Stadtdekan Schwesig (li.) und sein katholischer Amtskollege Hermes (re.) suchen den Dialog mit Juden und Muslimen Foto: Peter Petsch

Die christlichen Stadtdekane Hermes und Schwesig gründen einen neuen Stuttgarter Rat der Religionen mit Muslimen und Juden.

Stuttgart - Søren Schwesig geht mit diesem Gedanken schon lange schwanger: Ein Runder Tisch, an dem die großen drei Religionen sitzen und mit einer Stimme nach außen sprechen. Immer wieder dachte Schwesig laut darüber nach – auch bei einem der regelmäßigen Mittagessen mit seinem katholischen Amtskollegen. „Wie wär’s“, sagte Schwesig zu Christian Hermes, „wenn wir einen Rat der Religionen gründen.“

Der Protestant rannte bei seinem katholischen Bruder offene Türen ein. Hermes war sofort mit im Boot. Denn er hatte selbst „seit Jahren“ ähnliche Gedanken und Pläne.

Und jetzt wird die Sache also konkret. Ziel des Rats ist es, die drei (Buch-)Religionen Judentum, Islam, Christentum in Stuttgart an einen Tisch zu bekommen. „Aber es wäre auch schön, wenn Oberbürgermeister Fritz Kuhn mit dabei wäre“, sagt Schwesig, „ein Vertreter der Stadt sollte nicht fehlen.“ Die Einladungsbriefe gehen in den nächsten Tagen raus.

Keinen Brief bekommen allerdings Religionsgemeinschaften, die als verfassungsfeindlich eingestuft werden. Hermes: „Wir wollen moderaten Muslimen die Hand reichen, aber auch den militanten Islam ächten.“ Søren Schwesig ergänzt: „Wer vom Verfassungsschutz beobachtet wird, ist nicht dabei.“ In der Satzung des Rats wird also eine Verpflichtung der Mitglieder aufs Grundgesetz stehen. Nicht enthalten ist eine bindende Haltung zur Anerkennung des Staats Israels. „Aber diesen Geist wird unsere Satzung atmen“, sagt Schwesig.

Beim Start der künftig halbjährlichen Treffen im Mai werden zum Beispiel auch Hindus und Buddhisten fehlen. „Mikroskopisch kleine Religionsgemeinschaften in Stuttgart werden zunächst nicht eingeladen“, sagt Christian Hermes.

Dabei geht es weniger um Ausgrenzung, sondern vielmehr um die innere Stärke und Handlungsfähigkeit des Rats. Als Negativbeispiel dient den beiden Stadtdekanen der von Altoberbürgermeister Wolfgang Schuster im Jahr 2001 einberufene „Runde Tisch der Religionen“. Nach dem Start gab es seinerzeit kein zweites Treffen. Eine gute Idee versandete. Das wollen Schwesig und Hermes nun mit aller Macht vermeiden. Allerdings ist diese Begrenzung der Teilnehmer nicht auf ewig in Stein gemeißelt. Nach einem geplanten Jahrestreffen aller Religionen, die in Stuttgart eine Rolle spielen, könnten solche Gruppen zu ständigen Ratsmitgliedern werden.

„Für die Stadtgesellschaft ist es wichtig, dass sich verschiedene Religionsgruppen verständigen“, sagt Schwesig, „und dazu brauchen wir die Begegnung, die nun regelmäßig in Form dieses Rats stattfinden soll: „Zusammensitzen, kennenlernen, Vertrauen schaffen im Miteinander, das ist es, was wir brauchen.“

Eines stellen die Stadtdekane dabei klar: Es sollen weniger intellektuelle oder theologische Themen besprochen werden. „Es geht um praktische Dinge wie zum Beispiel bei Fragen der unterschiedlichen Bestattungskultur “, sagt Søren Schwesig.

Hermes nickt zustimmend und ergänzt: „Wir hatten bisher ein Problem, dass wir nicht gemeinsam reagieren konnten, wenn es einen Vorfall gab.“ Er nennt das Beispiel Pegida – die Bewegung Patriotischer Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes. Schwesig wäre dagegen froh gewesen, wenn alle Religionen mit einer Stimme auf die Attentate in Paris auf die Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ reagiert hätten.

Solche Signale wünschen sich die Stadtdekane in Zukunft von den drei großen Religionen, die in Stuttgart die Mehrheit der Einwohner (über 60 Prozent) repräsentieren. Sie wollen, dass die drei großen Religionen in wichtigen Fragen zur Stadtgesellschaft mit einer starken Stimme tönen.

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