Dichtes Gedränge an der Spitze des Feldes: Fabio Aru, Rigoberto Uran, Titelverteidiger Chris topher Froome und Romain Bardet (von links) Foto: AFP

Ein Sextett liegt bei der Tour de France vor der finalen Woche mit dem Endspurt über die Alpen im Gesamtklassement fast gleich auf – Christopher Froome muss um die Titelverteidigung bangen.

Le Pu-en-Velay - Christopher Froomewählte am Ruhetag markige Worte, um die finale Woche der Tour de France einzuleiten. „Das ist die größte Herausforderung, die am härtesten umkämpfte Schlacht meiner Karriere“, betonte der britische Radprofi vor der 16. Etappe an diesem Dienstag. Der Titelverteidiger hat recht. Die Frankreich-Rundfahrt ist so wenig entschieden wie seit Jahren nicht. Vor dem entscheidenden Ritt durch die Alpen sind die ersten vier Fahrer nur durch weniger als eine halbe Minute getrennt, die besten sechs durch etwas mehr als eine Minute. Ein Blick auf die Aussichten des Sextetts:

Der 32-Jährige muss in diesem Jahr richtig kämpfen. Er sprach sogar von „Angst“, als ihm das Team Ag2R auf der 15. Etappe davonfuhr und er zwischenzeitlich vom Podium fiel. Ganz aus dem Rennen ist der Titelverteidiger aus Großbritannien trotz seiner Schwäche nicht. Beim Zeitfahren in Marseille ist er der Favorit. Eine Minute etwa kann er da auf seine Rivalen gutmachen. Es muss nicht einmal sein, dass er diese Minute in den Alpen verliert. Denn sein Team Sky ist immer noch das beste im Feld. Teamchef David Brailsford holte schon den Drohjoker aus dem Ärmel: „Chris hat so trainiert, dass er in der dritten Woche am stärksten wird.“ Gut möglich also, dass Froome zum vierten Mal Tour-König wird.

Der italienische Meister hat sich als der beste Kletterer im Peloton erwiesen. Er startete die Attacken, auf die Froome keine Antwort wusste, auf der Planche des Belles Filles und am Pyrenäen-Flughafen Peyragudes. Er verlor allerdings Zeit bei der Klassikerankunft in Rodez. Sein Rumpfteam Astana positionierte ihn da schlecht. Diese geringe Unterstützung ist die größte Schwäche. Unsicher ist, wie stark er in der dritten Woche sein wird. Aru trainierte auf den Giro d’Italia hin, unterbrach dann wegen einer Knieverletzung und verschob den Saisonhöhepunkt. Für das Hochgebirge, in dem Aru gegenüber Froome favorisiert ist, kündigte der 27-jährige Sarde „pausenlose Attacken“ an. Gut möglich, dass er Landsmann Vincenzo Nibali auf den Thron folgt.

Der 26-jährige Franzose deutete schon bei der vergangenen Tour seine Qualitäten an, als er auf der vorletzten Bergetappe auf der Abfahrt angriff und sich so auf Platz zwei schob. Warum so spät, fragte man sich damals. In diesem Jahr hat Bardet auch den schwierigen ersten Teil der Tour gut gemeistert. „Seine größte Stärke ist die dritte Woche. Er wird einfach nicht müde“, sagt Ag2R-Teamchef Vincent Lavenu über seinen Schützling. Hinzu kommt: Bardet hat in diesem Jahr eine tolle Truppe an seiner Seite. Ag2Rs kollektive Attacken sprengten mehrfach Team Sky. „Guerilla gegen klas­sische Armee“ nannte die Zeitung „L’Équipe“ dieses Szenario. Guerilla-Kommandant Bardet versprach: „Wir werden es immer wieder probieren.“ Mit mehr als einer Minute Vorsprung nach den Alpen hat er die Tour de France gewonnen. Sehr wahrscheinlich also.

Der Kolumbianer hat schon viel erlebt. Als er 14 war, wurde sein Vater von Paramilitärs erschossen. Mit 28 musste er zusehen, wie ihn sein einstiger WG-Kumpel Nairo Quintana in der von der Jury neutralisierten Abfahrt vom Stilfser Joch aus dem Rosa Trikot des Giro d’Italia fuhr. Seitdem reden die beiden nicht mehr viel miteinander. Dass Uran jetzt besser dasteht als sein Ex-Kumpel, ist ausgleichende Gerechtigkeit. „Rigo ist gut in Form. Leider haben wir nicht so ein gutes Team. Das lässt mich wenig euphorisch in die Alpen blicken“, meinte Urans Teamchef Andreas Klier. Weil Uran ein guter Zeitfahrer ist, hält Froome ihn für den „derzeit am meisten unterschätzen“ Rivalen. Dennoch unwahrscheinlich, dass er die Tour gewinnt.

Dem Iren (Quick-Step Floors) liegen die kurzen, knackigen Berge. Da hat er allen Rivalen Zeit abnehmen können, zuletzt 14 Sekunden im Zentralmassiv. Für 14 Sekunden der ganze Aufwand, fragten ihn Journalisten am Sonntag. Martin sagte nur: „Letztes Jahr war ich sechs Sekunden hinter Platz sieben auf Rang neun. Jede Sekunde kann zählen.“ Wie recht er hat. Was er im Hochgebirge leisten kann, ist aber selbst für den Sportlichen Leiter Brian Holm eine offene Frage. „Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Wir gehen mit ganz bescheidenen Erwartungen in die letzte Woche und hoffen auf einen Platz in den Top Fünf“, sagte der Däne. Sehr unwahrscheinlich, dass Martin die Tour gewinnt.

Der Spanier ist der stärkste Fahrer im Team Sky. Allerdings muss er seine Stärke für Helferaufgaben einsetzen. Als am Sonntag seine Teamkollegen Sergio Henao und ­Mikel Nieve es nicht schafften, Kapitän Froome an die wie entfesselt fahrenden Ag2R-Mannen um Bardet heranzubringen, wurde er zurückbeordert. Er fuhr brav Froome an die Gruppe heran. „Ich weiß, wo mein Platz in diesem Team ist“, meinte er demütig. Hoffnung schöpfen kann Landa bei folgender Aussage von Teamchef Brailsford: „Team Sky will diese Tour gewinnen. Mit welchem Fahrer, das ist nachrangig.“ Für dieses Szenario muss erst Froome einbrechen und Landa selbst noch genug Kraft haben. Ein Tour-Sieg ist angesichts dieser Konstellation wenig wahrscheinlich.

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