Rainer Hinzen geht zum Ende des Monats in den Ruhestand. Foto: Frank Eppler

15 Jahre lang hat Rainer Hinzen als Vorstandsvorsitzender die Diakonie Stetten geprägt. Im Interview sagt er, warum Corona eine harte, aber auch bereichernde Zeit war und welche Baustellen seinen Nachfolger erwarten.

Am 19. April wird Rainer Hinzen feierlich verabschiedet, am 26. April hat er seinen letzten Arbeitstag bei der Diakonie Stetten. Mit unserer Zeitung spricht er über intensive und prägende Zeiten.

 

Herr Hinzen, vor 15 Jahren haben Sie Ihren Dienst als Chef der Diakonie Stetten angetreten. Wie haben Sie diese Zeit empfunden?

Es ist auf jeden Fall eine intensive Zeit gewesen. Besonders intensiv und ein prägender Abschnitt war die Coronazeit.

Die Sie vermutlich am liebsten nicht erlebt hätten?

Grundsätzlich hätte vermutlich jeder darauf verzichten können. Die Kontaktverbote, dass Senioren ihre Verwandten nicht mehr sehen konnten und manchen vor ihrem Tod eine letzte Begegnung mit ihren Familien verwehrt wurde, war schlimm. Vieles, was wir an Teilhabemöglichkeiten geschaffen hatten, musste zurückgenommen werden. Und auch für die Mitarbeitenden war Corona eine harte Zeit, die viel Kraft gekostet hat.

Aber?

Im Nachhinein sagen viele Mitarbeiter, dass sie in der Zeit auch positive Erfahrungen gemacht haben. Man habe gemerkt, dass man sich auf den anderen verlassen konnte. Die Coronazeit war auch eine Zeit, in der der Zusammenhalt gewachsen und man zusammengerückt ist. Kollegen aus der Verwaltung haben im Pflegebereich mitgearbeitet, als dort die Personalnot groß war. Wir haben das Miteinander geschafft – und das ist in der Erinnerung fast stärker zurückgeblieben als die Schwere. Das finde ich ganz beachtlich.

Was waren Höhepunkte Ihrer Zeit bei der Diakonie Stetten, worauf sind Sie besonders stolz?

Die vielen Begegnungen und Kontakte mit Mitarbeitenden, Klienten und dem ganzen Umfeld sind meine persönlichen Höhepunkte. Und ich denke, dass wir in den 15 Jahren viel bewegt haben, was Teilhabe von Menschen mit Behinderungen angeht. Wir haben zum Beispiel ambulant betreute Wohngemeinschaften in einem ganz großen Ausmaß aufgebaut, auch für Menschen mit schweren Behinderungen. Wir haben unter anderem zusammen mit der SG Weinstadt eine inklusive Unified Fußballmannschaft geschaffen, und wir haben mit Unterstützung eines Netzwerks zahlreiche Schulungen zum Thema Inklusion gemacht. Ich glaube, wir haben erreichen können, dass Menschen mit Behinderungen sehr viel selbstbestimmter und selbstbewusster geworden sind.

Ist in der Hinsicht jetzt alles erreicht?

Nein, natürlich nicht. Aber von dort, wo wir herkommen, hat sich sehr viel getan. Wir müssen jetzt allerdings auch schauen, dass diese Entwicklung nicht wieder rückwärts gedreht wird.

Was ist für Sie Inklusion?

Dass alle Menschen nicht nur irgendwie dabei sind, sondern respektiert werden.

Sie haben auch von Dingen Abschied nehmen müssen – von Ihren Einrichtungen auf der Hangweide, dem Mutterhaus des Alexanderstifts in Neufürstenhütte, dem Elisabethenberg in Lorch, dem ambulanten Pflegedienst...

Ja, aber wir haben auch viel aufgebaut. Besonders stolz bin ich auf unser Campusprojekt der Remstalwerkstätten und des BBW. Dort werden wir etwas Innovatives, Zukunftsrelevantes schaffen und damit auch zeigen, wie lebendig wir sind. Überhaupt: Wir haben immer wieder Neues ausprobiert, manches auch wieder aufgegeben. Dass wir es geschafft haben, in all den Jahren so lebendig zu sein, finde ich toll. Und das ist für mich auch ein Grund, zu sagen: Ich gehe zufrieden. Ich hinterlasse zwar einige Baustellen – aber wo gebaut wird, glaubt man auch an die Zukunft.

Wo sehen Sie die größte Herausforderung für Ihren Nachfolger?

In nächster Zeit werden sehr viele Mitarbeiter(innen) in den Ruhestand gehen, und es kommen nicht genügend nach. Das ist eine der allergrößten Herausforderungen, die auch mit Geld oder gutem Management kaum bewältigt werden kann. Die digitale Transformation, die wir dringend weiter vorantreiben müssen, kann uns zwar bei der Individualisierung der Hilfen, ihrer personengenaueren Planung, Abrechnung und Kontrolle entlasten. Und ich könnte mir vorstellen, dass digitale Kommunikationsmittel und Formen künstlicher Intelligenz ermöglichen werden, dass nicht immer überall Personal vor Ort sein muss. Aber gerade in der Altenhilfe stehen wir vor einer dramatischen Situation: Durch das wenige Personal wird das Angebot verknappt, während gleichzeitig durch die älter werdende Gesellschaft die Nachfrage größer wird.

