Modell der Zukunft: Im Hintergrund die Flugfeldklinik, rechts vorne Plana Küchenland, links daneben die geplante Psychiatrie. Foto: ZfP

Auf dem Böblinger Flugfeld entsteht mit dem Zentrum für seelische Gesundheit ein großer Komplex zur Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen – nur ein Steinwurf entfernt vom neuen Großklinikum.

Die sozialen Folgen der Coronapandemie, eine zu hohe Arbeitsbelastung oder ein persönlicher Schicksalsschlag – die Gründe, warum ein Mensch eine psychische Erkrankung entwickelt, sind vielfältig. Essenziell für die Genesung ist eine möglichst schnelle, zielgerichtete und wohnortnahe Versorgung, je nach Schweregrad der Erkrankung ambulant oder stationär.

 

All das soll in wenigen Jahren mitten in Böblingen medizinischer Standard sein. Nämlich dann, wenn auf dem Flugfeld das neue Zentrum für seelische Gesundheit des Trägers, des sogenannten Zentrums für Psychiatrie Calw-Nordschwarzwald (ZfP), seinen Betrieb als psychiatrische Anlaufstelle im Landkreis aufnehmen wird. Am Freitagmittag wurde dort, wo in wenigen Jahren Patienten mit Depressionen, Angststörungen oder Schizophrenie behandelt werden sollen, der symbolische Spatenstich vorgenommen.

Mehr als 200 Betten bietet das neue Zentrum dann

„Der Bau des Zentrums für seelische Gesundheit mitten in Böblingen mit seinen dann über 200 Betten ist das größte Projekt des ZfP. Es wird die Gesundheitsversorgung im Kreis verbessern, in Qualität und Quantität“, erklärt Michael Eichhorst, Geschäftsführer des ZfP, vor Gästen wie Landrat Roland Bernhard, Böblingens OB Stefan Belz (Grüne), Sindelfingens Baubürgermeisterin Corinna Clemens, den Architekten sowie Psychiatrie-Chefarzt Gunther Essinger vom ZfP beim Spatenstich.

Ein großer Vorteil des Standorts sei die enge Anbindung des Zentrums an das benachbarte Flugfeldklinikum. Damit würden Psychiatrie und Somatik, also die Behandlung körperlicher Beschwerden, örtlich so nah beieinander liegen, dass beide Seiten, vor allem aber die Patienten, profitierten, sagt Thilo Walker, Ministerialdirigent im Landes-Sozialministerium. „Die fachübergreifende Vernetzung zum Klinikum ist nicht nur aus medizinischen Gründen empfehlenswert, sie fördert auch die Entstigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen.“

Neue Abteilungen erweitern das medizinische Angebot

Unter dem voraussichtlich 2026 finalisierten Neubau zwischen Sensapolis, A 81 und Plana Küchenland sollen verschiedene Versorgungssysteme gebündelt werden: Stationär, teil-stationär und ambulant, letzteres im Tagesklinik-Setting.

Psychiatrie-Chefarzt Gunther Essinger betont eine weitere Besonderheit, die das Zentrum vereinen soll. „Neben der klassischen Einteilung in Kinder- und Jugend-, Erwachsenen- und Gerontopsychiatrie werden wir weitere Abteilungen aufbauen.“ Aufgrund der hohen Prävalenz psychischer Erkrankungen bei den 15- bis 25-Jährigen werde zukünftig ein besonderes Augenmerk auf Menschen dieser Altersgruppe gelegt. „Wir wissen, dass in der Adoleszenz oft besonders schwere, behandlungswürdige Erkrankungen auftreten. Universitätskliniken behandeln schon gesondert in solchen Abteilungen. In Böblingen wird das auch so sein“, erklärt Essinger. Ebenfalls dazukommen soll eine Abteilung für die Über-50-Jährigen. Diese sind zwischen der regulären Erwachsenen- und der Gerontopsychiatrie, die mit 65 Jahren beginnt, anzusiedeln.

Corona-Kollateralschäden vor allem bei den Jüngsten

Dass Essinger und seinen Kollegen in Calw, Hirsau und Böblingen, wo derzeit schon psychiatrisch behandelt wird, auch in Zukunft die Arbeit nicht ausgehen dürfte, scheint angesichts des Vormarsches vieler psychischer Störungen gewiss. „Seit einigen Jahren sehen wir eine Zunahme psychischer Erkrankungen vor allem bei Kindern und Jugendlichen. Dazu gehören depressive Episoden, Ängste und soziale Verhaltensauffälligkeiten“, erläutert Essinger. Da auch bei der ambulanten Versorgung der Bedarf größer sei als die vorhandenen Kapazitäten, landeten viele der jungen Patienten in den kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen. Wartelisten gäbe es bei der ZfP nicht. „Wir sind bei Akutfällen oft Erstversorger. Da können wir niemanden wegschicken. Wartelisten gibt es eher bei spezialisierten Kliniken“, erklärt Essinger.

Auch wenn aktuell die personelle Ausstattung wie überall im Gesundheitsbereich prekär sein, schaut Chefarzt Essinger nicht pessimistisch in die Zukunft: „Natürlich ist die Personallage angespannt, bei den Ärzten und in der Pflege. Wir rekrutieren vermehrt Mitarbeiter aus dem Ausland. Das wird auch am Standort in Böblingen so funktionieren.“ Da am neuen Zentrum auch eine Klinikschule entstehen soll, plant die ZfP Investitionen in die Ausbildung ihrer Pflegekräfte.

Psychiatrischer Bereich soll in die Mitte der Gesellschaft

Wie notwendig eine Aufwertung der psychiatrischen Versorgung von Menschen im Kreis ist, unterstreicht auch Landrat Roland Bernhard. „Wir sind ein wirtschaftsstarker, dynamischer Landkreis. Nicht jeder kann allein in der Arbeitswelt das hohe Tempo mitgehen und erkrankt. Dass psychische Krankheiten an diesem prominenten Standort behandelt werden, ist auch eine Botschaft.“

Den besonderen Anforderungen einer Klinik mit psychisch erkrankten Menschen trage der Neubau jedenfalls Rechnung, wie Architekt Oliver Braun feststellt. „Die Räume sollen Geborgenheit und Hoffnung vermitteln. Außerdem erhöhen die Außengärten und Dachgarten die Aufenthaltsqualität.“

Nächstes Flugfeld-Großprojekt

Standort
 Das Zentrum für seelische Gesundheit von der ZfP wird am Kopf des Flugfelds, unweit der A 81 auf Böblinger Gemarkung, entstehen. Nur wenige Meter entfernt liegt das neue Flugfeldklinikum, das als Maximalversorger konzipiert ist.

Kosten
 Aktuelle Berechnungen gehen von Gesamtkosten von rund 100 Millionen Euro aus. Das Land Baden-Württemberg fördert das neue Zentrum.

Abteilungen
 Neben einer Kinder- und Jugendpsychiatrie sollen auch 15- bis 25-Jährige, Erwachsene, Ü-50- und Ü-65-Jährige altersgerechte Therapien erhalten.

Beginn
 Mit dem Spatenstich starten nun die Bauarbeiten. Das Zentrum für seelische Gesundheit plant die Aufnahme des Betriebs im Herbst 2026.