Januar 2020: Spurensicherung vor der Werkstatt im Waiblinger Eisental Foto: SDMG/Kohls

Vier Brüder stehen wegen eines brutalen Angriffs auf einen 34-Jährigen in Waiblingen vor Gericht. Nur einer macht Aussagen zur Tat – und stellt eine ganz andere Sicht als der Staatsanwalt dar.

Stuttgart/Waiblingen - Unter erheblichen Sicherheitsvorkehrungen hat am Montag im Landgericht Stuttgart die Hauptverhandlung gegen vier Brüder im Alter zwischen 26 und 29 Jahren begonnen. Den Männern, die vor 20 Jahren als Kinder aus dem Irak nach Deutschland geflüchtet waren, wird vorgeworfen, im Januar in Waiblingen einen 34-jährigen Werkstattpächter verprügelt, angeschossen und lebensgefährlich verletzt haben.

Die Staatsanwaltschaft geht von einem gemeinschaftlichen Mordversuch aus: Während zwei der Brüder laut der Anklage den brutalen Angriff ausübten, sollen die anderen beiden draußen Wache gestanden haben. Das Motiv soll ein Streit um ein Auto im Wert von rund 2000 Euro gewesen sein, der sich drei Wochen zuvor entfacht und bei dem das spätere Opfer den mutmaßlichen Haupttäter so zusammengeschlagen haben soll, dass dieser eine Gehirnerschütterung erlitt.

Nur wie durch ein Wunder überlebt das Opfer

Der mutmaßliche Racheakt im Januar muss noch deutlich brutaler abgelaufen sein. Die Staatsanwaltschaft listet von einem Schädel-Hirn-Trauma über diverse Trümmer-, Wirbel- und Rippenbrüche so viele schwere Verletzungen auf, dass es an ein Wunder zu grenzen scheint, dass das Opfer letztlich überlebte. Außer Fausthieben und Tritten wurden ihm drei Messerstiche sowie vier Schüsse aus nächster Nähe in Kopf und Oberkörper zugefügt.

Während sich der 27-Jährige, der diese Schüsse aus einer Pistole abgefeuert haben soll, ebenso wie seine ein und drei Jahre jüngeren Geschwister auf Anraten ihrer Anwälte vorerst nicht zur Tat äußern, sagte der älteste der Brüder aus, von alldem völlig überrascht worden zu sein. Er sei am Abend zuvor von einer Hochzeit aus Köln zurückgekommen, habe deshalb die Nacht bei seinen Eltern in einer Gemeinde nahe Waiblingen verbracht und am Morgen eigentlich mit einem der Brüder zur Arbeit fahren wollen. Der 29-Jährige hat sich eigenen Aussagen zufolge als Rolltreppenreiniger selbstständig gemacht, mindestens zwei der Brüder sind offenbar für seine Firma tätig.

Dann aber habe ihn die Mutter gebeten, auch den 26-jährigen Bruder zu dessen Termin beim Arbeitsamt in Waiblingen zu fahren. Und als auch noch der 27-Jährige darum bat, ihn zu jener Werkstatt im Waiblinger Eisental mitzunehmen, hätten sich alle vier gemeinsam auf den Weg gemacht. Statt zum Arbeitsamt sei man mit einem Zwischenstopp bei einem Schrotthändler allerdings zunächst zu der Werkstatt des späteren Opfers gefahren, mit dem der 27-Jährige eng befreundet gewesen sei. „Die waren wie Brüder“, sagte der 29-Jährige und berichtete unter Tränen, wie plötzlich einer der Brüder zum Auto gerannt sei, in dem er und der 26-Jährige gewartet hätten, und „Schüsse, Schüsse“ gerufen habe. Alle vier seien sie daraufhin in Panik zurück zu den Eltern gefahren. Er habe seine Familie schützen wollen, sagt der 29-Jährige, der immer wieder betont, unter den Brüdern so etwas wie eine Vaterrolle eingenommen zu haben. Letztlich sei man kopflos nach Nordrhein-Westfalen geflüchtet, wo die Familie einst nach ihrer Flucht aus dem Irak Asyl gefunden hatte und wo seine Verlobte lebe. Erst mit Zeitverzug stellten sie sich dort der Polizei.

Die Brüder schweigen

Seine Brüder hätten nicht mit ihm geredet, er wisse bis heute nicht, was genau passiert sei und könne es nicht verstehen, sagte er jetzt vor Gericht. Dann räumte er ein, dass sein Bruder die Tat später als Notwehr dargestellt habe. Dieser habe gedacht, der 34-Jährige habe eine Waffe ziehen wollen.

Wenig Licht ins Dunkel brachte am Prozessnachmittag die Vernehmung eines Zeugen, dem das Opfer einen Teil der Werkstatthalle zum Lackieren von Autos untervermietet hat. Er hatte den Streit zwar mitbekommen und letztlich auch per Notruf die Polizei alarmiert. Die Täter identifizieren, das Motiv oder den Tathergang erhellen, konnte er aber nicht. Das Gericht will sich dafür einige Zeit nehmen. Es sind Verhandlungstermine bis in den Februar anberaumt.

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