Hooligans gegen Salafisten: Die Anhänger der Bewegung lieferten sich am 26. Oktober in Köln Straßenschlachten mit der Polizei. Foto: dpa

Eine gefährliche Entwicklung, die auch vor dem VfB-Umfeld nicht haltmacht: Im Hass auf radikale Islamisten spielen Rechtsradikale mit Hooligans den Doppelpass und missbrauchen damit den Fußball für ihre Zwecke. Könnten die Ultras helfen?

Stuttgart - Die Stimmung in der ­Cannstatter Bahnhofskneipe bewegt sich zwischen gereizt und aggressiv. Es ist kurz nach der 0:4-Heimpleite des VfB gegen den VfL  Wolfsburg. Den Männern am Tresen steht der Frust ins Gesicht geschrieben.

Sie tragen Pullover der Marke Fred Perry oder T-Shirts mit Aufdrucken wie „Bare Knuckle“ oder „Blood Sport Generation“. Einige haben ihre Schädel kahl geschoren, teilweise sind die Arme dick wie Baumstämme. Hooligans wie diese beobachtet der Verfassungsschutz seit den Krawallen in Köln verstärkt. Auch in Stuttgart.

Tattoo „Neckar Fils 1979“ in altdeutscher Schrift

Einer von ihnen trägt eine Halskette, die man auch hinter ein Motorradgetriebe spannen könnte. Ein anderer hat sich auf den Hinterkopf ein Tattoo stechen lassen: „Neckar Fils 1979“ – in altdeutscher Schrift, mit zwei Totenköpfen darunter. Diese Vereinigung wurde schon häufiger in einem Atemzug mit rechten Kameradschaften genannt. Dann fängt einer aus der Gruppe das Pöbeln an.

Warum er sich so großkotzig aufführe, mault er einen unbeteiligten Kneipenbesucher im VfB-Trikot an. Der schüttelt fassungslos den Kopf. „In einer Viertelstunde bist du hier weg“, ätzt der Pöbler. Will der VfB-Fan kein blaues Auge riskieren, sollte er sehen, dass er Land gewinnt.

50 bis 60 Hooligans in der Benz-Arena

Fühlen sich Hooligans von „normalen“ Fußballfans nicht respektiert, kann es sein, dass sie zuschlagen. Und Hooligans gibt es nach wie vor in der Cannstatter Kurve der Mercedes-Benz-Arena. 50 bis 60 sind es, sagt ein Kenner der Szene, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Fünf bis zehn der Fußballrowdys aus Stuttgart seien auch an den Krawallen in Köln am 26. Oktober beteiligt gewesen.

Dort haben sich rund 4500 Hooligans mit Rechtsextremen unter der Flagge der Bewegung Hooligans gegen Salafisten (HoGeSa) zusammengerottet und sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Wie eng die Kontakte in die rechte Szene sind und wie groß damit der Einfluss der Rechten auf Hooligans und den Rest der Fußballfans ist, lässt sich nur schwer abschätzen. Klar ist: Nur wenige Fans sind Hooligans, und nur wenige Hooligans sind rechtsextrem. Aber: „Hooligans bewegen sich ständig im rechtsoffenen Milieu“, sagt der Politologe Richard Gebhardt. Vorsicht ist also geboten.

"Zunehmende Politisierung" in Teilen der Szene

Der baden-württembergische Verfassungsschutz beobachtet das Problem braun gefärbter Rowdys seit Jahren. „Aus unserer Sicht sind die strukturellen Verflechtungen zwischen Hooligans und Rechtsextremisten in Baden-Württemberg nach wie vor gering“, sagt ein Sprecher. Gleichwohl warnt er: „Es ist möglich, dass die HoGeSa-Bewegung durch die Ereignisse in Köln weiteren Zulauf erhält. Die Entwicklung verläuft dynamisch.“ Der Verfassungsschutz sieht durch die Bewegung Anhaltspunkte für „eine zunehmende Politisierung in Teilbereichen der Hooligan-Szene“. Anders ­gesagt: Da braut sich was zusammen.

Wie in nahezu allen Stadien der Republik bilden gewaltbereite Hooligans auch in Stuttgart nur eine Minderheit. Anders als in den 80er und 90er Jahren, als die Hooligans noch in vielen Arenen den Ton angaben. Durch verbesserte Überwachung, Stadionverbote und engere Kontrollen zogen sie sich zunehmend von den Stehtribünen zurück. An ihre Stelle sind die Ultras getreten – glühende Fußballfans zwar, die aber eher nicht zur Gewalt neigen. Doch das Phänomen des Hooliganismus war nie weg. Und es erhält wieder Zulauf.