Was heißt das in der Konsequenz?

Wir werden unsere ohnehin schon großen Bemühungen, das Arbeitsleben hier so zu gestalten, dass es für die Menschen gut passt, weiter forcieren, um Mitarbeitende zu binden und zu gewinnen. „We care“ heißt unsere Kampagne, die auf die Bedeutung unserer Care-Berufe sehr überzeugend hinweist. Aber wir werden an der ein oder anderen Stelle auch überlegen müssen, was wir an Angeboten aufrechterhalten können – und was eben nicht.

Sie sind nicht nur Manager eines Unternehmens mit mehr als 4000 Mitarbeitern, sondern qua Einstellungsvoraussetzung auch Pfarrer – haben Sie davon etwas einbringen können?

Das habe ich, und darauf bin ich auch stolz. Wir haben vor ein paar Jahren einen Prozess gestartet, der diakonische Orientierung in der Diakonie Stetten hieß. Dabei haben wir überlegt, wie wir es schaffen können, dass wir das, was uns wichtig ist – also die christliche Tradition und Lebenswirklichkeit – nicht nur in unseren Prospekten und Papieren zu haben, sondern auch zu leben. Das heißt: Wir gehen mit den Menschen professionell um, aber auch respekt- und liebevoll. Ein anderes Thema, das ich sehr betrieben habe, wenn es vielleicht manchen auch genervt hat, ist Nachhaltigkeit, die Bewahrung der Schöpfung. Wir sind eine der ganz wenigen diakonischen Einrichtungen, die den deutschen Nachhaltigkeitskodex einhält, einen entsprechenden Bericht haben wir schon vor zwei Jahren abgegeben.

Trotz allem müssen Sie schauen, dass Ihr Unternehmen wirtschaftlich agiert...

Christlichkeit bedeutet ja nicht, dass man das Geld zum Fenster rauswirft oder lauter Angebote macht, die sich nicht tragen. Dann wäre das Unternehmen schließlich irgendwann tot. Es ist ein stetiger Aushandlungsprozess: Wie bekomme ich es in einer Welt, in der jeder Mitarbeiter sein Gehalt rechtzeitig und in voller Höhe bekommen soll, und wir unsere vertraglichen Pflichten einhalten müssen, gleichzeitig hin, unsere Werte zu leben. Wir leben nun einmal nicht in einer Idealwelt, und deshalb kann ich auch nicht sagen, wir machen alles, was geht – sondern „nur“ alles, was wir können. Andererseits machen wir aber auch Dinge, obwohl sie sich nicht rechnen – weil sie unersetzbar und uns darum wichtig sind.

Ihnen war in der Vergangenheit unter anderem wichtig, für Wohnraum für Menschen mit Handicap zu werben...

Ja, denn wenn wir möchten, dass Inklusion gelingt und Menschen mit Behinderung selbstbestimmt und selbstständig leben, dann brauchen wir auch die dazu passenden Wohnangebote. Was mich besonders ärgert, ist, dass die Wohnraumförderung für sozialen Wohnungsbau getrennt ist von der Wohnraumförderung für Menschen mit hohem Unterstützungsbedarf. In dem einen Topf ist viel Geld drin, in dem anderen leider nur wenig bis nichts.

Sie wirken nicht so, als ob Ihr Ruhestand naht. Glauben Sie, dass Sie loslassen können?

Ja, weil ich einerseits überzeugt davon bin, dass ein Wechsel von älteren auf junge Verantwortliche guttut. Außerdem glaube ich, dass die Diakonie Stetten einen wirklich guten Nachfolger ausgesucht hat. Und privat habe ich so viele Pläne, dass ich nicht glaube, dass mir langweilig wird.

Der Diakonie kehren Sie komplett den Rücken?

Ich werde auf jeden Fall erst einmal ein Jahr lang meine privaten Pläne und Aufgaben umsetzen, dann wird man sehen.

Wird man Sie mal auf der Kanzel erleben können?

Möglicherweise ja. Ab und an einen Vertretungsdienst als Pfarrer kann ich mir schon vorstellen, wenn das gewünscht wird. Auch an der Kirche geht der Personalmangel ja nicht vorbei.

Rainer Hinzen

Beruflich
 Rainer Hinzen hat im Mai 2009 die Nachfolge von Klaus-Dieter Kottnik angetreten, der an die Spitze des Diakonischen Werks nach Berlin gewechselt war. Zuvor war er vier Jahre lang geschäftsführender Vorstand der Beschützenden Werkstätte für geistig und körperlich Behinderte in Heilbronn. Auch als Pfarrer war Rainer Hinzen tätig – unter anderem sieben Jahre lang an der Friedenskirche in Bietigheim-Bissingen im Kreis Ludwigsburg.

Privat
 Der heute 65-Jährige ist in Duisburg geboren, in Bonn und in Hanau aufgewachsen und lebt jetzt in Waiblingen. Er ist verheiratet und hat zusammen mit seiner Frau Ulrike zwei erwachsene Töchter.