive Mythenbefragung zugleich, voll fröhlicher Sexualisierung und nachdenklicher Veralberung von Superhelden und Superschurken. Das Marvel Cinematic Universe wirkt daneben seelenlos: Da wäre eine Wiederentdeckung fällig.

„Lost Boys“ (1987)

Eines der sogenannten Brat Pack Movies der Achtziger, aber eines mit Biss: Kiefer Sutherland spielt in „Lost Boys“ den Boss einer pöbelnden, provokanten Clique junger Typen, die in einem kalifornischen Küstenstädtchen manchen braven Bürger in Angst und Schrecken versetzt, aber auch manchen braven Teenie fasziniert. Tatsächlich sind diese Kids nicht bloß Möchtegern-Halbstarke, sondern echte Vampire. Lange vor „Bis(s) zum Morgengrauen“ hat Schumacher das Blutsaugertum als Bild für die Sehnsucht nach einem ganz anderen Lebensentwurf genutzt.

„Flatliners“ (1990)

Die Nahtoderfahrung als bewusst gesuchtes Erlebnis: 5 Medizinstudenten (u. a. Julia Roberts und Kiefer Sutherland) wollen mehr über den Tod und das unbekannte Danach herausfinden, „Flatliners“ wird zwar von manchen als schaler Horrorversuch gewertet, ist für gar nicht wenige Menschen aber ein Kultfilm geworden. Ja, hier werden halt nur die Spezialeffekte von damals aufgefahren. Aber Schumacher geht es nicht um Blitz und Donner beim Trip ins Jenseits: eher um die Frage, wie sich Jugend und das Nachdenken über den Tod miteinander vertragen, also wer da wem den Schneid abkauft.,

„Falling Down“ (1993)

Michael Douglas spielt den ganz normalen Bürger, der völlig durchknallt: Eine große private Krise lässt ihn die normalen Reibereien des Alltags, den täglichen Stau etwa, nicht mehr aushalten. Manche werden einwenden „Falling Down“ sei im Zeitalter der dauernden Amokläufe viel zu leichtsinnig. Man könnte aber auch sagen: ein sehr hellsichtiger Film, der damals schon merkt, dass wir immer weniger fest im Geschirr der Regeln sitzen.

„Batman Forever“ (1995)

Großartige Schurkennummern von Jim Carrey als Riddler und Tommy Lee Jones als Two-Face, dazu Val Kilmer zwischen Noir-Vigilant und Lederfetischfreak: „Batman Forever“ ist wunderbar respektlos. Nicole Kidman macht mit jedem Auftritt klar, dass es beim Superheldentum auch um – vergnügliche – sexuelle Perversion geht. Das Alberne und das Ernste der Comicwelt mischen sich ganz faszinierend: ein Hauptspaß.

„Batman & Robin“ (1997)

„Batman & Robin“ ist fraglos in jeder Hinsicht der schlechtere Film als „Batman Forever“. Trotzdem ist er ein missverstandenes Meisterstück. Die Fans tobten damals unter anderem, weil Batmans Rüstung nun sogar Brustnippel aufwies, weil die phallischen Züge des Batmobils überdeutlich wurden und Batman (George Clooney) schwuler wirkte als Erzkonservativen ertragen konnten. Aufgemerkt: Das sind keine Makel des Films, sondern pfiffige Vorzüge. Aber sein Schwerpunkt liegt noch mal ganz woanders. Damals war viel die Rede davon, dass große Popcornfilme immer mehr Fahrgeschäften auf dem Jahrmarkt ähnelten, dass bloßes Mitgerissenwerden nun das Hineindenken und -fühlen in eine Geschichte ersetzen sollte. Schumacher hat dieses Konzept so konsequent angewandt wie keiner vor oder nach ihm. „Batman & Robin“ ist eine Folge von Karussellfahrten, die Figuren sind vorsätzlich eher schrille Gestalten einer Geisterbahn als runde Charaktere. Immer wirbelt, tobt und flitzt etwas: Farben sind wichtiger als Dialoge. Der Film treibt das Ride-Movie-Konzept auf die Spitze, was man aus einem Blickwinkel furchtbar, aus einem anderen aber genial finden kann. Denn nach „Batman & Robin“ bräuchte es keine weiteren solchen Filme, das Konzept ist nun ausgeschöpft, man kann wieder erzählen.

„Flawless – Makellos“

Oh wow, Robert De Niro und Philip Seymour Hoffman gemeinsam in einem Film: „Flawless“ liefert genau das, was man von dieser Besetzung erwarten darf, ganz großes Schauspielerkino. De Niro spielt den erzkonservativen Cop, der von einem Schlaganfall völlig aus der Bahn geworden wird. Zu seiner Therapie gehören Gesangslektionen – aber die erteilt ihm die von Hoffman gespielte Drag Queen Rusty. Der schwule Regisseur Schumacher erzählt hier von einem Zusammenprall der Welten, der nicht historisch geworden ist: „Flawless“ sollte man all denen zur Sichtungspflicht machen, die sich in den neuen Kulturkämpfen der nach rechts driftenden Vereinigten Staaten so hasserfüllt zu Wort melden.

„Tigerland“ (2000)

Was man vom freundlichen, sensiblen, verspielten Schumacher am wenigsten erwartet hätte, lieferte er mit „Tigerland“: einen Militärfilm. Die Geschichte spielt 1971, also mitten in der Vietnamkriegsära. Aber eben nicht weit weg in der Kampfzone des Dschungels in Übersee. Die ganze Brutalität wird an der Heimatfront von Amerikanern selbst generiert, während der Rekrutenausbildung (u. a. Colin Farrell, Matthew Davis) in Louisiana.

„Phone Booth – Nicht auflegen!“ (2002)

Filme müssen ständig in Bewegung bleiben, dauernd neue Schauwerte bieten, lautet schon lange eine Grundregel Hollywoods. Die habe sich so verselbstständigt, dass nur noch sprunghafter Quatsch über die Leinwand flackere, mosern etliche Kritiker. Mit „Phone Booth“ lieferten Schumacher und der Autor Larry Cohen das auf die Spitze getriebene Gegenprogramm. Der Film – und dessen geplagter Held Stuart Shepard (Colin Farrell) – kommen nicht los von einer Telefonzelle. Ein Mann hält Shepard im Visier eines Scharfschützengewehrs. Eine fast verquaste Idee – superspannend umgesetzt.

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