Die Chefin des Diakonischen Werks Württemberg fordert das Nordische Modell mit Sexkaufverbot. Die aktuelle Prostitutionsgesetzgebung gefährde Frauen und schade der Idee der Gleichstellung von Mann und Frau, sagt Annette Noller.
Die aktuelle Prostitutionsgesetzgebung schadet Frauen mehr, als das sie ihnen hilft. Davon ist Annette Noller, Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg, überzeugt. Sie leiste Menschenhandel Vorschub und missachte die Menschenwürde. So sieht es auch die Europäische Kommission. Noller fordert deshalb in Deutschland die Einführung des Nordischen Modells samt Sexkaufverbot und Ausstiegshilfen für Frauen. Ein Gespräch über traumatische Erlebnisse, Menschenhandel und die Mär von der Freiwilligkeit.
Frau Noller, Sie sind für das Nordische Modell mit Ausstiegshilfen für Frauen und einem Sexkaufverbot für Freier. Warum?
Aus meiner Zeit als Professorin an der Evangelischen Hochschule in Ludwigsburg kommt meine Überzeugung, dass wir uns mit dem liberalisierten Modell, das wir aktuell in der Prostitution haben, nochmals vertieft befassen müssen. Als Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg bin ich auch Oberkirchenrätin – und deshalb in einer interessanten Position: Meine Landeskirche hat sich eindeutig für das Nordische Modell ausgesprochen. Wir in der Diakonie haben, zumindest in den letzten Jahren, das Prostitutionsgesetz in der Beratung als hilfreich empfunden. Mittlerweile sind wir in der Diskussion darüber. Das heißt: Ich bringe aus meiner Forschung die Überzeugung mit, dass es gut wäre, sich mit dem Nordischen Modell zu befassen und es auch hier, in der Diakonie umzusetzen.
Unterscheiden Sie zwischen Zwangsprostitution und Prostitution?
Man muss sich klar machen, dass Prostitution eine traumatisierende Tätigkeit ist. Es ist kein normaler Beruf wie Friseurin. Traumatherapeutinnen sagen seit Jahren, dass man Prostitution nur mit einer massiven Verdrängung von Ekel und Verobjektivierung der Frau ausüben kann. Aussteigerinnen sagen: Prostitution ist erlaubte Vergewaltigung. Dieses traumatische Erlebnis wird zunächst gut weggepackt. Man muss sich klar machen, dass Beraterinnen deshalb einer Frau gegenübersitzen können, die sagt, es sei alles in Ordnung. Obwohl es nicht so ist.
Ist das ein Grund, warum es so schwierig ist, Frauen zu finden, die, während sie die Tätigkeit ausüben, über ihre schlimmen Erfahrungen reden?
Es ist komplex. Wir wissen aus dem Prozess 2018/19 um den Paradise-Bordellbetrieb, dass Frauen, die vordergründig freiwillig dort waren, mit massiver Gewalt unter Druck gesetzt wurden. Es gibt sicher auch Frauen, die Prostitution eine Zeit lang ausüben können. Aber ich gehe davon aus, dass die Mehrheit der Frauen in einer sehr verletzlichen und auch schwierigen Situation ist, deren Tätigkeit wir nicht als freiwillig ausgeübt einordnen können. Es gibt ja auch die Forschung der Sozialwissenschaftlerin Julia Wege, die Interviews mit Prostituierten gemacht hat. Sie sagt, dass 80 Prozent der Prostituierten, vor allem die aus Osteuropa, nicht freiwillig in der Prostitution arbeiten. Nur von einer Minderheit der Frauen, die der Mehrheitsgesellschaft angehören, kann man annehmen, dass sie in einer Situation arbeiten, in der sie durch das geltende Prostitutionsgesetz geschützt sind.
Warum sagen Sie das jetzt alles so deutlich, wenn Sie das Thema schon so lange umtreibt?