Springerstiefel, Bomberjacke und Glatze keine Marker mehr

Vor allem Jüngere können dem Schlägertum zunehmend etwas abgewinnen. Ältere Hooligans kehren zurück, nachdem Stadionverbote ausgelaufen sind. Erschwerend kommt hinzu, dass die Trennlinien immer mehr verschwimmen. Die Rechtsextremen unter den Hooligans sind heutzutage schwieriger auszumachen als noch in den 90er Jahren. Damals bestand ihre Kluft aus Springerstiefeln, Bomberjacke und Glatze. Heute sind die Symbole subtiler.

Bestes Beispiel ist die Kleidermarke Thor Steinar: Rechtsradikalen dient sie als ­Erkennungszeichen. Die Marke hat in der Vergangenheit germanische Runenzeichen und andere zweideutige Symbole verwendet. In fast allen Stadien ist sie daher verboten. Doch die Kleidung taucht noch immer vereinzelt auf, auch im Stuttgarter Stehblock. Zu subtil ist die Symbolik, zu schwierig ist es für die Ordner, sie zu erkennen. Neben besseren Kontrollen sehen Experten aber noch weitere Wege, um den Rechtsextremismus in den Stadien zu bekämpfen.

Ultras als Helfer im Kampf gegen Hooligans?

Wollen die Vereine ein Zeichen gegen rechts setzen, können die Ultras dabei ­helfen, auch wenn dies auf den ersten Blick abwegig klingt. Die Ultras von Borussia Dortmund zum Beispiel schwenkten schon dieses Banner: „Nazis enttarnen und bekämpfen!“ ­Aktionen wie diese könnte auch die Vereinsspitze des VfB anregen. Die Anhänger der Ultra-Bewegung – in Stuttgart allen voran die des Commando Cannstatt – sind zwar ­gewiss keine Chorknaben. Mit Kritik ­gegenüber der Vereinsspitze halten sie auch nicht hinterm Berg. Aber Polizeiautos ­umwerfen und braune Hasstiraden grölen?

Das geht den meisten von ihnen viel zu weit. Der Zweite Vorsitzende des Commando Cannstatt, Benjamin Nagel, sagt: ­„Rechtsextremes Gedankengut spielt in unserem Umfeld keine Rolle.“ Er verweist außerdem auf die vielen Kurvengänger mit ­Migrationshintergrund oder den ­schwul-lesbischen Fanclub Stuttgarter Junxx.

Einen weiteren Schwachpunkt sehen Experten bei den Sicherheitskräften. Vielerorts sind die Ordner in den Stadien schlecht oder gar nicht für ihre Aufgaben ausgebildet. Im Falle von Borussia Dortmund beispielsweise stammten einzelne von ihnen sogar aus der rechten Szene. Deshalb gelangten Personen ins Stadion, die dort nicht hingehören. Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der ­Deutsche Fußball-Bund (DFB) haben eine Initiative angestoßen, in der Vereine ihre ­Sicherheitsdienste von unabhängiger Stelle zertifizieren lassen können. Lediglich zwei Clubs aus der ersten und drei aus der zweiten Liga nehmen bis jetzt daran teil.

Auch bei der Nachwuchsarbeit ansetzen

Wie sich der Rechtsextremismus im ­Stadion mit wenig Aufwand bekämpfen lässt, hat Fortuna Düsseldorf vorgemacht. Bei dem Zweitligisten sind Kleidungsstücke mit dem Aufdruck „Hooligans gegen ­Salafisten“ ab sofort verboten. Die zwei ­Zeilen in der sonst eher selten gelesenen ­Stadionordnung haben vor allem eines: Symbolwirkung. Die Meldung ging durch die Medien.

Nicht zuletzt können die Vereine bei der Nachwuchsarbeit ansetzen, sagen Fachleute. Der VfB betreibt seit Jahren das Programm „Mit Spaß und Spiel gegen Drogen und Gewalt“. Ein Fanbeauftragter des Vereins besucht mit einem Polizisten siebte Klassen im Umkreis von Stuttgart. Dabei werden die Kinder für die Themen Drogen und Gewalt sensibilisiert. Dazu passt eine Aussage von DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig: „Dumpfe Parolen verhallen in klugen Köpfen.“ Der VfB-Fan in der Cannstatter Kneipe hätte dem Satz sicher zugestimmt. Doch Sätze wie dieser helfen erst dann, wenn ihnen Taten folgen.

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