Guter Fußball braucht guten Rasen. Hier erklären Platzwart-Profis, worauf es ankommt, wie hoch die Grashalme sein dürfen und warum sich der Einsatz von 49 000 Litern Wasser täglich auszahlt.
Stuttgart - Die Hitze beschäftigt auch die Greenkeeper beim VfB Stuttgart. „Wir schießen aus allen Wasserrohren“, sagt Volker Bähr, Greenkeeper beim VfB. Das heißt: Es wird bewässert, was das Zeug hält. Und selbst das ist manchmal nicht genug. Wenn im Nachbargebäude bei Daimler Pausenzeit ist und viele Toilettenspülungen gleichzeitig laufen, lasse der Druck in den Rasensprenklern nach, sagt Bähr. Dann sprühen sie zwei, drei Meter kürzer, und am Spielfeldrand entstehen braune Flecken. Das ist der tägliche Kampf der Rasenmänner beim VfB, vor allem wenn es um die 35 Grad hat.
Der Rasen ist ein Herzstück des Fußballspiels – und trotzdem immer nur Nebendarsteller. Das Gleiche gilt für Greenkeeper, die Rasengärtner, die den Fußballrasen rundum bemuttern. Dabei sind sie bei jedem Spiel und jedem Training dabei. In der Halbzeitpause von Bundesligaspielen huschen sie über das Spielfeld und stopfen die größten Löcher. Selbst ins Trainingslager fährt immer ein Greenkeeper mit, um das Grün zu prüfen und in Schuss zu halten. Der Platz muss eine vergleichbare Qualität wie Bundesliga-Spielfelder haben. Und da ist mehr zu beachten, als man für möglich gehalten hätte.
100 000 Halme pro Quadratmeter
Nicht die kleinste Unebenheit ist erlaubt, denn entstehen Löcher, hüpft der Ball. Und der Rasen muss so dicht stehen, dass man „keine Erde zwischen den Blättern sieht“, sagt Bähr. 100 000 Halme bedecken jeden Quadratmeter. Nicht so einfach, wenn ständig Spieler die Stollen ihrer Schuhe in die Rasendecke bohren.
Wenn die Kicker Pause machen, schwärmen die Greenkeeper über den Platz und schließen mit einer Gabel mit drei kurzen, dicken Zacken die Löcher im Grün. Wenn zu große Löcher entstehen, steche man am Spielfeldrand ein Stück Rasen aus fülle das Loch, sagt Bähr. Oder sie müssen den Boden lüften, etwa wenn die Tormänner beim Torwarttraining eine Stunde lang an derselben Stelle rumspringen.
Ein neuer Rasen kostet 130 000 Euro
Ein Rasen, der das aushält, braucht Planung und die richtige Mischung, denn den Rasen auszutauschen kostet etwa 130 000 Euro. Beim VfB setzt man auf 80 Prozent Weidelgras und 20 Prozent Wiesenrispe, die in den drei bis sechs Zentimeter dicken Rollrasen eingepflanzt sind. „Die Wiesenrispe ist wie die Metallgitter im Beton. Mit ihren unterirdischen Ausläufern hält sie den Rasen zusammen“, sagt Jörg Morhard, Rasenexperte von der Uni Hohenheim und Vorstandsmitglied der Deutschen Rasengesellschaft. Das satt dunkelgrüne Weidelgras dagegen sei sehr belastbar und regeneriere sich schnell. Von beiden Gräsern gebe es verschiedene Sorten, manche seien krankheitsresistenter, andere hitzebeständiger. „Damit kann man spielen“, sagt Morhard.
Auch ein guter Fußballrasen braucht immer wieder Aufmerksamkeit. Damit er zwischen den hohen Stadionwänden genug Licht bekommt, wird er mit UV-Lampen beleuchtet. Die Tor- und Seitenlinien müssen gezogen werden, jedes zweite Mal mit einer Richtschnur, damit keine verwackelten Linien entstehen, wie man sie von Amateurspielfeldern kennt. Der Rasen muss vor Schädlingen geschützt werden. Die Maschinen würden nach jedem Einsatz desinfiziert, niemand dürfe mit Straßenschuhen auf den Rasen, sagt Bähr. „Wenn jemand auf der Straße an einem Pilz vorbeiläuft, holt man sich den schnell aufs Feld“, so der Greenkeeper. Läuft alles nach Plan, hält der Rollrasen ein bis zwei Spielzeiten.
Die Halme sind 26 bis 28 Millimeter lang
Und natürlich muss gemäht werden, zwei Mal die Woche. So kommen nicht nur die Streifen aufs Spielfeld – eine Walze hinter dem Mäher frisiert die Halme in Fahrtrichtung und lässt das Grün so abwechselnd hell und dunkel erscheinen. Der Rasen bestimmt auch das Tempo des Balls: je kürzer, desto schneller. Beim VfB halten die Greenkeeper die Länge immer zwischen 26 und 28 Millimeter, das wird regelmäßig überprüft. Kürzer wäre „ein Stress für die Pflanze“, sagt Bähr, auch wegen der Hitze. Ein Rasen mit 15 Millimetern Länge, wie Startrainer Pep Guardiola von Manchester City ihn sich wünscht, wäre in der deutschen Liga auch bei niedrigeren Temperaturen nicht möglich. Der DFB fordert eine Mindestlänge von 25 Millimetern.
Auch ein feiner Wasserfilm auf den Grashalmen lässt den Ball besser laufen – und schützt das Grün gegen die Hitze. Die richtige Wassermenge ist derweil eine Gratwanderung: Sprenkelt man zu wenig, vertrocknet der Rasen. Ist es zu viel, bilden sich aber die Wurzeln nicht aus. Bei Temperaturen von jenseits der 30 Grad und leichtem Wind brauche man täglich zumindest sieben Liter Wasser pro Quadratmeter, sagt Jörg Morhard von der Uni Hohenheim. Auf das ganze Spielfeld mit 7000 Quadratmetern hochgerechnet bedeutet das jeden Tag 49 000 Liter Wasser – etwa der Tagesverbrauch von 380 Deutschen. Ist das zu viel?
Lob des Naturrasens
„Ich sehe da in Deutschland momentan noch kein Problem“, sagt Morhard. „Ich halte mit dem Wasser auch etwas Grünes am Leben und verbessere das Mikroklima.“ Bei Hitze wirke ein Naturrasenfeld wie eine riesige Klimaanlage, ein Kunstrasen würde sich dagegen zusätzlich aufheizen. „Der Naturrasen ist das nachhaltigste Sportbelag, den es gibt“, sagt Morhard. Für ihn hat der Rasen auch einen emotionalen Stellenwert: „Ein Spiel, bei dem der Rasen gar nicht leidet, ist sehr steril.“
Der Naturrasen brachte den Cannstattern in der letzten Zweitliga-Saison 2016/2017 den Preis „Pitch of the Year“ ein, den Spielplatz des Jahres, den der DFB seit sechs Spielzeiten vergibt. Ein kleines Erfolgserlebnis, gemeinsam mit dem damaligen Wiederaufstieg. Ob man weiter auf Naturrasen setzt, darauf will man sich beim VfB trotzdem nicht festlegen.