Bunter und großer Protest in Herrenberg. Mit so vielen Teilnehmern hatten die Veranstalter nicht gerechnet. Foto: Eibner-Pressefoto/Nicolas Worn

Rund 6000 Menschen setzen am Sonntagmittag in der Gäustadt ein eindrückliches Zeichen für die Demokratie und gegen das Erstarken rechtsextremer Kräfte. Der Zulauf auch aus dem Umland war so groß, dass die Organisatoren „überwältigt“ waren.

Es gab nicht nur das eine eindrückliche Bild bei „Herrenberg gegen rechts“, das haften bleibt – sondern gleich mehrere: Da wäre die schon voll mit Menschen gefüllte Freifläche zwischen Alter Turnhalle und Stadthalle, zu denen sich noch all jene gesellten, die zuvor in der größeren der beiden Hallen beim letzten Neujahrsempfang von Oberbürgermeister Thomas Sprißler zugegen waren.

 

Der Demozug wird schon erwartet

Dann gab es den langen Demo-Lindwurm, der sich über den Hallenparkplatz, die Benzstraße und die durch die Polizei abgesperrte B 14 kreuzend in die Altstadt Richtung Marktplatz zog. Und schließlich die besondere Atmosphäre in Herrenbergs „guter Stube“, dem Marktplatz. Zu dem waren, wie die Polizei den Veranstaltern mitteilte, rund 5500 Personen mit dem Demozug gezogen, der dort bereits von rund 500 Personen erwartet wurde.

Viele Teilnehmende – ein buntes Abbild der knapp 34 000 Einwohner zählenden Stadt – waren mit Protestplakaten am Start: Von „Keine Toleranz der Intoleranz“, „Faschismus ist keine Meinung“ und „Menschenrechte statt rechte Menschen“ über „Diesmal ist es nicht zu spät“ und „Das Leben ist zu bunt für braune Gedanken“ bis hin zu konkreten Warnungen wie „Kommen AfDler an die Macht, wird Deutschland um die Zukunft gebracht“ war zu lesen.

„Absolut überwältigend“

„Absolut überwältigend“ nannte Hauptorganisator Fynn Rubehn den Zuspruch bereits bei der Begrüßung zur Kundgebung auf dem Marktplatz. Erst am Montag, und damit mit noch nicht einmal einer Woche Vorlauf, hätten die Mitglieder des Rings politischer Jugend Böblingen, in dem alle im Kreis vertretenen Jugendorganisationen der demokratischen Parteien vertreten sind, und von Fridays für Future als Teil der Herrenberger Jugendbeteiligung mit konkreten Vorbereitungen begonnen, berichtete er. Bei der Anmeldung seien sie von 200 Teilnehmenden ausgegangen.

Letztlich getragen wurde die Demonstration, deren Auslöser auch hier die Veröffentlichungen des Recherchenetzwerks Correctiv über rechtsextreme Überlegungen zur Vertreibung von Millionen Menschen mit Migrationsgeschichte war, von einem breiten zivilgesellschaftlichen Bündnis. Rund 30 Vereine, Parteien und Organisationen, darunter auch Herrenberg bleibt bunt, das wiederum viele Akteure hinter sich vereint, hatten sich dem Aufruf angeschlossen. Auf der Bühne überwogen die jungen Stimmen, die das Wort ergriffen – oder musikalisch ans Mikrofon traten. Wie Aziza, No Name until fame und Fionn.

Forderung nach vielfältigem Einsatz

Alle Menschen vor Ort, so unterschiedlich ihre Ansichten auch seien, würde jedoch eines vereinen: „Den Kampf gegen den Faschismus und gegen den Rechtsextremismus“, betonte Fynn Rubehn (Grüne Jugend). Anastasios Petridis (Junge Liberale) befand, Vertreibungspläne radikaler Gruppen und AfD-Politiker, die einen direkten Angriff auf die Demokratie darstellten, erforderten das Engagement jedes Einzelnen gegen Rassismus und Intoleranz – in der Schule, an der Uni oder am Arbeitsplatz.

Jannis Ahlert (Jusos) betonte, wie wichtig es sei, dass Demokraten zusammenarbeiten. Die Demonstration wertete er als Parteienvertreter daher auch „als Botschaft an uns“. Aus seiner Sicht hat das politische Miteinander im Land unter den jüngsten Debatten gelitten. Jetzt müsse es darum gehen zu zeigen, dass Demokratie der Wettstreit um die besten Ideen ist.

„Die Vielfalt macht’s“

Diese Botschaft hatten angesichts der im Juni anstehenden Wahlen auch Anna Ohnweiler von Omas gegen rechts aus Nagold sowie Isaac González, dem ersten Vorsitzenden des Landesverbands der postmigrantischen Organisationen im Land, in dem zurzeit 80 Vereine Mitglied sind, im Gepäck. Das Motto des Landkreises „Die Vielfalt macht’s“ sieht González als richtigen Kompass an. Und Ohnweiler betonte, wie wichtig es sei, dass die viel zitierte „schweigende Mehrheit“ nicht mehr schweige, da sonst „der Kipppunkt kommt“.

Auch Schirin Ziesing von der Seebrücke-Lokalgruppe im Kreis nahm die demokratischen Parteien in die Pflicht: Diese müssten in ihren Aussagen bei der Wahrheit bleiben. Denn auch wenn in den Raum gestellte Behauptungen später als falsch entlarvt würden, hätten diese trotz nachträglicher Richtigstellung eine größere Reichweite als die Korrektur. Auch Greta Bierbaum in Annalena Ahlert von der Herrenberger Ortsgruppe von Fridays für Future betonten die Verantwortung der demokratischen Parteien bei der Bewältigung der Klimakrise. Der Klimaschutz brauche „demokratische Entscheidungen und muss sozial verträglich gestaltet werden“, lautete ihre Forderung.

Eindrückliches Schlussbild

Das offizielle Schlussbild auf der Demobühne – das Orga-Team, das aus lauter jungen Menschen besteht, denen die Demokratie und deren Bewahrung so sehr am Herzen liegt, gehört auch zu jenen Eindrücken, die im Gedächtnis bleiben werden. Und für all diejenigen, die die ganzen eineinhalb Stunden bei schönstem Wetter, aber frostigen Temperaturen ausharrten, auch der letzte gemeinsam skandierte Slogan, der zwischen den Häuserzeilen des Marktplatzes hallte: „Alle zusammen gegen den Faschismus.“