Die Radio-Stimme der Kirche: Lucie Panzer Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Lucie Panzer erfreut morgendlich fast eine Million Radiohörer des SWR mit ihrem „ Anstoß“. Das Geheimnis ihrer Beliebtheit hat viele Gründe. Einer davon ist ihre Nähe zu den Menschen.

Stuttgart - Frau Panzer, sind Sie ein Star?
Jedenfalls ziemlich bekannt. Das merke ich oft.
Wann?
Wenn ich in die Sparkasse komme und die Angestellten fragen: Ah, sind Sie die aus dem Radio? Dann ist mir das oft ganz unangenehm.
Warum?
Weil ich ungern von Leuten erkannt werde, die ich nicht kenne. Aber das bringt mein ­Beruf wohl mit sich.
Sie sagen es. Wie viele Menschen erreichen Sie morgens mit einem Ihrer Anstöße?
Die neuesten Zahlen sprechen von etwa über einer Million.
Eine Million Hörer. Brauchen Sie bei dieser Vorstellung Demut, um nicht den Bodenkontakt zu verlieren?
Ja, Demut ist hilfreich. Aber wichtiger ist, mir immer wieder zu sagen: Lucie, du sagst nichts, weil du es besser weißt.
Sondern . . .
. . . die Bibel. Ich versuche, meine Beiträge ans Evangelium zurückzubinden. Ich versuche immer zu sagen, wie ich die Bibel verstehe und was sie für mein Leben bringt. ­Verbunden mit der Hoffnung, dass dies auch für das Leben der Hörer etwas bringt, ist das meine Art von Demut.
Sie sind also keine besserwissende Lucy aus dem Comic „Peanuts“, die für 50 Cent schlaue Ratschläge verteilt, aber selbst nicht so lebt.
(Lacht) Das war eine bittere Erfahrung in meiner Zeit als Vikarin. Da haben sich die Konfirmanden oft über meinen Vornamen lustig gemacht.
Also doch eine Schlaubine?
Nein. Ich sage in meinen Beiträgen immer: „Ich verstehe das so.“ Damit lasse ich den Leuten die Freiheit, es anders zu sehen. Aber eine Anregung zu geben, das nehme ich mir schon raus. Das sind wir Christen den ­Leuten sogar schuldig.
Eine Ihrer treuen Hörerinnen sagt: Sie hätten so eine Herzenswärme in Ihrer Stimme. Und mit Ihren Impulsen fange der Tag einfach gut an.
Das hören wir immer wieder. Die Leute wollen vor den vielen schlimmen Nachrichten in dieser Welt auch etwas hören, das sie aufbaut. Dann sagen auch viele: Liebe Frau Panzer, bei Ihnen ist das alles so lebensnah!
Wundert Sie das?
Ein bisschen. Denn eigentlich sollte doch jede Predigt am Sonntag mit dem Leben zu tun haben. Es ist doch schlimm, wenn Leute ­denken, dass Kirche und Glauben neben dem normalen Leben ablaufen. Ich versuche eben immer, beides zusammenzubringen.
Und deshalb kann nicht jeder Pfarrer Radio. Was fehlt diesen Kollegen?
Vielleicht ein wenig Mut, sich persönlich angreifbar zu machen. Auf der Kanzel hat man aber auch eine ganz andere Autorität im ­Vergleich zu einer Radiostimme.
Geben Sie Ihren Kollegen doch mal ein ­Rezept, damit deren nächste Predigt so griffig und lebensnah wird wie Ihr Anstoß.
Erster Schritt: Lass einen anderen deinen Text lesen. Zweiter Schritt: Die Einleitung mindestens um die Hälfte kürzen. So hat man mehr Zeit für das, was man eigentlich sagen will.
Wie lange haben Sie Zeit, um das Wesentliche auf den Punkt zu bringen?
Zwei Minuten und 50 Sekunden.
Damit übertreffen Sie Martin Luthers ­Vorgaben um Längen. Der Reformator fordert: Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.
Dazu braucht man den Mut, etwas wegzulassen. Lieber weitere gute Gedanken auf die nächsten Predigten verschieben.
Wie wichtig ist die Erzählkunst? Wären die Kirchen voller, wenn Pfarrer besser erzählen könnten?
Das kann gut sein. Viele Kollegen neigen dazu, ihre zwölf Semester Theologie-Studium in abstrakte Begrifflichkeiten zu packen, statt zu erzählen.
Muss die Erzählkunst stärker im Studium vermittelt werden?
Es braucht tatsächlich mehr Praxis.
Woran krankt die Kirche noch?
Vielleicht daran, dass sie sich nicht traut zu zeigen, wie menschlich es bei Christen zugeht.
Sie geben Anstöße und manchmal auch Anstößiges von sich. Darf man das?
Wir im Radio können uns da sicher mehr leisten als beispielsweise der Bischof. Der kann oft nicht als einfacher Christenmensch reden.
Am Mittwoch beginnt in Stuttgart der Kirchentag. Mutmaßlich ein ganz großes Glaubensfest. Was davon kann die Kirche in den Alltag retten?
Viele Kirchentagsbesucher versuchen das. Aber oft endet dieses Vorhaben mit Frust.
Warum?
Weil sich dieses Kirchentagsgefühl nicht einfach auf den Alltag übertragen lässt. Das Leben besteht ja nicht nur aus Hoch-Zeiten und Festen. Zudem ist das ja auch die Faszination Kirchentag: Er ist eine Insel im ­Kirchenalltag. Da kann man Kraft tanken für den Alltag.
Nehmen Sie teil?
Ich gestalte und moderiere am Abend der Begegnungen den Gottesdienst und das Programm auf dem Marktplatz mit.
Sie feiern demnächst selbst ein großes Fest – Ihren 60. Geburtstag. Welche Gedanken verbinden Sie damit?
Dass ich noch viele geschenkte Jahre vor mir habe. Denn vor ein paar Jahren habe ich noch gedacht: Mit 60 bist du wirklich alt. Heute merke ich, da kommt noch ganz viel. Man muss sich nichts mehr beweisen, sondern hat schon einiges erreicht. Man kann die Jahre also ganz unaufgeregt angehen. Das finde ich toll.