Wie ein einem Supermarkt: Dan Stein in der Schulaula. Foto: Paul Vögler

Querdenker haben eine Grundschule in Ahrweiler okkupiert. Es gehe um Hilfe für die Hochwasseropfer, heißt es. Doch die Frage, wie sehr sich die Aktion für politische Zwecke instrumentalisieren lässt, entzweit die ohnehin schrumpfende Szene.

Bad Neuenahr-Ahrweiler - In der Aloisiusschule in Ahrweiler gibt es dieser Tage alles – sogar Tiernahrung. Die lagert palettenweise in der Sporthalle neben Sanitärprodukten, Kleidern, Toastbroten. Auch Masken sind verfügbar, obwohl hier keiner eine trägt. Im Foyer sind zwei Schultische zusammengeschoben. Dort ist die Anmeldung, und dort liegt ein ganzer Stapel. „OP-Maske oder FFP2?“, fragt ein Mann, der hinter einem Laptop den Wareneingang kommissioniert. Gegen das Coronavirus sei ihr Einsatz ja sinnlos, wie man wisse. Aber gegen den Staub auf der Straße würden sie schon helfen.

 

Der Schlamm, der sich hier am Mittwoch vergangener Woche meterhoch durch die Straßen wälzte, hat sich längst in Sand verwandelt, der fein in der Luft liegt. An den Straßenrändern türmen sich Möbel, Elektrogeräte, Fahrräder, zentimeterdick mit bockelhartem Schlamm bedeckt. Autos stapeln sich wie auf einem Schrottplatz. Vieles lagert noch in den Kellern. Hier wird jede helfende Hand gebraucht. Aber bitte nicht die von denen, sagt ein älterer Herr, der mit seinem E-Bike vorbeigeradelt kommt. „Das sind Kriminelle.“ Vor drei Tagen sei er schon einmal da gewesen, da seien vor der Schule Neonazis herumgestanden. Die seien weg, aber die Organisatoren seien immer noch dieselben.

Veteranen-Pool mit 12 000 Mitgliedern

Wer in der Schule das Sagen hat, lässt sich auf Plakaten ablesen. „Veteranen-Pool“ steht dort. Im April wurde er gegründet, der Kanal der Gruppe beim Messengerdienst Telegram zählt bereits mehr als 12 000 Nutzer. Unlängst warnte auch der offizielle Reservistenverband vor der Gruppierung: Der Veteranen-Pool versuche, ehemalige Bundeswehrangehörige „für Störaktionen gegen den Staat zu akquirieren“.

Es war am Freitag vor einer Woche, als die ersten Veteranen im Katastrophengebiet eintrafen. Einen Tag später saßen sie schon in der Grundschule. Generalstabsmäßig ging das vonstatten. Das liegt auch an Maximilian Eder. Der Mann mit Oberlippenbart und Brille war bis zu seiner Pensionierung beim skandalträchtigen Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw tätig. Zuvor fungierte er als Einsatzleiter der Kfor-Truppe. Die Erfahrungen im Kosovo waren ihm nun sehr nützlich.

Im vergangenen Jahr wurde Eder aber auch als radikaler Redner gegen die staatlichen Coronamaßnahmen bekannt. Das KSK müsse man mal zum Aufräumen nach Berlin schicken, lautete eine seiner Forderungen. Das passt zum Veteranen-Pool. Dessen selbst gestellte Aufgabe: Man wolle bei Demonstrationen in vorderster Front zwischen Bürgern und Polizei marschieren, um den Demonstranten den Rücken zu stärken und „die Sicherheitskräfte an ihren Eid auf Recht und Freiheit zu erinnern“, heißt es auf der Pool-Homepage.

Oberst Eder räumt auf

Doch in Ahrweiler, wo die Behörden anfangs mit dem Chaos kämpfen, ahnt man davon zunächst nichts oder will nichts ahnen. „Kein Kommentar“, sagt der Sprecher der Stadt, Karl Walkenbach, wenn man ihn nach den mittlerweile rund 150 Helfern fragt, die die Schule als ihre Basis betrachten und dort teils auch übernachten. Eder, in der Felduniform eines Oberst mit Eichenlaub und drei Pickeln auf den Schulterklappen, lief jedenfalls offene Türen ein. Die Türe zur Schule war ohnehin vom Hochwasser weggeschwemmt worden.

40-Tonner aus dem Erzgebirge

Man habe inzwischen aber auch hochoffiziell die Schlüssel erhalten, versichert Dan Stein. Auch der 54-Jährige ist Veteran. Seinen Dienst tat er unter anderem bei der Spezialeinheit für Nuklearwaffensicherung. In der Schule ist er inzwischen so etwas wie der Einsatzleiter. Läuft er durchs Haus, prasseln ständig neue Informationen auf ihn ein. „Wir können hier keine weiteren 40-Tonner in der Straße brauchen“, sagt ein Mann mit schwarzer Baseballcap auf dem kahlen Kopf. Gerade ist wieder einer eingetroffen. Ein Edeka-Betreiber aus dem Erzgebirge hat ihn mit Nahrungsmitteln, Sanitärprodukten und mehreren Paletten Radeberger vollgepackt. Doch in der vierzügigen Grundschule gibt es bald keine Lagerflächen mehr.

