26 Einsatzkräfte stehen zu Beginn der Ausschreitungen am Römerkastell 200 Randalierern gegenüber.
Die Aussage eines Polizeibeamten geht unter die Haut: Mehrere Stunden lang berichtet der 22-Jährige am Dienstag im Stammheimer Gerichtssaal des Oberlandesgerichts vom Nachmittag des 16. September 2023. Als Beamter in der Einsatzhundertschaft war er mit 25 Kolleginnen und Kollegen ursprünglich eingeteilt gewesen, um die Tür einer Veranstaltungshalle zu beschützen. Ohne Schutzausrüstung. So sah er sich dann wenig später einer marodierenden Menge gegenüber. Rund 200 Personen mit Wurzeln in Eritrea, die als Kritiker des Regimes in dem Land einzuordnen sind, stürmten auf die Halle zu, bewaffnet mit Stöcken und Eisenstangen, Steine und Flaschen werfend. „Ich kam mir vor wie im Krieg“, schildert der junge Beamte, „Es sind Kollegen zusammengebrochen, manche haben geheult.“
Angeklagt ist am Dienstag ein 26-jähriger Mann, der in Bayern lebt, aber aus Eritrea stammt. Schwerer Landfriedensbruch wird ihm vorgeworfen. Er soll Steine auf eine Polizeikette geworfen haben. Sein Fall ist in zweierlei Hinsicht besonders: Der junge Mann ist der einzige Tatverdächtige, der direkt am Tag der Krawalle verhaftet wurde und seither in Untersuchungshaft sitzt. Außerdem soll er bereits im hessischen Gießen im Juli 2023 an ähnlichen Ausschreitungen beteiligt gewesen sein.
In der Halle auf dem Gelände des Römerkastells in Bad Cannstatt hatte ein Verein zu einem Seminar eingeladen, der als regierungstreu gilt. In Gießen wie in Stuttgart riefen Veranstaltungen dieser Gruppierungen Gegenproteste regierungskritischer Gruppen hervor, die in Gewalt mündeten.
Schon bei der Anfahrt zum Römerkastell sei seine Einheit an mehreren Grüppchen vorbeigekommen, die dorthin gingen. Oben angekommen, sicherten die Einsatzkräfte die Tür des Seminars. Zunächst seien Menschen einfach nur so aufs Gelände geströmt. „Wie aus dem Nichts“ sei dann der Krawall losgegangen, berichtet der 22-Jährige. So heftig, dass die Beamten sich nach einem ersten Versuch, die Angreifenden zurückzudrängen, hinter die Eingangstür der Halle zurückziehen mussten. Verstärkung wurde alarmiert. Zwei Versuche, zum Auto zu rennen und Schutzausrüstung – Helm, Bein- und Armschoner, Oberkörperschutz – zu holen, scheiterten, so der Polizist. Ein Wurfgeschoss traf seine Pfeffersprayflasche, die explodierte. Der Reizstoff traf ihn selbst. „Ich bekam keine Luft mehr“, erinnert sich der Polizist.
Mit der Hilfe der angeforderten Unterstützung konnte die Menge aus dem Hof gedrängt werden. Nahe dem Friedhof gegenüber dem Kastell soll es dann zu den Steinwürfen gekommen sein. „Er hat ganz weit ausgeholt“, so der 22-Jährige. Der Einsatzleiter habe allen eingeschärft, sie sollten sich Personen merken, die durch Straftaten auffielen. Das habe er getan, so der Polizist. Kleidung, Habitus, Frisur, damit habe er ihn später, als die Randalierer umstellt waren und einzeln erkennungsdienstlich behandelt wurden, wiedererkannt. Auch ein 28-jähriger Beamter, der zu den nachrückenden Kräften gehörte, sagte aus, er habe den Angeklagten erkannt. Eine Beamtin, die die Fähigkeiten einer Superrecognizerin hat, wertete nach den Aussagen Videos des Krawalls aus. Den Mann fand sie auf den Aufnahmen, ein Steinwurf von ihm sei nicht zu sehen gewesen.
Der Angeklagte schwieg zu alle dem. Er ließ seine Rechtsanwältin Rita Drar eine Erklärung abgeben. Es treffe zu, dass er im Römerkastell dabei gewesen sei. Auch habe er die Polizei beschimpft, unter anderem als „Diktaturunterstützer“. Den Steinwurf auf Polizeibeamte stritt er jedoch ab. Die Anwältin kritisierte eingangs auch die Ermittlungen: Diese hätten von einer anderen Dienststelle, nicht von der Stuttgarter Polizei geführt werden sollen. Auch habe ein Beamter, der die Sprache kenne, für die Polizei übersetzt. Welche Einstellung er zum Regime in Eritrea habe, sei nicht bekannt.
Der Prozess geht am 12. März weiter.