Colin Kaepernick kniet aus Protest während der Nationalhymne vor dem Spiel. Foto: AP

Der Footballspieler von den San Francisco 49ers boykottiert die Nationalhymne vor dem Spiel, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Das löst in den USA große Debatten aus. Auch Donald Trump und Barack Obama schalten sich ein.

Stuttgart - Colin Kaepernick war einmal der Inbegriff des aufstrebenden NFL-Quarterbacks. Mit seinem starken Arm und raumgreifenden Schritten eroberte der Footballspieler die US-Profiliga im Sturm, in der Saison 2012 führte er die San Francisco 49ers bis in den Superbowl und unterschrieb ein Jahr später einen Sechs-Jahres- Vertrag mit einem Volumen von bis zu 126 Millionen Dollar. Seitdem geht es für ihn jedoch genauso steil bergab wie er einst nach oben geschossen war, er ist – auch wegen Knie- und Schulterproblemen – immer tiefer in der Versenkung verschwunden. Ein gefallener Star.

Trotzdem beherrscht Colin Kaepernick seit Ende August die Schlagzeilen der NFL, diein der Nacht von Donnerstag auf Freitag (2 Uhr/Sat 1) mit der Neuauflage des jüngsten Endspiels zwischen dem Titelverteidiger Denver Broncos (ohne den zurückgetretenen Superstar Peyton Manning) und den Carolina Panthers in die neue Saison startet. Dabei geht es weniger darum, dass er gerade so als zweiter Spielmacher hinter Blaine Gabbert den Sprung in den finalen 53-köpfigen Kader der San Francisco 49ers geschafft hat. Sondern es geht darum, dass er sitzengeblieben ist, um für seine Überzeugungen aufzustehen.

Beim vorletzten Vorbereitungsspiel seines Teams gegen die Green Bay Packers erhob Colin Kaepernick sich nicht wie üblich, als die Nationalhymne abgespielt wurde. Er blieb hocken, um gegen Rassismus in den USA zu protestieren – besonders auch von Seiten der Polizei. „Ich werde nicht aufstehen, um Stolz auf die Flagge eines Landes zu demonstrieren, das schwarze Menschen und andere farbige Menschen unterdrückt“, sagte der Sohn einer weißen Mutter und eines afroamerikanischen Vaters, der als Kleinkind von einer weißen Familie adoptiert wurde und neuerdings seine Haare im Afro-Look trägt, der in Zeiten der US-Bürgerrechtsbewegung des vergangenen Jahrhunderts zur Mode wurde. Und er fügt an: „Das ist größer als Football, und es wäre egoistisch von mir wegzusehen. Da liegen Leichen auf der Straße – und Leute, die bezahlten Urlaub haben, kommen mit Mord davon.“

Schweineköpfe mit Polizeimützen auf den Trainingssocken

Ein Affront. Ein Eklat. Mit den erwartbaren Reaktionen: Verständnis und Unterstützung hier, schwere Kritik wegen unpatriotischen Verhaltens und Verunglimpfung da. Der Absatz seiner Trikots, davor nur noch ein Ladenhüter, ist rapide gestiegen: Bei den 49ers sprang er teamintern mal eben binnen kürzerster Zeit von Rang 20 auf die Spitzenposition und eroberte NFL-weit einen Platz unter den Top Drei. Die Polizeivereinigung von San Francisco forderte die NFL und die San Francisco 49ers hingegen nach der Aktion zu Entschuldigungen „für die unbedachten Statements Ihres Angestellten Colin Kaepernick“ auf.

Da war noch nicht einmal bekannt, dass der Quarterback („Ich bin nicht anti-amerikanisch, ich liebe Amerika – das ist der Grund, weshalb ich das mache“) im August beim Training Strümpfe getragen hatte, die Schweineköpfe mit Polizeimützen zeigen – die Fotos davon machten erst vergangene Woche die Runde. „Ich habe diese Socken in der Vergangenheit getragen wegen schurkischen Polizisten, die nicht nur die Allgemeinheit in Gefahr bringen, sondern auch die Polizisten mit den richtigen Absichten“, erklärte der 28-Jährige. „Ich habe zwei Onkels und Freunde bei der Polizei, die ALLE beschützen wollen.“ Die Santa Clara Police Union, die bei den 49ers-Heimspielen mit rund 70 Beamten vertreten ist, drohte mittlerweile mit einem Boykott des Dienstes für den Fall, dass es hinsichtlich Colin Kaepernicks Verhalten keine Veränderung gebe.

Donald Trump wettert gegen Colin Kaepernick

Der Präsidentschaftskandidat Donald Trump, den der Quarterback als „offenen Rassisten“ beschimpft hatte, mischte sich natürlich auch in die Debatte ein: „Das ist furchtbar. Wissen Sie: Vielleicht sollte er ein Land finden, das ihm besser gefällt. Lasst es ihn doch versuchen – er wird es nicht schaffen.“ Rückendeckung gibt es dagegen von Barack Obama. „Er nutzt sein in der Verfassung verankertes Recht auf freie Meinungsäußerung“, sagte der Präsident. „Ich denke, er sorgt sich um ein paar ernsthafte Probleme, über die gesprochen werden muss. Und wenn nichts sonst, so hat er zumindest Debatten darüber angestoßen.“

Beim abschließenden Testspiel der 49ers bei den San Diego Chargers kniete Colin Kaepernick sich vor einer Woche während der Nationalhymne hin, sein Mitspieler Eric Reid tat es ihm gleich, während Jeremy Lane von den Seattle Seahawks ein paar hundert Kilometer weiter nördlich in Oakland zum Zeichen der Solidarität sitzenblieb. Das Publikum buhte San Franciscos Spielmacher bei jeder Ballberührung aus.

Nach der Partie verkündete er, dass er die erste Million seines Gehalts für dieses Jahr an Organisationen spenden werde, die sich um Opfer von Rassendiskriminierung und Polizeigewalt in den USA kümmern. Wie es weitergeht? Die nächste Episode der Kaepernick-Kontroverse folgt womöglich am Montagabend, wenn die San Francisco 49ers zum Abschluss des ersten NFL-Spieltags die Los Angeles Rams empfangen.

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