Falschmeldungen haben durch das Internet und soziale Medien rasant zugenommen. Doch gelogen wurde schon immer. Oft bewusst, um andere zu schädigen, aber auch, weil man andere schützen oder amüsieren will. Und wie schrecklich wäre eine Welt, in der jeder jedem die Wahrheit ins Gesicht sagen müsste?
Stuttgart - Zweihundertmal. Am Tag. So oft lügen wir, heißt es in Studien. Wir alle. Im Durchschnitt. Das sind, wenn man mal die hoffentlich ehrliche Schlafzeit abzieht, pro Stunde mindestens zehn Unehrlichkeiten, mit denen wir uns durchs Leben schummeln und flunkern.
Spektakuläre Zahl
Zweihundertmal am Tag, das klingt erst einmal nach einer ungeheuerlichen Anzahl von Lügen, die sicherlich etwas weniger spektakulär ausfällt, wenn man die jeweiligen Lebensumstände in Betracht zieht. Menschen, die alltäglich von Berufs wegen viel sprechen und schreiben, schrauben möglicherweise etwas öfter an der Wahrheit herum als Leute, die kaum oder gar nicht kommunizieren. In einem Schweigekloster kann man höchstens sich selbst im Geiste belügen.
Unmenschlich schwer
Doch wie man es auch dreht und wendet: Es scheint so, als sei es unmenschlich schwierig, sauber zu bleiben. Trotzdem heißt es andauernd, man solle authentisch sein, wahrhaftig, unverstellt. Stets klar aussprechen, was man denkt und fühlt. Einfach mal nicht lügen. In der Beziehung. Unter Freunden. Am Arbeitsplatz. In der Steuererklärung. Am Serviceschalter der Deutschen Bahn.
Der Ehrliche ist der Dumme
Einfach unmöglich. Und dann wäre da noch die fehlende Motivation, als wahrheitsliebender Mensch durchs Leben zu gehen. Gemäß dem Sprichwort „Der Ehrliche ist der Dumme“ wird in unserer Gesellschaft nicht selten ausgerechnet derjenige belohnt, vielleicht berühmt und womöglich reich, der am raffiniertesten lügt. Karl May etwa, dieser wunderbare Erzähler, ist ein vorbestrafter Hochstapler, Betrüger und Dieb, der acht Jahre im Gefängnis verbracht hat, bevor er als Abenteuerschriftsteller nicht nur Karriere macht, sondern auch noch steif und fest behauptet, all diese Geschichten im Wilden Westen und sonst wo tatsächlich und höchstpersönlich als „Old Shatterhand“ und „Kara Ben Nemsi“ erlebt zu haben. Am Ende glaubt Karl May seine eigenen Lügenmärchen.
Berühmter Hochstapler
Ein anderer Hochstapler ist ein Schuhmacher namens Friedrich Wilhelm Voigt, der 1906 vorgibt, ein Hauptmann zu sein, um so das Köpenicker Rathaus zu besetzen und die Stadtkasse zu stibitzen. Wie Friedrich Wilhelm Voigt sind zahllose Prominente in den Geschichtsbüchern als Hochstapler, Lügner und Fälscher zu Berühmtheiten geworden.
Ein Lügenbaron, der keiner war
Und wer kennt nicht den Baron Münchhausen, den wohl berühmtesten Lügner neben der Holzpuppe mit der langen Nase namens Pinocchio. Anders als diese Kinderbuchfigur des italienischen Schriftstellers Carlo Collodi ist der Baron keine Fiktion. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag des Lügenbarons zum 300. Mal, und wer sich in den letzten Wochen in die Heimat Münchhausens nach Bodenwerder in Niedersachsen aufgemacht hat, um im gleichnamigen Museum im ehemaligen Herrenhaus der Familie Münchhausen die liebevoll kuratierte Jubiläumsausstellung zu besuchen, der erfährt einiges. Zum Beispiel wird mit zahlreichen Originaldokumenten glaubhaft versichert, dass der Baron zu Unrecht bis heute als Lügner bezeichnet wird. Ja, dieser Tausendsassa behauptet zu Lebzeiten vor Zeugen immer wieder, dass er auf einer Kanonenkugel reiten, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen und mit einem halben Pferd davontraben kann.
Übertreibungen, keine Lügen
Die verrückten Abenteuer des Barons Münchhausen sind weltberühmt, längst Teil der Literatur- und Filmhistorie. Doch waren sie auch seinerzeit schon so gemeint: als spannende Geschichten und Abenteuermärchen. Der Baron lud regelmäßig seine adligen Freunde zum geselligen Beisammensein mit Tabak und Spirituosen, dann sorgte er mit seinen lustigen Übertreibungen für Stimmung. Der Ledersessel, von dem aus er den Conférencier gab, ist noch zu bewundern in Bodenwerder. Mündlich vorgetragene Dichtung, mehr war das nicht. Erst im vorgerückten Alter, als sich der hochbegabte Fabulierer im Rosenkrieg mit seiner jungen Ehefrau befand und diese ihn als „Lügenbaron“ beschimpfte, entstand die Lüge über die vermeintlichen Lügen. Üble Nachrede nennt man das.
