Die Autobahnraststätte ist ein verkannter Ort. Wo sonst lässt sich so hemmungslos Ungesundes essen? Wo sonst blicken wir so leicht ins Leben der anderen und in unser eigenes? Eine Hommage. Foto: SoAk

Nirgendwo lässt sich der Mensch besser beobachten als an einer Autobahnraststätte.

Das Vorzimmer zum Kinderhimmel hieß Heidiland und lag an der A13 kurz hinter Bad Ragaz. Heidiland war ein Zauberwort, das jede Reiseübelkeit, die sich aufgrund übermäßigen Stullen-Konsums bereits kurz nach der Autobahnauffahrt eingestellt hatte, in Wohlgefallen auflöste. Der Name klang nach Bilderbuchwelt, heißer Schoki mit Sahne und mit viel Glück nach Bifi oder Raider. Nach Dingen also, die es zu Hause nicht gab. Heidiland war eine Raststätte in der Schweiz – und ist es noch – und war der Ort, an dem ich jedes Jahr begriff, dass nun unendliche Sommerferien in Italien vor mir lagen und damit eine Zeit ohne Vollkornbrot und Hausaufgaben. Heidiland schmeckte nach Hedonismus.

Vielleicht liegt es an dieser frühkindlichen Prägung, dass mich das Zeichen einer Autobahnraststätte noch immer wie mit einem unsichtbaren Band von der Straße zieht. Keine Fahrt über 100 Kilometer, auf der ich nicht wenigstens einmal rechts rausfahre. Ich tue das der Bifi wegen, einer in Plastik eingepackten Minisalami oder für ein buntes Eis aus der Truhe in leuchtenden Farben. Manchmal hole ich mir ein viel zu süßes kaltes Kaffeegetränk aus der Dose, das sich als Mr. Brown vorstellt, oder ein Sandwich mit Mayo. Dinge also, die ich mir zu Hause immer noch versage, weil sie dort nicht in mein Leben zu passen scheinen. Die sich aber selbstverständlich in die vakuuminöse Atmosphäre der Raststätte einfügen und auf eine vielleicht einfachere Zeit verweisen, als Geschmacksverstärker und Benzingeruch noch für Fortschritt standen und Italien nicht für Berlusconi.

Ich lungere also meist im Kioskbereich der Anlagen herum oder esse stehend zwischen den Autos. Ins Rasthof-Restaurant gehe ich nie – wobei, einmal bin ich nachts nach Leipheim gefahren, um mir dort den neu eröffneten Rasthof an der A8 anzugucken, und bei der Gelegenheit habe ich das Schnitzel mit Pommes ausprobiert ... Aber nachts allein in der Raststätte zu essen, ist wie in einem Edward-Hopper-Bild mitzuspielen und nur hartgesottenen Melancholikern zu empfehlen.

Der französische Ethnologe Marc Augé hat Konstruktionen wie Bahnhöfe, U-Bahn-Stationen, Flughäfen, Shopping-Center und Raststätten, die Auswüchse einer immer mobileren Gesellschaft, Anfang der 90er Jahre als Nicht-Orte bezeichnet. Diese transitären Raumstrukturen, so Augé, seien weder identitäts- noch beziehungsstiftend, ohne Geschichte. Sie stünden damit paradigmatisch für die Übermoderne, seien wie ständig sich verändernde Manuskriptseiten, „auf denen das verworrene Spiel von Identität und Relation ständig aufs Neue seine Spiegelung findet“, schrieb Augé in seinen Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit.

Ist das nicht toll! Eine Bühne, auf der wir uns selbst beim ständigen Ankommen und Aufbrechen zuschauen, immer im Dazwischen, niemals am Ziel. Die da neben mir auf dem Parkplatz im VW Passat mit Mann und zwei Kindern, der bequemen Reisehose und der großen Sonnenbrille im Haar – bin das vielleicht ich? Oder bin ich die Raucherin unterm Sonnenschirm mit den blondierten Haaren und der allzu knappen Hüfthose? Das kleine Mädchen, das auf der Hundepinkelwiese spielt, oder die Frau, die ihrem Mann Kaffee und Kuchen bringt? Man kann die Raststätte zur Reflektion nutzen, man kann auch einfach nur ein Bier trinken. Überhaupt muss man sich die Raststätte als Ort der Freiheit vorstellen, an dem nichts bleibt.

