Nach der Herrenberger Kundgebung in der vergangenen Woche legte Böblingen am Samstag nach: Mehr als 1000 Menschen zeigten auf dem Elbenplatz, dass Rechtsextremismus in diesem Landkreis keinen Platz hat.
Landauf, landab gehen die Menschen derzeit auf die Straße, um gegen Rechtsextremismus zu demonstrieren. In Böblingen versammelten sich am Samstag nach einem Aufruf des Vereins Buntes Böblingen mehr als tausend Menschen auf dem Elbenplatz, um gemeinsam ein Zeichen zu setzen: gegen Hass, gegen Hetze und für die Demokratie. Die Veranstalter sprechen von 2500 Teilnehmern, die Polizei schätzt 1200.
Schilder wurden hochgehalten, auf denen Sprüche wie „SA.f.D.laden, nein Danke“, „BB ist kein Ort für Nazis“ und „Landkreis Böblingen bleibt bunt“ zu lesen war. Denn fest steht: Eine Situation wie im Dritten Reich will niemand erleben.
Das stellte auch die lange Reihe an Rednern klar, die der Verein für die spontan geplante Kundgebung eingeladen hatte: Der Böblinger Oberbürgermeister Stefan Belz (Grüne), Landrat Roland Bernhard (parteilos) und Integrationsratsmitglied Serdar Ertürk als Vertreter des Landkreises, die Bundestagsabgeordneten Marc Biadacz (CDU), Jasmina Hostert (SPD) und Tobias Bacherle (Grüne), die Landtagsabgeordneten Thekla Walker (Grüne), Florian Wahl (SPD) und Matthias Miller (CDU), der FDP-Ortsvorsitzender Dr. Karl-Heinz Frank sowie Eleftherios Tolmidis vom Daimler-Betriebsrat.
Die Folge: Europa in Schutt und Asche
„1933 hat es kein halbes Jahr gedauert, bis sämtliche staatlichen Instrumente gleichgeschaltet wurden“, so OB Belz. „Dadurch bekamen die Nazis die Möglichkeit, ihre Ideologie des Hasses und der Hetze kommunal zu verbreiten.“ Die Folge sei ein Europa gewesen, das größtenteils in Schutt und Asche lag. „So etwas darf nie wieder passieren.“
Der Kreis Böblingen ist bekannt für seine Vielfalt. Menschen aus rund 140 Nationen sind hier zuhause. Jeder zweite Bürger hat in irgendeiner Form einen Migrationshintergrund. Dazu zählt beispielsweise auch Jasmina Hostert, die in ihrer Kindheit von Bosnien nach Deutschland flüchtete. „Ich habe ein neues Leben in diesem wunderbaren demokratischen Land begonnen“, erklärte sie. Heute sei sie Bundestagsabgeordnete. „Das zeigt, dass es keine Rolle spielt, woher man kommt, sondern, wohin man geht.“
Schüler sprechen über Abschiebungen
Auch ihre Mitredner wiesen darauf hin, dass Deutschland ohne seine Mitbürger mit Migrationshintergrund niemals zu einer Nation des Wirtschaftswunders hätte werden können. „Vielfalt sollte nicht nur toleriert, sondern als Bereicherung des täglichen Lebens gesehen werden“, forderte Serdar Ertürk. Niemand sollte wegen seiner Herkunft verurteilt werden oder vorgeschrieben bekommen, wen er lieben dürfe und wen nicht.
Wie vor einigen Wochen bekannt wurde, gibt es jedoch einige Menschen, die das anders sehen. Die Redner zeigten sich entsetzt über das Geheimtreffen einiger AfD-Politiker und Neonazis, die darüber beratschlagten, Menschen auf Basis rassistischer Kriterien aus Deutschland zu vertreiben. „Ich habe erlebt, dass Schüler darüber diskutieren, wer von ihnen im Zweifelsfall abgeschoben werden würde“, sagte Florian Wahl.
Die Akteure stellten klar: Das wird nie passieren. Zumindest nicht, wenn die demokratischen Parteien zusammenhalten. „Wir müssen den Feinden der Demokratie in die Augen schauen“, erklärte Tobias Bacherle. „Auch wenn es unangenehm ist – Demokratie lebt nicht vom Zuschauen, sondern vom Mitmachen.“
Zukunftsängste und Sorgen
Die Ansprachen aller Akteure zeigten, dass für Rechtsextremismus im Kreis Böblingen kein Fuß breit Platz gemacht wird. Die Redner riefen das Publikum allerdings auch dazu auf, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Denn wie Landrat Roland Bernhard es auf den Punkt brachte: „Extreme Positionen entstehen, wenn Menschen unzufrieden sind.“
Dass die aktuellen Zeiten bei vielen Menschen Zukunftsängste und Sorgen verursachen und sie so anfälliger werden für rechte Parolen, ist den Teilnehmern der Kundgebung bewusst. „Aber wir dürfen das Gespräch mit diesen Menschen nicht scheuen und müssen versuchen, sie zurückzugewinnen“, so Thekla Walker.