Gut oder schlecht gemeint
Die Erinnerung an berühmte Schwindler zeigt: Lüge ist nicht gleich Lüge. Ob eine Lüge gut ist oder nicht, hängt von ihrer Motivation ab – und vom Kontext, von der Situation also, in der sie ausgesprochen wird. Manche erzählen ja Unwahres, um zu unterhalten oder gar Kunst zu schaffen. Was wären wir ohne die Imagination der Künstler?
Lüge und Geld
Wer die Unwahrheit sagt, um andere zu schützen, ist anders zu bewerten als jemand, der sich persönliche Vorteile von der Lüge verspricht. Der Unternehmer Oskar Schindler belügt im Zweiten Weltkrieg die Nazis, um Juden vor der Deportation zu bewahren – eine prosoziale Lüge. Im Unterschied zum Lügengespinst eines Bernie Madoff, der 2009 von einem New Yorker Gericht zu 150 Jahren Haft verurteilt wird, nachdem er Tausende Privatanleger, Banken, Stiftungen um Dutzende Milliarden Dollar betrogen hat. Menschen wie Madoff lügen, weil sie sich bereichern wollen.
Krankhaftes Lügen
Und dann gibt es noch Menschen, die zwanghaft lügen, manchmal zu ihrem Vorteil, oft aber auch aus ungeklärten Beweggründen. Gut möglich, dass so ein krankhafter Lügner den Weg zu Hans Stoffels findet. Der 74-Jährige ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie an der Park-Klinik Sophie Charlotte in Berlin und ein bekannter Experte bei der Behandlung von Pseudologen. Das sind keine Hochstapler, sie handeln nicht aus Geltungssucht. Pseudologen lügen vielmehr wie aus einem inneren Zwang. „Man geht bei diesen Patienten von einer gravierenden Persönlichkeitsstörung aus, die dem zwanghaften Lügen zugrunde liegt und deren Ursachen man in der Therapie freilegen muss“, erklärt Stoffels.
Opfer oder Held
Nicht selten bildeten sich die Menschen eine andere Identität ein. „Ich unterscheide dabei zwischen Helden- und Opfernarration“, erläutert der Psychiater. Der eine behauptet, er sei ein Arzt, der in der Dritten Welt praktiziert. Die andere gibt vor, das Opfer einer schweren Erkrankung zu sein. Oft sei das Motiv die Sehnsucht nach Anerkennung, sagt Stoffels. Interessant seien die Geschichten selbst, sagt der Arzt, denn „ihre Analyse gewährt einen Blick in den Spiegel der Gesellschaft“. Wer oder was gerade bei uns einen hohen Stellenwert genießt, wird zum Helden oder Opfer in der eigenen Lügenwelt stilisiert.
Falsche Identität
Das könnte auch die erlogene Opfergeschichte der US-Dozentin Jessica Krug erklären, die sich jahrelang als Afroamerikanerin ausgegeben hat. Oder der Fall der deutschen Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich unter anderem eine Biografie mit jüdischen Holocaust-Opfern als Vorfahren erdichtet hat.
Letztere ist auch insofern interessant, als sie vor allem im Internet ihre falsche Identität präsentierte. Auch wenn es keine Statistiken dazu gibt, so hat auch Hans Stoffels den Eindruck gewonnen, dass die sozialen Medien das Lügen und die Verbreitung von Fake News befördern würden.
Schrecklich unpoetisch
Ob der noch amtierende US-Präsident Donald Trump ein krankhafter Lügner ist, der an seine eigenen Märchen von der angeblich gestohlenen Präsidentschaftswahl glaubt, oder doch nur ein bewusster Schwindler ist, kann man ohne ärztliche Expertise nicht klären. Eines ist aber sicher: Eine Welt, in der jeder andauernd die Wahrheit von sich gibt, wie es sich der Philosoph Immanuel Kant gewünscht hat, wäre schrecklich unpoetisch und mitunter zerstörerisch.
Schmiermittel der Gesellschaft
Wer will schon von anderen die Wahrheit über sich selbst aufgetischt bekommen. Lügner können charmant sein, auch tröstlich. Vor allem aber gehören zu einer guten Lüge immer zwei: einer, der lügt – und ein Zweiter, der belogen werden will. Vielleicht hilft zum Abschluss der Dichter Oscar Wilde, der das Dilemma so auflöst: „Lügen mögen ein Schmiermittel für die Gesellschaft sein, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit jedoch bleiben ihr Motor.“