Die Punk-Wave-Gruppe Frauenklinik probte damals im Keller eines Bürogebäudes an der Maybachstraße in Feuerbach. Foto: Sammlung Steiner/Rehlinger/Fonfara/Prothmann/Frauenklinik

Proben im Bunker, Pogo in Jugendhäusern, MC5 aus Detroit in der Feuerbacher Festhalle und ein dreistündiges Konzert vor der Jugendvollzugsanstalt Stammheim. Als der Punk in den Stuttgarter Norden kam: Einige Einblicke in die Szene und Subkultur von damals.

Stuttgarter Norden - Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging“ heißt das Buch, das am kommenden Freitag im Württembergischen Kunstverein am Schlossplatz im Rahmen einer Ausstellung über Punk, New Wave und Neue Deutsche Welle präsentiert wird. Der Musiker und Lehrer Simon Steiner, der früher an der Feuerbacher Bismarckschule unterrichtete, hat es während der Altersteilzeit geschrieben.

Drei Jahre lang hat er sich intensiv mit den Anfängen und den verschiedensten Facetten und Ausprägungen der Stuttgarter Punkszene beschäftigt und ist tief eingetaucht in die Subkultur von damals. Er hat kistenweise Material gesammelt, Interviews geführt, recherchiert, Quellen studiert und ausgewertet. Hunderte Kassetten hat er zusammengetragen, dazu Schallplatten, Flyer, Fotos und Zeitschriften (Fanzines) von damals.

Seinem Botnanger Verleger Uli Schwinge, Geschäftsführer des Verlages EDITIONrandgruppe, war von Beginn an klar, dass dies kein Taschenbuch, sondern ein ziemlich „fettes Ding“ werden würde (siehe auch Info-Kasten). Entstanden ist ein großformatiges Buch mit elf Heften in einem Schuber, das Uli Schwinge designt hat. Zudem gibt es eine CD, die im Buch liegt, und eine Doppel-LP „Stuttgart brennt vor Langeweile“ und eine Single. Alle Stücke stammen aus Zeit zwischen 1978 und 1983.

Punk-Geschichten aus dem Stuttgarter Norden

Bei einem solchen Großprojekt liegt es nahe, den Autor vorab zu fragen, wo, wann und wie der Punk auch in den Stuttgarter Norden kam? Was ging in Zuffenhausen, Feuerbach, Stammheim, Rot und Weilimdorf ab? Hier sind einige Geschichten aus den nördlichen Stadtbezirken, die Simon Steiner recherchiert und uns zur Verfügung gestellt hat.

„In den Jugendhäusern und Jugendzentren des Stuttgarter Nordens begann es sicherlich schon früh zu donnern, als die ersten Schallplatten aus London oder Berlin eintrafen“, sagt Simon Steiner. In Feuerbach fanden in der Festhalle an der Kärntner Straße schon in den 1970er Jahren Auftritte legendärer Bands statt: „Claus Böhm hat ein paar Jahre lang als Schülersprecher des Leibniz-Gymnasiums in Feuerbach Rockkonzerte veranstaltet“, berichtet er. Kraftwerk und Atomic Rooster spielten dort zum Beispiel. MC5 ließen in dem denkmalgeschützten Bonatz-Bau die Gitarren und Verstärker wüten: „Bereits 1971 legte MC5 aus Detroit in der Feuerbacher Festhalle einen ohrenbetäubenden Auftritt hin. Sie waren Vorläufer der Punkbewegung, die in den USA begann, in England 1977/78 zum Höhepunkt gelangte, schnell nach Deutschland schwappte und auch den Stuttgarter Norden mit Lärm, Rebellion, Provokation und Schock nicht verschonen sollte“, schreibt Simon Steiner.

Er selbst probte damals übrigens auch in Feuerbach. In einem Bürohaus an der Maybachstraße nahe dem Höhenpark Killesberg spielte „Sid“ Steiner (Saxophon) mit seiner Band F.A.K in einem Kellerloch, ausgestattet mit Neonröhren und schwarzen Tüchern: „Wir verzichteten damals als Anti-Haltung zu den kuscheligen Hippies - die ich selbst noch in der Festhalle Feuerbach bei legendären Krautrock-Veranstaltungen erlebte - auf Teppiche und Eierkartons. Wir wollten den Schall nicht isolieren, wir wollten keine weiche Akustik erheischen. Und den Lärm störte niemand, da es ein Bürohochhaus war. Wir Punks und Waver waren kantig, eckig und wollten einen fiesen Sound! Mit hippiesker Gemütlichkeit und Schlaffheit, mit Räucherstäbchen und Schlafsäcken hatte das überhaupt nix mehr zu tun! Punk war schrecklich und kalt.“

Leoparden-Look und abgeknickte Puppenärmchen

In den Räumen an der Maybachstraße spielten auch die Bands Sissis Kinder und die Punk-Wave-Gruppe Frauenklinik: „Als die Mädchen von Frauenklinik in unser Kellerloch hereinspazierten, traute ich meinen Augen nicht. Sie erschienen im Leoparden-Look oder ganz in schwarz. Sie schmückten sich mit Badges (Abzeichen, Sticker) aus London oder abgeknickten Puppenärmchen, sie redeten nicht, sondern ich las in ihren Blicken, dass nun sie endlich dran sind und proben wollen und wir gefälligst zu verschwinden hätten!“

Am 5. Juni 1981 trat Frauenklinik im Jugendhaus Feuerbach auf, das Plakat dazu gibt es noch: „Von diesem Live-Auftritt existiert sogar noch eine Kassette, ein echtes Zeitdokument. Die Klänge sind rau, der Gesang kommt wild. Die Texte handeln von Hass, Tod und Image Boys und der Song Euglena entstand im Bio-Unterricht“, sagt Steiner. Und auch im Hochbunker am Pragsattel ging zeitweise der Punk ab: Dort trafen sich regelmäßig die Bandmitglieder von Graphic Sensibility zum Proben.

Szenehelden und das Konzert vor der JVA

In Zuffenhausen lebte damals eine legendäre Szenepersönlichkeit: Johnny Kaputtgart. Er legte in der Discothek Oz als DJ Platten auf. „Heute ist er Familienvater und hat in Zuffenhausen Karriere gemacht“, sagt Steiner. Ein Punk der ersten Stunde sei auch Otto „Heillandsack“ aus Zuffenhausen gewesen. „Er zog mit der Band Krach herum oder traf sich in den besetzten Häusern mit den Jungs der Band Fliehende Ägypter und schrieb in kleinen Punk-Heftchen, den Fanzines, heftige Storys aus dem Stuttgarter Untergrund.“ Auch Fritz „Blitz“ Wagner kam aus Zuffenhausen: „Er war Bandleader der New Wave Band Fritz Blitz. Und Günther Zorn aus Zuffenhausen spielte bei der New Wave Band Partner der Welt. Zusammen mit Otto Ziegler und dem Stammheimer Eberhard Scholl spielte Zorn auch in der Beat- und Prä-Punkband Café Soft“, erinnert sich Steiner.

Punkbands spielen vor dem Stammheimer Gefängnis

In der Justizvollzugsanstalt Stammheim saßen damals auch einige Hausbesetzer und Punks in U-Haft. Vor dem Gefängnis gab es im Jahr 1981 ein Solidaritätskonzert. „Solidarische Punks der Bands Abenteuer unter Wasser und Agent Orange spielten auf einem Lastwagen vor dem Gefängnis“, berichtet der Buchautor. Eines der Bandmitglieder, das namentlich nicht genannt werden will, erinnert sich so: „Das war keine Spontanaktion, wir mussten alles anmelden. Wir befanden uns dort ja in einem Hochsicherheitsbereich.“ Etwa 300 bis 400 Leute seien zu dem Konzert gekommen. „Die Stimmung draußen wie drinnen war toll, viele Knackis haben Laken herausgehängt oder mit Handtücher gewunken. Respekt hatten wir auch für die Polizei, ganz ehrlich, die alles gesichert hat, und die Justizvollzugsbeamten. Denn das Konzert und die Veranstaltung dauerten alles in allem fast drei Stunden.“

Unschön seien aber die Wochen danach verlaufen, sagt eines der Bandmitglieder von Abenteuer unter Wasser. „Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft hat das Ganze und vor allem den Flyer „Power durch die Mauer“ als Werbeveranstaltung für die RAF umgedeutet und sowohl die Druckerei als auch einzelne Personen verfolgt.“ Ein Drucker sei festgenommen worden, sei in U-Haft gekommen und habe eine mehrjährige Haftstrafe wegen angeblicher Unterstützung einer kriminellen Vereinigung verbüßen müssen. „Das war eben auch typisch für die Zeit, die Sondergesetzgebung bezüglich des RAF-Terrorismus und die sich daraus ergebenden Konsequenzen mit rigorosen Urteile und Haftstrafen“, sagt der damalige Punk-Musiker.

Die Punkszene war vielfältig

Der Staat reagierte repressiv, dazu Wettrüsten, Pershing-Raketen und die Angst vor einem Atomkrieg: „No future“ hieß die Parole der jungen Generation. Einige besetzten Häuser, rebellierten gegen das System, lehnten die Konsumgesellschaft ab und kloppten sich mit Skins und Neo-Nazis.

„Die Punkszene war vielfältig: Es gab Lederjackenpunks, aber auch Künstler, Fotografen, Dichter, Maler oder romantische New Waver. Jörg Krause aus Stammheim verewigte seine Erlebnisse und inneren Gefühle in dem Punk-Fanzine, das er ‚Die bewältigte Verzweiflung‘ nannte und in dem er die vielfältige Stuttgarter Punk-Kunstszene kritisch auseinandernahm“, berichtet Autor Simon Steiner.

Oberstes Prinzip und wichtiges Gütesiegel war: Do it yourself, mach es selbst: Der Stuttgarter Mailart und Copyart Künstler Albrecht D. darf daher als heimlicher Vater der Stuttgarter Punkbewegung bezeichnet werden. Er war Kunstlehrer an der Rilke-Realschule in Zuffenhausen-Rot: „Und er war der erste, der den Do-it-Yourself-Charakter, das Selbermacher vorwegnahm“, betont Steiner. „Er schrieb und collagierte und experimentierte schon Anfang der 1970er Jahre im späteren Punk-Design. Gleichzeitig musizierte er auf selbst gebastelten Instrumenten, dilettantisch, also punkig, aber reflektiert und auch solidarisch, altersübergreifend mit dem aus der früher Punkszene kommenden „mußikanten“ Rolf“, so der Autor.

Experimentalklänge im Weilimdorfer Bunker

Teflon Fonfara, bekannt als SDR-Legende „Frau Kächele“, wohnte, bevor er für ein Jahr nach New York ging, von 1978 bis 1983 in Weilimdorf. „Ich suchte ursprünglich für mich allein einen kleinen Proberaum“, sagt Fonfara. Er fand etwas in einem Weilimdorfer Bunker an der Ecke Am Seelachweg/Im Frauenholz. Es war ultraeng darin, aber Fonfara probte dort auch mit der New-Wave-Band Originalton oder auch mit Maik Glemser als Duo. „Das war eine sehr kreative Phase im Bunker“, sagt er. Eigentlich sei das Experimental- und Avantgardemusik gewesen, was damals entstanden sei. Erst habe man das Material auf Kassette aufgenommen, dann auf eine Revox-Bandmaschine gespielt und anschließend teilweise monatelang bearbeitet, berichtet Fonfara. Mit der Tonmaschine wurde gebastelt, improvisiert und komponiert. Der Proberaum befand sich im Erdgeschoss des Hochbunkers. Sogar SWR-Leute drehten damals und machten einen Beitrag für die Abendschau, erinnert sich Fonfara: „Im Weilimdorfer Bunker entstand Material für mehrere Stunden Musik. Es war ein experimentierfreudiger Platz, manchmal hatten wir auch Besuch, es kamen Mädels aus der Nachbarschaft oder Fans, aber es war immer sehr eng in den Räumen, weil er eigentlich zu klein war für eine ganze Band. Aber irgendwie haben wir das hingekriegt und der Bunker hat Geschichte geschrieben.“

