Allez, allez – der lange Weg nach Paris (IV): Die Sommerspiele 2024 beginnen genau in zehn Monaten. In unserer Serie stellen wir zwölf Athletinnen und Athleten vor, die in Frankreich unbedingt dabei sein wollen. Zu ihnen gehört auch Bogenschütze Jonathan Vetter.
Es gibt ja nicht nur die Klassiker mit Robin Hood, sondern unzählige Filme, in denen Pfeil und Bogen eine tragende Rolle spielen. Viele von ihnen würde sich Jonathan Vetter nicht anschauen, zumindest nicht bis zum Ende. Weil er bei vielen Szenen, in denen Schauspieler ihre Treffsicherheit vorführen, nur den Kopf schütteln kann („ihre Technik zu sehen, tut oft richtig weh“). Aber vor allem, weil ihm die Zeit für derartige cineastische Ablenkungen fehlt – denn Jonathan Vetter ist selbst ein Bogenschütze mit großer Zielstrebigkeit. Und dazu einer, der genau weiß, wo er hinwill: zu den Olympischen Spielen 2024. Das Drehbuch für den Weg nach Paris? Ist längst geschrieben.
„Bogenschießen ist ein sehr ehrlicher Sport“
Szenenwechsel. Eine Lichtung zwischen Gechingen und Ostelsheim im Kreis Böblingen. Der Wind pfeift, die Kulisse ist malerisch. Diese wunderschöne Naturbühne ist der Trainingsplatz der Bogenschützen der SF Gechingen. Und seit mehr als einem Jahrzehnt die Heimat von Jonathan Vetter (22). Pfeil um Pfeil feuert der Athlet an diesem Nachmittag mit seinem Recurvebogen auf die 70 Meter entfernte Zielscheibe. Fast alle landen in dem gelben Kreis in der Mitte, der einen Durchmesser von nur 24 Zentimetern aufweist.
Jonathan Vetter schaut zufrieden drein, schnappt sich den nächsten Pfeil, nimmt eine stabile Position ein, richtet seinen 3000 Euro teuren Hightechbogen aus, zieht mit der Kraft von 25 Kilogramm an der Sehne, zielt, lässt los. Mit einem leisen Zischen fliegt der Pfeil durch die Luft, zu schnell, um ihn mit bloßem Auge genau verfolgen zu können. Auch er steckt kurz darauf in der Zehn. „Bogenschießen ist ein sehr ehrlicher Sport“, sagt Jonathan Vetter in einer kurzen Pause, „derjenige, der mehr trainiert, wird am Ende der Bessere sein.“ Für ihn selbst ist das keine vorteilhafte Erkenntnis.
Sponsoren gibt es im Bogenschießen nicht
Mehrere der weltbesten Bogenschützen kommen aus Südkorea, sie gehören allesamt Teams großer Unternehmen an. Ihr Beruf ist es, Pfeile zu versenken. Auch drei der stärksten Deutschen können sich weitgehend auf ihren Sport konzentrieren, sie sind bei der Bundeswehr angestellt. Jonathan Vetter hat einen anderen Weg gewählt. Er studiert im siebten Semester Maschinenbau in Pforzheim, wohnt noch in seinem Kinderzimmer in Deufringen, erhält als Student 1000 Euro von der Sporthilfe und eine kleine Förderung durch die Sportregion. „Außer meinen Eltern“, sagt er, „habe ich keine weiteren Sponsoren – die gibt es in unserem Sport nicht. Natürlich wäre es unter dem Leistungsaspekt besser, wenn ich nicht studieren würde. Aber ich werde vom Bogenschießen allein nie leben können. Also muss ich parallel meine berufliche Laufbahn vorantreiben.“ Und dabei großes organisatorisches Talent beweisen.