In der Querdenkerszene ist Stein ein unbeschriebenes Blatt. Sein letzter Demobesuch datiert nach eigener Aussage vom 29. August 2020, als in Berlin Rechtsextremisten den Reichstag stürmten. Das sei natürlich Fake gewesen, wie er aus sicherer Quelle wisse. Auch von der Maskenpflicht hält er nichts. Hier in Ahrweiler gehe es aber nicht um Politik, sondern um Hilfeleistung. Deshalb habe man am Donnerstag beraten und sich von Eder getrennt – wegen dessen Rolle bei den Querdenkern. Zuvor hatte der öffentliche Druck zugenommen. Fachlich lasse er aber nichts auf den Oberst kommen. Eder sei ein Kamerad, bei dem man wisse, „wenn ich mit ihm in ein Gefecht hineingehe, komme ich mit Sicherheit auch wieder heil heraus“.

Die Stars der Szene geben sich die Ehre

Wie sehr man sich mittlerweile um ein unpolitisches Erscheinungsbild bemüht, lässt sich daran ablesen, dass auch Samuel Eckert und Markus Haintz, zwei Stars der Coronabewegung, aus der Schule komplimentiert wurden. „Hinterfotzig“ sei deren Verhalten gewesen, sagt Stein. Beide seien angereist, um sich im Notstandsgebiet in Szene zu setzen. Eckert meldete sich per Livestream, wie üblich mit seinem Spendenkäppi auf dem Kopf, lobte die Hilfsaktion und gab sich erschüttert. „Man müsste meinen, hier sind Rettungsdienste, THW und Feuerwehr vor Ort. Aber hier ist nichts.“

Schon zuvor hatte es Hinweise gegeben, dass sich die Schule zu einem Hotspot der Querdenkerbewegung entwickelte. So war ein Lautsprecherwagen durch die zerstörten Straßen gefahren, der nicht nur auf die Hilfsangebote in der Schule hinwies, sondern auch kolportierte, dass sich die offiziellen Einsatzkräfte zurückzögen. Das Fahrzeug ähnelte einem Einsatzwagen, mit blauer Beklebung und „Peace“- statt Polizei-Schriftzug. Das Polizeipräsidium in Koblenz sah sich zu einer Gegendarstellung auf Twitter genötigt. „Wir sind ununterbrochen da.“ Es handele sich um eine Falschnachricht.

Land schließt die illegale Kinderbetreuung

Auch davor, dass Rechtsextremisten im Katastrophengebiet als Kümmerer aufträten, warnte die Polizei. Eine Räumung der Schule sei bisher jedoch nicht beabsichtigt, sagt der Chef der Polizeiinspektion Koblenz, Florian Stadtfeld. Sie sei von der Stadt nicht verfügt worden, und es lägen bisher auch keine Hinweise auf Straftaten vor. Lediglich der Betrieb einer Kindertagesstätte in der Schule wurde vom Landesjugendamt untersagt. Der Querdenkerverein „Eltern stehen auf“ hatte ihn ohne behördliche Zulassung organisiert.

Derweil treffen täglich weitere Querdenker ein. Der Wiener Busunternehmer Alexander Ehrlich schickt über seine Organisation „Honk for Hope“ Busse ins Katastrophengebiet mit Zustiegen auch in Ulm, Stuttgart und Karlsruhe. Andere sind bereis abgereist – verärgert über den Undank mancher Hochwasseropfer. Grund ist ein gut frequentierter Impfbus, der seit dieser Woche am Bahnhof von Ahrweiler steht. Wenn sich die Leute auch jetzt noch impfen ließen, habe die Hilfe ja keinen Sinn mehr, stellt einer in einem einschlägigen Telegram-Kanal fest. Sie werde künftig sortieren und nur noch Ungeimpften helfen, kündigt eine andere an.

Die Anziehungskraft des Katastrophengebiets für die Querdenkerszene überrasche ihn nicht, sagt der baden-württembergische Antisemitismusbeauftragte Michael Blume. Die Pandemie flaue ab. Die Verschwörungsgläubigen bräuchten ein neues Thema. Nun trete die Leugnung des Klimawandels und die Agitation gegen eine angebliche Ökodiktatur ins Zentrum. Der Katastropheneinsatz folge diesen Motiven. Viele sähen sich tatsächlich als Retter und Erlöser. Sie träumten von der Machtergreifung. Um den Staat zu delegitimieren, werde ihm deshalb Versagen attestiert. Aber auch dies dürfe man nicht vergessen: Die Katastrophe eröffne auch die Aussicht auf viel Spendengeld. Bei den Querdenkern gehe es allerdings um Schenkungen, weil über deren Verwendung keine Rechenschaft abgelegt werden müsse. „Das ist Querschenken“, sagt Blume.

Querdenker sind Querschenker

Was Stein vom Klimawandel hält? „Ich glaube ans Wetter“, sagt er. Doch in der Notsituation seien solche Debatten überflüssig. Da müsse man anpacken. Bei den bisherigen Stars der Szene gilt er wegen dieser Linie längst als Spalter. „Wie sabotiert man eine Bewegung?“, ist ein Livestream überschrieben, in dem sich Haintz, Ehrlich und Eder über ihre Ausbootung auslassen. Wer sei Stein überhaupt, wo komme er her? Am Ende gibt es nur eine Lösung: Man müsse in Betracht ziehen, dass es sich bei Stein um einen V-Mann des Verfassungsschutzes handele. Ohne Verschwörungserzählung geht es wohl auch bei den internen Kämpfen nicht.