Buch, Ausstellung, Musik und Rahmenprogramm

Das Buch „Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging“ umfasst 11 Einzelhefte, 370 Seiten. Es ist im Verlag EDITIONrandgruppe erschienen. Das Buch enthält über 700 teils farbige Abbildungen und Fotos. Punkklamotten, Schuhe und stachelige Accessoires fotografierte Klaus Pfeiffer aus Feuerbach. Die Buchpräsentation ist am Freitag, 15. September, 19 Uhr im Württembergischen Kunstverein, Schlossplatz 2.

Die CD zu „Wie der Punk nach Stuttgart kam und wo er hinging“ liegt dem Buch bei. Zudem gibt es eine Langspielplatte (Doppel-LP) und eine Single. Barny Trouble von Incognito Records hat die Tonträger produziert.

Parallel zu der Buchveröffentlichung und der Präsentation der Tonträger wird am Freitag, 15. September, 19 Uhr im Württembergischen Kunstverein, Schlossplatz 2, auch die gleichnamige Ausstellung eröffnet. Organisiert wurde die Ausstellung von Uli Schwinge und Ko-Kurator Norbert Prothmann aus Feuerbach. Es werden unter anderem Fanzines, Klamotten, Fotos, Plakate, Kassetten und Platten gezeigt. Der Eintritt ist frei. Die Ausstellung ist vom 15. September bis 8. Oktober im WKV zu sehen.

Podiumsdiskussion und Festival

Am Donnerstag, 21. September, wird im Württembergischen Kunstverein eine Podiumsdiskussion zum Thema Punk in Stuttgart veranstaltet. Moderator ist Norbert Prothmann, der früher das Fanzine „Aus Spaß an der Freud“ schrieb, Punkkonzerte veranstaltete und zwischendurch auch Manager der Band Ätzer 81 war. Auf dem Podium sitzt unter anderem auch Nadja Sequeval aus Feuerbach. Sie war Hausbesetzerin und ist bis heute als Punkerin in der Szene unterwegs. Der Eintritt ist frei, Einlass ist um 18 Uhr, die Gesprächsrunde beginnt um 18.30 Uhr.

Das Festival findet vom Freitag, 29. September bis Dienstag, 3. Oktober, im WKV statt. Es spielen insgesamt über 15 Bands an drei Tagen (Freitag, Samstag und Sonntag), die Tickets kosten jeweils 7 Euro, Karten gibt es an der Abendkasse oder Reservierung per E-Mail info@edition-randgruppe.org.

Am Dienstag, 3. Oktober, stehen im Württembergischen Kunstverein die Sprache und die Ausdrucksformen des Punk im Vordergrund. Es gibt drei interaktive Lesungen. Dazwischen spielen Musiker der Stuttgarter Punk-Szene Stücke. Die Lesungen und Darbietungen am Tag der Deutschen Einheit beginnen um 15 Uhr, Einlass 14.30 Uhr, Eintritt 3 Euro.

Der Abschluss: Alles muss raus. Am Sonntag, 8. Oktober, werden im WKV verschiedene Stücke versteigert. Der Erlös geht an die Spendenaktion hasshilft (www.hasshilft.de). Beginn der Auktion ist um 15 Uhr, danach etwa ab 18 Uhr spielt NORMAHL – WKVunplugged. Der Eintritt ist frei. Weitere Infos zum Programm unter www.stuttgartpunk.de oder www.edition-randgruppe.org

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