Wer braucht am Rande der Autobahn schon Geschichte, wenn er dort Geschichten finden, ins Leben der anderen schnüffeln kann. In der selbstbewussten Schäbigkeit einer Autobahnraststätte menschelt es mehr, als es das im wiederauferstehenden Berliner Stadtschloss je tun wird. Man blickt in die Kühlboxen rheinländischer Großfamilien, in die grauen Gesichter der Fernfahrer, hört das Schweigen mancher Paare. Kürzlich erhaschte ich an der Raststätte Schauinsland an der A5 rund um die Rauchstation einen kurzen Blick in die Welt von ein paar milchgesichtigen Männern: Der eine: „Sag mal, wie ist das beim Bund? Du bekommst da doch eine Rente?“ Der andere: „Ja, ich hab mich auf zwölf Jahre verpflichtet. Dann bekomm’ ich mit Anfang 30 eine Rente und kann wieder Party machen.“ Darauf ein dritter: „Außer du kommst nach Afghanistan.“ Wieder der erste: „Mit 30 willst du sowieso keine Party mehr machen. Da bist du verheiratet.“ Willkommen in der Übermoderne, lieber Marc Augé!

Dass die Anlagen, die von oben so aussehen, als klebe an der Straße eine Geschwulst, keine Seele haben, stimmt übrigens nicht immer. Kurz vor Augsburg gibt es die Kleinraststätte Lüftenberg. Bis vor einigen Jahren stand dort die vielleicht schönste Toilette Deutschlands. Ein älterer Herr osteuropäischer Herkunft begrüßte seine Kunden am Eingang. Dabei trug er einen weißen Kittel wie ein Arzt – oder früher ein Barbier – und reichte ein paar Blätter weiches Klopapier. Drinnen wuchsen Plastikblumen von der Decke, die Tapete war bunt, mit Bildern von weiten Landschaften bestückt, in der Ecke hing ein Kruzifix, und es lief leise Musik. Vielleicht halluzinierte ich auch nur aufgrund übermäßigen Raumsprayeinsatzes, aber so ähnlich sah es dort auf jeden Fall aus. Mittlerweile ist das Klo ein vollautomatisiertes „Sanifair“, und für die Seele bleibt einem nur noch die Autobahnkirche Maria ein Stück weiter.

Leider ist in den 90er und 00er Jahren viel gute alte Raststättenarchitektur kaputt gemacht worden. Ich mochte diese hingeklotzte, ein wenig brutale Ästhetik ohne Schnörkel. Denn so ist die Autobahn nun mal. Hier verdrängt der Mensch die Natur und die Menschen sich gegenseitig. Dazu sollte man stehen. Aber die geraden Linien, die Flachdächer, der Mut zum Waschbeton der 60er und 70er Jahre musste oft Rundungen und hellem Holz weichen. Sobald aber die Raststätte anfängt, sich als Ort zu inszenieren, an den man um seinetwillen fährt, gar als eine Art Erlebnisgastronomie mit Wellness-WC, mag ich sie nicht mehr. Wenn ich an der Raststätte Illertal-Ost an der A7 ins Allgäu vorbeibrause mit ihrer Hundertwasser-meets-Walt-Disney-Optik, schaudert mich leicht.

Nein, die Raststätte muss ein Nicht-Ort bleiben, an dem man sich selbst und den anderen für eine Weile zusieht und eine herrlich unvernünftige Minisalami isst. Ein kurzer Halt, der einem deutlich macht, wohin man eigentlich wollte. Und sei es nur nach Italien.

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