Sergio Ramos ist Kapitän von Real Madrid und findet, dass jetzt echte Kerle gefragt sind. Foto: AP/Manu Fernandez

Real Madrid schwächelt – und redet sich vor den anstehenden Gigantenduellen in der Champions League mit Manchester City und dann dem FC Barcelona stark.

Madrid - Es ist eine historische Woche bei Real Madrid, dafür bürgt schon diese Statistik: Erstmals seit 57 Jahren hat der FC Barcelona mehr Tore geschossen. 6150:6151 steht es seit dem Wochenende im Allzeit-Ligaranking der spanischen Kolosse. Was natürlich trotzdem nur eine Fußnote wäre, würde vor dem Besuch von Manchester City an diesem Mittwoch (21 Uhr) zur Champions League und dem Clásico gegen Barcelona am Sonntag nicht genau darin das Problem von Real bestehen: dem Entscheidenden im Fußball. Dem Tor.

Waren die Madrilenen bei ihren vier Champions-League-Siegen zwischen 2014 und 2018 selten die stimmigste, aber immer die effizienteste Mannschaft, läuft es zuletzt eher so wie am Samstag während des 0:1 bei UD Levante. Gefälliger, engagierter Vortrag, eine Vielzahl von Chancen, aber kein Treffer. Real hat in der spanischen Liga die meisten Schüsse abgegeben (402), daraus aber nur 42 Tore gemacht (16 weniger als Barcelona). Auch unter den europäischen Topteams hat es den schwächsten Schnitt. „So ist es unmöglich, die Champions League zu gewinnen“, weiß die Sportzeitung „As“.

Zidane will von einer Krise nichts wissen

Im Club begegneten sie der unangenehmen Thematik am Dienstag mit dem Pfeifen im Walde. Trainer Zinédine Zidane will vor der Begegnung mit dem von ihm bewunderten City-Coach Pep Guardiola („Für mich der beste Trainer der Welt“) von einer Krise nichts wissen: „Das versucht man uns einzureden, aber nein: Wir sind gut drauf!“

Nach freiwilligem Rückzug im Sommer 2018 kehrte Zidane vorigen März zurück, als Real innerhalb von sechs Tagen aus Champions League und Pokal ausgeschieden war sowie seine letzten Meisterschaftschancen verspielt hatte. Ganz so massiert kann es diesmal nicht kommen. Der Pokal ist schon Geschichte (3:4 gegen Real Sociedad), in der Champions League gibt es nach dem Hin- auch noch ein Rückspiel, und in der Liga ist man vorerst nur zwei Punkte hintendran. Die Gefahr liegt im Trend.

Nachdem Real zwischen Mitte Oktober und Anfang Februar keine Partie verlor, hat es jetzt nur eine der letzten vier Begegnungen gewonnen. „Die Stunde der Wahrheit, jetzt sieht man die echten Kerle“, verkündet Kapitän Sergio Ramos, der zweifellos einer ist. „Diese Woche spielen wir um alles“, sagt Zidane.

Verkehrte Real-Welt

Sie tun das auf Basis einer verkehrten Real-Welt. Zidane hat die Defensive stabilisiert, wie man es dem notorisch leichtlebigen Madrid nie zugetraut hätte: Zusammen mit dem FC Liverpool hat es die wenigsten Gegentore in Europas fünf großen Ligen kassiert (17). Der Trainer hat dafür die alte Garde in einem Maße reaktiviert, das auch nicht mehr viele für möglich gehalten hätten: In der Vorsaison kriselnde Akteure wie Raphael Varane oder Toni Kroos sind wieder Leistungsträger, die Achse von Abwehrchef Ramos über Abräumer Casemiro zu Angriffsführer Karim Benzema steht fest, ein Weltfußballer wie Luka Modric fügt sich klaglos in Rotationen. Mit dem Uruguayer Fede Valverde hat Zidane dazu den dynamischen Mittelfeldspieler im eigenen Nachwuchs gefunden, den er im Sommer vergebens auf dem Transfermarkt gesucht hatte.

Aber das Torproblem hat auch Zidane nicht behoben gekriegt. Es besteht seit dem 10. Juli 2018: dem Tag, als Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin wechselte. Ohne ihn und seine rund 50 Saisontore sind selbst Erfolgserlebnisse zähe Angelegenheiten: 0:0 beim FC Barcelona erwirtschaftet, Supercup nach 0:0 gegen Atlético im Elfmeterschießen erkämpft, 1:0 im Ligaderby gegen Atlético.

Goalgetter Ronaldo fehlt

Kluge Gegner locken das Madrider Offensivspiel auf die Flügel und lassen von dort flanken. Die Gefahr ohne Ronaldo ist gering, außer Benzema gilt es kaum einen Spieler zu bewachen. Als der Franzose im Spätherbst eine stabile Trefferquote präsentierte, konnte Real seine Achillesferse noch verstecken. 2020 steht er aber erst bei zwei Toren. Benzema war nie primär ein Goalgetter, dafür gibt es kaum einen mobileren Mittelstürmer, der so viele Lücken reißt. Ohne Ronaldo fehlt jedoch der Spieler, der sie nutzt.

Der für 60 Millionen Euro aus Frankfurt gekommene Luka Jovic hat in 23 (Teil-)Einsätzen erst zweimal getroffen. Auch Eden Hazard steht für den minimalen Input der Einkaufsoffensive vom Sommer. Der belgische Star, der für eine Ablösesumme von 100 Millionen Euro plus Boni vom FC Chelsea kam, zog sich in Levante eine Wadenverletzung zu und fällt bereits zum zweiten Mal monatelang aus.

Ewige Liebesbeziehung

Bleibt für das Duell mit Manchester City das Plus der ewigen Liebesbeziehung zwischen Real und dem Europapokal. Ob sie auch Tore schießen kann, weiß man nicht. Dafür gab es ja immer Di Stéfano und Puskas, Raúl und Ronaldo. Oder wenigstens: Gareth Bale. Der Waliser, der schon mehrfach verkauft werden sollte, bei jeder Gelegenheit seine Lustlosigkeit demonstriert und zuletzt nicht mehr viel vorkam, wird vor der Woche der Wahrheit teils wieder zum Hoffnungsträger ausgerufen. Auch das erzählt eine Menge.

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