Im Prozess um den Tod des 18-Jährigen in Asperg am Landgericht hat die Hauptsachbearbeiterin der Sonderkommission ein klares Bild von dem Opfer gezeichnet.
Es ist mucksmäuschenstill im größten Saal des Stuttgarter Landgerichts, als die Beleuchtung gedimmt wird und mehrere Bilder auf die große Leinwand projiziert werden. Sie zeigen zahlreiche Päckchen mit unterschiedlichen Drogen und Bündel von Geldscheinen. Solche Bilder sind am Landgericht häufig zu sehen, wenn Drogendealer ihre Verkaufserfolge dokumentieren. Die Fotos, die an diesem Montagmorgen gezeigt werden, hat die Polizei auf einem der beiden Handys des getöteten Lukas aus Asperg gefunden. Und nicht nur das. „Es gab auch zahlreiche Chats im klassischen Slang für Rauschgiftgeschäfte sowie Einkaufslisten und Rechnungen“, erzählt eine Kriminaloberkommissarin den Richtern der 2. Großen Strafkammer.
Die 45-Jährige war die Hauptsachbearbeiterin der „Sonderkommission Goethe“, bei ihr liefen zahlreiche Fäden zusammen. Mit ihrer Aussage wird am 15. Tag des Totschlagsprozesses gegen drei Angeklagte erstmals öffentlich deutlich, was vorher in Zeugenaussagen immer nur angedeutet wurde: Der 18-jährige Lukas war tief in Drogengeschäfte verstrickt. „Er nannte sich Baden-Cali in den Chats, und viele seiner Bilder waren mit einem Sticker mit diesem Namen versehen“, berichtete die Kommissarin.
Die Scheine in den Geldbündeln ergäben teilweise eine Summe von bis zu 30 000 Euro, sagte sie. Einige der Bilder des Rauschgifts seien während seines Aufenthaltes in Marokko entstanden. Auch seine Aufenthalte in Amsterdam seien immer wieder Thema in den Chats gewesen. Zudem seien Fotos von zwei Tierabwehr-Pistolen gefunden worden.
Allerdings: Aus der Tatsache, dass Lukas im Drogengeschäft tätig war, vermochte die Soko-Hauptsachbearbeiterin kein Motiv für die Tat herzuleiten. „Aus den Gesprächen lässt sich kein konkreter Auslöser herauslesen. Es gab weder Streit noch eine Bedrohungssituation mit den Angeklagten“, stellte sie klar. Der 21-Jährige, der eingeräumt hatte, die tödlichen Schüsse auf Lukas in einem Drogenexzess abgegeben zu haben, tauche nicht einmal in den Kontakten von Lukas auf. Einzig der andere 21-Jährige, der laut Anklage zum Tatort gefahren ist, sei in der Kontaktliste vermerkt.
War das spätere Opfer am Tattag in der Nähe von Frankreich?
Aufklären konnte die Kriminaloberkommissarin auch die Irritation, ob Lukas am Tattag möglicherweise in der Nähe von Frankreich gewesen sei. Darauf deutete die Einwahl in einen entsprechenden Funkmast hin. „Hier gab es wohl eine falsche technische Einbuchung“, erklärte die Zeugin. Die übrigen Daten ließen darauf schließen, dass er sich ausschließlich in Asperg aufgehalten habe.
Die Ermittler stießen auf Mauern des Schweigens und Zeugenabsprachen.
Eine Neuigkeit konnte sie auch zu dem zweiten 18-Jährigen berichten, der zusammen mit Lukas auf dem Schotterparkplatz bei der Goetheschule in Asperg war und durch Schüsse schwer verletzt wurde. Gegen ihn sei ein Strafverfahren bei der Staatsanwaltschaft wegen Bedrohung anhängig. Nicht aufklären konnte die Beamtin, warum der BMW X 7, mit dem die Angeklagten am Tatort waren, bei der Untersuchung schwer beschädigt wurde.
Sehr ernüchtert zeigte sich die Kommissarin bei der Bewertung ihrer umfangreichen Ermittlungen: „Es gab viele Lügen, Mauern des Schweigens und Zeugenabsprachen. Keiner war bereit, in dieser Sache einfach mal hinzustehen. So schwer haben wir uns noch selten bei einer Ermittlung getan“, meinte die erfahrene Beamtin.
Wegen Totschlags, versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung sind in diesem Prozess drei junge Männer im Alter von 18 bis 21 Jahren angeklagt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich das Trio mit Lukas und einem Freund in der Nacht zum 8. April vergangenen Jahres auf dem Schotterparkplatz in der Nähe der Goetheschule in Asperg getroffen hat. Nach einem Wortgefecht habe einer der Angeklagten mindestens 21 Schüsse aus nächster Nähe abgegeben. Lukas starb am Tatort, ein anderer 18-Jähriger wurde am Oberkörper und an den Beinen schwerstens verletzt.
Das Urteil soll im Juni verkündet werden.