Radio-Bar-Schrift in Hamburg Die Legende lebt

Von Uwe Bogen 

Drei Buchstaben mit Geschichte: Teile der Fassadenschrift der   Radio Bar  von Stuttgart schmücken nun  den Außenbereich des  Fleetschlösschens in Hamburg. Foto: Thilo Rothacker
Drei Buchstaben mit Geschichte: Teile der Fassadenschrift der Radio Bar von Stuttgart schmücken nun den Außenbereich des Fleetschlösschens in Hamburg. Foto: Thilo Rothacker

Nur drei Buchstaben sind’s – für viele Stuttgarter stehen sie für eine Zeit, in der für diese Stadt ein Kreativschub gezündet wurde. In einem Freiluftlokal am Hamburger Hafen hängt nun die legendäre Radio-Bar-Fassadenschrift. Mit diesen Lettern leuchten Erinnerungen bis hoch in den Norden.

Stuttgart - Nicht wenige, weiß Carlos Coelho, der in den 1990ern die legendäre Radio Bar im ebenso legendären Radio-Barth-Gebäude am Rotebühlplatz führte, haben mitten in der City an diesem magischen Ort die Instrumente und Platten ihrer Kindheit bezogen. Vielleicht steckte das noch in ihrem Kopf, als sie wilde Partys hinter den nun neu genutzten Schaufenstern feierten.

Der Wirt Coelho bringt es in einem Film über diese Zeit auf den Punkt: „Dort, wo sie einst zu ihren Blockflöten kamen, hatten sie nun Sex auf dem Klo.“

Ein Glücksfall für die Stadt, für die Hip-Hop-Szene, für all die jungen Kreativen, die man heute zur Start-up-Innovation zählen würde, war der Leerstand des Radio-Barth-Hauses. Nach der Insolvenz des traditionellen Musikhauses wusste niemand, was aus dem wuchtigen Klotz mit dem groben Waschbeton werden sollte, der für eine ganze Generation das Tor zu einer neuen, verheißungsvollen Welt aus Pop und Rock war.

Bevor Investoren zuschlagen konnten, ließ die Stadt junge Firmen wie das 0711-Büro, die Kolchose und die Modelagentur Brody für wenig Mietgeld einziehen. Der deutsche HipHop hatte einen neuen Mittelpunkt. Coelho und Co. übernahmen das Erdgeschoss, sie schraubten an der Fassadenschrift von Radio Barth die letzten beiden Buchstaben ab – und erlebten bis zum Abriss des Gebäudes im Jahr 2000 eine spannende Zeit.

Thomas Tuchel hatte in der Radio Bar gejobbt

Genau diese Schrift hat nun Illustrations-Professor Thilo Rothacker bei einer Hafenrundfahrt in Hamburg entdeckt. Was für ein Déjà-vu! Ein Stück Radio Bar und ein Stück Radio Barth leben im Norden! Der Wirt des Fleetschlösschens, das am Brooktorkai liegt, hatte in den 90er Jahren in Tübingen studiert und war häufig in Stuttgart unterwegs. Dass die weißen Buchstaben echt sind, haben die Macher der Facebook-Fanseite Radio-Musikhaus Barth sowie Wirt Coelho bestätigt. Nur die gelben Blenden fehlen.

Zurück in die 1990er: Carlos Coelho stellte als Thekenkraft einen jungen Studenten ein. Sein Name: Thomas Tuchel, heute ist er Trainer von Borussia Dortmund. „In der Radio Bar habe ich mein Studium mitfinanziert“, erzählte er später, „dort war es egal, dass ich schon mal Fußballer in der zweiten Liga war.“ Als Ulm in die erste Liga aufstieg und Tuchel in dieser Nacht Bardienst hatte, kündigte er. „Plötzlich war ich sauer auf das Schicksal, weil mein Lebenstraum Profi an mir vorbeigegangen ist.“

Auch der Designer Ufuk Akci hat Leuchtbuchstaben von Radio Barth

Der Hamburger Wirt ist nicht der Einzige, der über Dokumente der Stuttgarter Stadtgeschichte verfügt. Im Wohnzimmer des Designers Ufuk Akci hängen die roten Buchstaben „farbe“ an der Wand. Sie stammen von der Reklameschrift „Farbfernsehen“, die – wie auf alten Fotos zu sehen – ganz oben am Radio-Barth-Gebäude neben dem Namen „Grundig“ prangten.

Als das Gebäude im Jahr 2000 abgerissen wurde, spendierte der Stuttgarter Akci den Bauarbeitern einen Kasten Bier. „Das motivierte sie so sehr, dass sie mir die Buchstaben runtergetragen haben“, erzählt er. Mehrere Fahrten im Fiat Uno waren nötig, um alles abzutransportieren. Was die restlichen Buchstaben betrifft, glaubt er, dass diese heimlich nachts entfernt wurden. Nichts Genaues weiß man nicht. Aber so oder so: Verjährt ist die nicht genehmigte Entfernung von Lettern längst – nie aber verjähren die Erinnerungen an eine große Zeit.

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