Jello Krahmer bei seinem Sieg im DM-Finale gegen Franz Richter Foto: Imago/

Allez, allez – der lange Weg nach Paris (I): Die Sommerspiele 2024 beginnen genau in einem Jahr. In unserer Serie stellen wir zwölf Athletinnen und Athleten vor, die in Frankreich unbedingt dabei sein wollen. Den Auftakt macht der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer.

In genau einem Jahr beginnen die Olympischen Sommerspiele. Einige Athletinnen und Athleten haben die Norm bereits erfüllt, ihr Ticket gelöst. Auch der große Traum von Jello Krahmer ist es, 2024 in Paris dabei zu sein. Doch für ihn wird die Qualifikation ein harter Kampf. Und womöglich ein zähes Ringen.

 

Jello Krahmer (27) ist ein Hüne. Er misst 1,92 Meter, bringt 129,5 Kilogramm Muskelmasse auf die Waage, sein Händedruck hat großen Erinnerungswert. Den Ringer vom ASV Schorndorf bringt so schnell nichts aus der Ruhe, vom Thema Olympische Spiele mal abgesehen. „Wenn ich morgens aufwache, geht der erste Gedanke in Richtung Paris“, sagt er, „und Paris 2024 ist auch der letzte Gedanke, bevor ich einschlafe.“ In der Zeit dazwischen? Gibt es viel zu erledigen.

Zwei Top-Ringer in Deutschland

Ringen ist die große Leidenschaft von Jello Krahmer. Sein Leben. Seine Welt. Er liebt das Duell Mann gegen Mann, ihm gefällt es, alles selbst in der Hand zu haben. „Dieser Sport ist eine faszinierende Kombination aus Kraft, Koordination, Kondition, Taktik, mentaler Stärke und richtig harter Arbeit“, sagt er, „auf der Matte stelle ich mich meinen Ängsten, muss mich auf mich selbst verlassen können. Wer am Ende gewinnt, entscheide alleine ich.“ Und ein bisschen natürlich auch der Gegner.

In der Klasse bis 130 Kilogramm gibt es im griechisch-römischen Stil, in dem nur Griffe oberhalb der Gürtellinie erlaubt sind, in Deutschland zwei Top-Leute: Jello Krahmer und Franz Richter. Der Mann vom AV Germania Markneukirchen erhielt im April das Ticket zur EM 2023, schied dort allerdings bereits im ersten Kampf aus. Nun werden die Karten neu gemischt.

Wer wird für die WM nominiert?

Jello Krahmer holte sich zuletzt im DM-Finale gegen Franz Richter den nationalen Titel und hofft nun, dass ihn Michael Carl für die WM in Belgrad (16. bis 24. September) ins deutsche Team beruft – in Serbien werden an die besten fünf Ringer die ersten Paris-Startplätze vergeben. „Ich habe im Schwergewicht zwei starke Athleten“, sagt der Bundestrainer, „vor der Nominierung stehen noch zwei wichtige Turniere an. Dort geht es um das internationale Leistungsvermögen.“ Und um die WM-Fahrkarte.

Nach den Titelkämpfen in Belgrad gibt es im Frühjahr 2024 zwei weitere Möglichkeiten, um sich ins 16er-Feld für die Sommerspiele zu kämpfen. Drei, vier Athleten, erklärt Michael Carl, rängen in der Weltspitze auf einem extrem hohen Niveau. Aber gegen den Rest sei alles möglich – auch für Jello Krahmer. „Er ist ein sehr professioneller Athlet, der es schafft, seine Leistung abzurufen, wenn es drauf ankommt“, sagt der Bundestrainer, der die Explosivität des Schorndorfers lobt. Und auch weiß, woran dieser noch arbeiten muss: „Am Angriffs- und Abwehrverhalten am Boden. Und an der Ökonomisierung, denn bei großen Turnieren finden mehrere Kämpfe in kurzer Zeit statt.“ Sollte Krahmer diese Punkte in den Griff bekommen, sei Träumen mehr als nur erlaubt: „Dann ist Paris 2024 ein realistisches Ziel für ihn.“

Der Stärkste auf dem Schulhof

Es wäre der vorläufige Höhepunkt einer Laufbahn, die in dieser Form lange nicht absehbar war. Jello Krahmer wuchs in Stuttgart-Wangen auf. Als er sieben Jahre alt war, zog er mit seiner Mutter Sonja zu den Großeltern nach Lorch. Er spielte Fußball, versuchte sich in der Leichtathletik. Erst nach dem Wechsel aufs Gymnasium erfuhr er, dass Schorndorf eine Ringer-Hochburg ist. Er machte ein Schnuppertraining, fand Gefallen an dem Sport. Parallel dazu wurde er größer, stärker, muskulöser – beim Raufen auf dem Schulhof gingen ihm die Gegner recht schnell aus. Bei seiner ersten DM-Teilnahme gab es für ihn zwar wenig zu gewinnen, voll motiviert aber war Jello Krahmer danach: „Ich wollte wissen, was im Ringen für mich möglich ist.“ Einiges, so viel ist längst klar.

Dank der Trainingsarbeit mit seinem Stiefvater Sedat Sevsay, dem Chefcoach des ASV Schorndorf, entwickelte sich Jello Krahmer flott. Schon mit 17 Jahren stieß er zum Aktiven-Team, dessen Kapitän er noch heute ist. Er legte weiter an Kraft und Gewicht zu, die harten Einheiten auf der Matte und im Kraftraum und die gute Ernährung zahlten sich aus. 2017 holte er Bronze bei der U-23-WM, drei Jahre später EM-Bronze bei den Männern. Nun hofft der ehrgeizige Ringer auf noch mehr glänzende Ergebnisse.

Voller Fokus auf den Leistungssport

Jello Krahmer träumt zwar von den Olympischen Spielen, er ist aber kein Träumer. Er weiß, dass es ohne harte Arbeit nicht geht. In Aalen hat er sein Studium mit dem Bachelor of Engineering beendet – und beschlossen, sein Leben zumindest bis zu den Sommerspielen 2028 in Los Angeles dem Leistungssport zu widmen. Er ist Stabsunteroffizier bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr in Bruchsal, erhält Sporthilfe, wird von der Sportregion Stuttgart als Mitglied des Teams Paris gefördert, hat Sponsoren und einen Bundesliga-Vertrag beim ASV Schorndorf – das reicht, um finanziell gut über die Runden zu kommen und genügend Zeit für täglich zwei Trainingseinheiten zu haben. „Ringen ist unglaublich fordernd, körperlich und mental. Man kann sechs Minuten lang keine Sekunde abschalten“, sagt der Schwergewichtler, „wer nicht topfit und in der Lage ist, alles zu geben, der hat keine Chance.“

Doch genau darum geht es für Jello Krahmer in den nächsten Wochen und Monaten: mit Blick auf Paris seine Chancen zu nutzen. Und sei der Kampf auch noch so hart.