Anfang des Jahres haben sich die Nager ausgerechnet das Landgericht als Bleibe ausgesucht. Foto: dapd

Stadt geht gegen die Schädlinge mit 50.000 Giftködern vor. Kostenpunkt: 80.000 Euro.

Stuttgart - Ratten sind schlau, scheu – und auch gegenüber der Justiz respektlos. Anfang des Jahres haben sich die Nager ausgerechnet das Landgericht als Bleibe ausgesucht. „Das Quartier wollen sie nicht mehr freiwillig räumen“, stellt Lars Kemmner fest. Der Presserichter geht davon aus, dass die Nager an der Pforte an der Urbanstraße unter einem Verkleidungsblech hindurch ins Gebäude gedrungen sind.

Gesehen hat die ungebetenen Bewohner allerdings kaum jemand. Deshalb ist auch unklar, wie viele der Delinquenten tatsächlich in dem Justizgebäude Quartier bezogen haben. Die Mitarbeiter wurden auf die unliebsamen Bewohner durch deren Geruch aufmerksam. An der Pforte, im Verbindungsgang zwischen Landgericht und Oberlandesgericht sowie im Sicherheitsbereich hat es nach Auskunft einiger Wachtmeister so „nach Urin gestunken, dass es kaum zum Aushalten war“. Im Verbindungsgang weist mittlerweile sogar ein Aufkleber mit dem Warnhinweis „Achtung! Es lebt“ auf die illegalen Eindringlinge ins Rechtssystem hin.

„Es hätte auch an Problemen mit den Abwasserleitungen liegen können“

Dass die Übeltäter Ratten sind, war zunächst nicht aktenkundig. „Es hätte auch an Problemen mit den Abwasserleitungen liegen können“, sagt Kemmner. Nachdem der Haustechniker den Boden im Verbindungsgang aufgestemmt hatte, war schnell klar, dass das die falsche Spur war: Die Leitungen waren in Ordnung. Erst als mit kriminalistischem Spürsinn die Metallverkleidung an der Pforte abmontiert wurde, waren die Schuldigen entdeckt: eine Rattenfamilie, die vor der Kälte in die Dämmwolle geflüchtet war.

Das weitere Vorgehen war klar: Ein Kammerjäger wurde alarmiert. Der sprach nicht mehr nur von einer Rattenfamilie, sondern von einer Rattenpopulation und legte Giftköder aus. Der Gestank soll durch den Verwesungsgeruch der toten Tiere allerdings noch schlimmer geworden sein. Presserichter Kemmner hofft, dass die Delinquenten bald ausgemerzt sind.

Zur Vorbeugung gegen weitere Verstöße gegen das Hausrecht der Justiz seitens der Ratten will er bauliche Maßnahmen ergreifen: „Am besten wäre es, Maschendraht zwischen Verblendung und Boden zu ziehen, damit die Tiere nicht mehr ins Gebäude kommen“, sagt er. Die Landesbaubehörde ist bereits eingeschaltet.

Auch Gastronomen haben mit Ratten Probleme

Ein Gastwirt, der nicht genannt sein möchte, bestätigt, dass die Rattenplage im Gerichtsviertel ein Problem ist, und fordert die Stadt zum Handeln auf. „Sie können jeden hier fragen. Alle haben oder hatten mit Ratten Probleme“, meint er. Seine Kollegen wollen Probleme mit den Nagern hingegen nicht bestätigen. Und auch bei der Stadt sind noch keine Rattenmeldungen aus dem Viertel eingegangen. „Eine gesetzliche Meldepflicht gibt es nicht“, sagt Thomas Stegmanns, Leiter der Lebensmittelüberwachung beim Ordnungsamt der Stadt.

Ende Februar dieses Jahres veranlasste er eine Betriebsschließung in einem Lebensmittel verarbeitenden Betrieb in Stuttgart wegen Mäusen. Welcher Betrieb das ist, muss derzeit noch anonym bleiben. „Vom kommenden September an wird aber veröffentlicht, um welche Betriebe es sich handelt“, sagt Stegmanns.

Sofort Kammerjäger hinzuziehen

Pro Jahr verzeichnen er und seine Mitarbeiter bei rund 70 Betrieben der Lebensmittelbranche hy­gienische Mängel. Davon gehen laut Stegmanns etwa fünf Fälle auf das Konto von Mäusen, Ratten oder Kakerlaken. So etwas könne in jedem Betrieb passieren, der mit Lebensmitteln zu tun hat, zeigt er Verständnis. Mäuse, Ratten und Ungeziefer können sich zum Beispiel als blinde Passagiere bei Lebensmittellieferungen in Kartons verstecken. Zum Fall für die Staatsanwaltschaft würde das dann, wenn in den betroffenen Betrieben nichts gegen die Plage unternommen wird. „Es sollte sofort ein Kammerjäger hinzugezogen werden, denn wenn die Betreiber selbst mit Chemie gegen die Eindringlinge vorgehen, nutzt das nicht viel“, meint er.

Der Fachmann setzt gegen Mäuse und Ratten Giftköder mit blutverdünnendem Mittel ein. Durch das Gift werden die Tiere schwächer und verenden. Gegen Kakerlaken kommen Klebefallen mit Sexuallockstoffen zum Einsatz.

50.000 Giftköder im Kanalnetz

Die Stadt sagt den Ratten regelmäßig vor Winterende den Kampf an. Statt wie bisher im Frühjahr und Herbst werden nur noch einmal im Jahr rund 50.000 Giftköder in dem 17.000 Kilometer langen unterirdischen Kanalnetz ausgelegt. „Letzte Woche haben wir noch mal Köder nachgelegt“, sagt Robert Hertler, Leiter der Kanalbetriebe der Stadtentwässerung, und betont, dass die Stadt zu der rund 80.000 Euro teuren Aktion gesetzlich nicht verpflichtet ist.

Wie viele Ratten es in Stuttgart gibt und wie viele durch die Köder getötet werden, will er nicht schätzen. Er geht aber davon aus, dass jetzt mehr Ratten gesehen werden, weil sie geschwächt durch die Blutverdünnungsmittel nicht so schnell flüchten können wie gesunde Tiere.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: