Selbst bei Sonne wirken die Wohnungen im Mayliving (links) durch das mächtige Nachbargebäude dunkel. Foto: Jürgen Bock

Ein teures Wohnprojekt am Stuttgarter Pragsattel steht im Fokus der Justiz. Mehrere Käufer fühlen sich getäuscht. Am Landgericht haben jetzt zahlreiche Zeugen ausgesagt. Was ist ihnen vom Verkäufer versprochen worden?

Es hätte alles so schön sein können. Eine moderne, eigene Wohnung mit bester Ausstattung in gefragter Lage, zentral und doch im Grünen. Direkt am Höhenpark Killesberg, nahe zur Stadtbahn. Und vor dem Balkon eine grüne Fläche und viel Sonne. So jedenfalls haben sich viele Menschen, die ins neue Theaterviertel am Stuttgarter Pragsattel gezogen sind oder es zumindest vor hatten, ihre Zukunft vorgestellt. Im Projekt Mayliving der Münchner Immobilienfirma Gieag an der Maybachstraße haben sie sich eine oder gleich mehrere der 67 Wohnungen gekauft. Für sehr viel Geld. Einige Käuferinnen und Käufer haben sich dafür hoch verschuldet.

 

Es sollte ja auch einiges geboten werden. Im Prospekt ist auf einer Illustration vor den Balkonen und Gärten eine große Wiese mit Bäumen zu sehen. Lichtdurchflutet seien die Räume, nach Süden ausgerichtet. In manchen Verkaufsgesprächen sollen Sonne pur und blickgeschützte Balkone versprochen worden sein. Selbst dann noch, als der Rohbau stand – und in nur elf Meter Abstand das siebenstöckige Nachbargebäude begonnen wurde. Dieser vom Unternehmen Instone lange geplante Komplex überragt das Mayliving heute, war bei Vertragsabschluss vieler Käufer aber noch nicht zu sehen.

Selbst an sonnigen Tagen, klagen diverse Käufer, fühlten sie sich wie in einer dunklen Schlucht. Dazu kommen zahlreiche bauliche Mängel, ständige Wasserschäden und zeitliche Verzögerungen. Mehrere Erwerber fühlen sich getäuscht und glauben, zu weit überhöhten Preisen gekauft zu haben. Zwei klagen inzwischen vor dem Stuttgarter Landgericht und wollen Hunderttausende Euro zurück. Diverse andere sind bereits anwaltlich vertreten und warten den Ausgang der ersten Verfahren ab, um dann selbst zu klagen. Deshalb geht es auch für Gieag um viel Geld – und für die Immobilienbranche um die Frage, wie viel Aufklärung vor Vertragsabschluss sein muss.

Jetzt ist am Landgericht eines der beiden Verfahren weitergegangen – mit 13 Zeugen und einem Hauptdarsteller. Der steht zwischen der Klägerbank, wo einer der Käufer Platz genommen hat, der für zwei Wohnungen 1,6 Millionen Euro auf den Tisch gelegt hat, und den Vertretern der beklagten Gieag auf der anderen Seite. Es handelt sich bei dem Hauptdarsteller um ein unscheinbares weißes 3-D-Modell, vielleicht 60 Zentimeter breit. Darauf zu sehen: das Mayliving mitsamt der umgebenden Bebauung – inklusive dem gewaltigen Instone-Block.

Stand da ein Modell oder nicht?

Dieses Modell, beteuern die Vertreter der Gieag, habe im Verkaufsbüro auf dem Gelände gestanden, in dem die Vertragsgespräche liefen. Schon allein deshalb habe den Interessenten klar sein müssen, dass vor dem geplanten Gebäude später keine Freifläche sein würde. Das bestätigen im Saal einige Zeugen, die damals für die Gieag gearbeitet haben – direkt oder als Auftragnehmer. Niemand sei getäuscht worden, man habe keinen Hehl aus dem großen Nachbarprojekt gemacht.

Vonseiten zahlreicher Käufer oder früheren Kaufinteressenten, die danach als Zeugen folgen, klingt das allerdings ganz anders. Alle beteuern, niemand von ihnen habe je zuvor dieses Modell gesehen. Selbst zwei frühere Mitarbeiterinnen eines von der Gieag beauftragten Architekturbüros können sich nicht daran erinnern, dass es im kleinen Container gestanden hat.

Pflanzen gehen vor Dunkelheit ein

Stattdessen erzählen die Erwerber noch ganz andere Dinge. Zigmal stellt der Richter an diesem Verhandlungstag dieselbe Frage: „Sind Sie mit Ihrem Kauf zufrieden?“ Stets lautet die Antwort nein. Eine Bewohnerin berichtet davon, im Gespräch seien ihr freier Ausblick und viel Privatsphäre versprochen worden. Stattdessen habe sie nun eine Wohnung in „unterirdischer Qualität“, für die sie sich regelrecht schäme. Am Gebäude gebe es „nichts, was richtig ausgeführt worden ist“. In den Räumen sei es so dunkel, dass man auch tagsüber das Licht anlassen müsse, weil sonst die Pflanzen eingingen. „Es ist eine Katastrophe“, sagt sie.

Andere berichten, sie hätten bei den Gesprächen explizit danach gefragt, was auf dem Nachbargrundstück passiere – und meist zur Antwort bekommen, man wisse es nicht, man brauche sich aber keine Sorgen zu machen. Häufig fällt im Saal der Satz: „Hätte ich das alles gewusst, hätte ich die Wohnung niemals gekauft.“

Noch in der Verhandlung kündigen mehrere Zeugen an, selbst eine Klage gegen Gieag zu erwägen. Bis dahin laufen vorerst die bisherigen beiden Verfahren weiter – wie lange die Mammutprozesse, die sich bereits über mehr als zwei Jahre hinziehen, noch dauern, ist offen.