Im Bogenschießen kommt es auf viele Komponenten an: die Zahl der Pfeile, Konzentration, Koordination, Stabilität in Schulter und Rumpf, die Kontrolle des eigenen Pulsschlags. Das erfordert viel Arbeit. Jonathan Vetter absolviert täglich zwei Trainingseinheiten. Eine auf der Anlage (auch im Winter), wo er zwischen 300 und 350 Schüsse abgibt. Jeweils nach acht Versuchen sammelt er an der 70 Meter entfernten Zielscheibe die Pfeile ein, legt folglich pro Einheit auch noch rund sechs Kilometer zu Fuß zurück. Dazu kommen Kraft- und Athletiktraining sowie Termine beim Physiotherapeuten.
Manchmal, erzählt der Bogenschütze, müsse er dafür die Mittagspause zwischen zwei Vorlesungen nutzen. Hochprofessionell? Geht anders. Und trotzdem sagt Vetter: „Bogenschießen ist meine Leidenschaft. Ich werde alles dafür tun, um 2024 in Bestform zu sein. Es nach Paris zu schaffen, ist mein großer Traum.“
Noch ist offen, wie viele Startplätze es in Paris geben wird
In diesem Jahr klappte bei dem Hochtalentierten nicht alles wie geplant. Krankheiten warfen ihn zurück, ehe er bei den nationalen Meisterschaften vor gut zwei Wochen doch noch einmal sein Potenzial zeigte und Bronze holte. Sieben deutsche Recurvebogen-Schützen haben Chancen, das Ticket für die Sommerspiele 2024 zu lösen. Dort haben sie einen Platz im Einzel-Wettbewerb sicher, zwei weitere sind möglich, sollte sich auch das deutsche Team qualifizieren. Alle Kandidaten starten bei null, im Frühjahr 2024 gibt es zwei interne Ausscheidungen, in denen der Kreis auf vier Schützen verkleinert wird. „Prognosen sind schwierig, schon ein Fehler kann alles entscheiden“, sagt Vetter, „aber ich habe sicher das Potenzial, um in diesem Quartett dabei zu sein.“
Schon als Junior schoss Jonathan Vetter seine Bestleistung von 683 Ringen (bei 72 Schuss), das war 2017 gleichzeitig deutscher Rekord bei den Erwachsenen. Und ein Fingerzeig, was alles möglich sein könnte – schließlich erreichen viele Bogenschützen ihren Leistungszenit erst mit 28 oder 30 Jahren. Folglich müsste der Blick von Jonathan Vetter, der im Training schon mehrmals die Marke von 690 Ringen übertroffen hat, was im Wettkampf erst fünf Europäern gelungen ist, eher in Richtung der Olympischen Spiele in Los Angeles (2028) oder Brisbane (2032) gehen. Doch so weit zu planen, ist nicht sein Ding. Der EM-Siebte von München (2022), der nicht nur für die SF Gechingen, sondern auch für die SGi Ditzingen und die SGi Welzheim (Bundesliga) startet, lebt im Hier und Jetzt. „Was zählt, ist Paris“, sagt er, „weiter denke ich nicht.“ Zumindest sportlich.
Denn im nächsten Sommer will der Bogenschütze im Optimalfall nicht nur um eine olympische Medaille kämpfen, sondern auch noch seine Bachelor-Arbeit schreiben, um im Studium voranzukommen. Dafür wäre allerdings auch nach den Sommerspielen Zeit. So zumindest sieht es Vetters persönliches Drehbuch vor. Nun muss er dieses Skript nur noch realisieren.
Unsere Serie im Überblick:
Genau ein Jahr vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Paris haben wir damit begonnen, Sportlerinnen und Sportler aus der Region Stuttgart vorzustellen. Sie alle eint ein Ziel: Sie wollen im Sommer 2024 im Zeichen der Ringe starten. Bisher erschienen:
Der Schorndorfer Ringer Jello Krahmer
Der Ingersheimer BMX-Fahrer Philip Schaub
Die Fellbacher Sportgymnastin Darja Varfolomeev
In den kommenden Wochen und Monaten stellen wir weitere Athletinnen und Athleten in großen Porträts vor.