Hinter der Diakonie Württemberg liegt ein zweijähriger Diskussionsprozess mit unseren Beratungsstellen. Der war notwendig. Dabei ist deutlich geworden, dass wir nicht nur auf die Freiwilligkeit und Selbstständigkeit der Frauen schauen dürfen. Wir müssen auch die Frage der Verletzbarkeit und der Ausbeutung von Frauen mit zum Teil kriminellen Mitteln, sowie ihre Traumatisierung durch die Prostitution besser im Blick haben.
Das Diakonische Werk Karlsruhe wollte 2021 in Zusammenarbeit mit Bordellbetreibern ein Gütesiegel für die Betriebe vergeben. Das passt nicht zu ihrer Perspektive auf Prostitution. War das ein Auslöser für die Diskussion?
Auch. Wir haben damals – Diakonie Baden und Diakonie Württemberg – gesagt, dass wir uns Gütesiegel für Bordelle nicht vorstellen können. Obwohl ich immer verstanden habe, wenn die Beratungsstellen gesagt haben, dass der Vorzug der jetzigen Gesetzgebung ist, dass wir den Frauen vermitteln können, dass sie eigene Ressourcen der Bewältigung haben. Diese Perspektive können wir nicht aufgeben. Wir müssen sie in schwierigen Situationen auch stärken. In Zukunft muss es darum gehen, zu sehen, wie verletzend und traumatisierend Prostitution ist. Aber wir brauchen auch Beratungskonzepte, die die Frauen stärken. Denn wir können den Ausstieg nicht gegen die Frau organisieren.
Die CDU/CSU-Fraktion fordert das Nordische Modell. Im Bundestag gibt es einen fraktionsübergreifenden Arbeitskreis. Nehmen Sie eine veränderte Stimmungslage in Deutschland wahr?
Ich habe den Eindruck, dass es ein Umdenken gibt. Die europäische Politik spielt da natürlich auch eine Rolle. Wenn Interpol sagt, dass es in Schweden keinen Menschenhandel mehr gibt und es von Kriminologen Forderungen nach einer einheitlichen Gesetzeslage gibt, kommen von dort Impulse. Wir werden aber sicherlich noch einen längeren Diskurs haben. Ich nehme bei verschiedenen Parteien einen Sinneswandel wahr. Aber es wird davon abhängen, wie die nächsten Wahlen ausgehen und mit welchen Mehrheiten dann Gesetze gemacht werden. Wir müssen auch die Evaluierung der bisherigen Gesetzgebung abwarten. Das Prostituiertengesetz hatte ja die Idee, Prostitution aus dem Dunkelfeld in die Selbstbestimmung zu holen. Das sind Ansätze gewesen, von denen man sich viel versprochen hat. Aber wenn sich das nicht bewahrheitet, muss der Gesetzgeber umsteuern.
Würde eine Gesetzesänderung den Blick auf Frauen generell verändern?
Ja. Das ist ja das, was in dem schwedischen Ansatz am überzeugendsten ist. Dort ist die Freierbestrafung Ausdruck der Idee des Gesetzgebers, dass Prostitution der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau widerspricht. Das müssen wir uns auch in Deutschland nochmals anschauen. Natürlich ist die Vorstellung, dass sich ein Mann an einer Frau befriedigt aus sozialethischen Aspekten nicht mit unserem diakonischen Menschenbild vereinbar. Das entspricht keiner verantworteten Sexualität. Ich glaube nicht, dass es für junge Männer oder generell für Männer gut ist, wenn sie denken, das sei schon in Ordnung, wenn sie zu Prostituierten gehen. Das sehe ich nicht als Ausdruck von gleichberechtigter auf Gegenseitigkeit beruhender Sexualität.
Info
Person
Annette Noller (62) ist seit Ende 2020 Vorstandsvorsitzende des Diakonischen Werks Württemberg. Zuvor war die Theologin 18 Jahre lang Professorin für Theologie und Ethik in sozialen Handlungsfeldern an der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg. Sie ist durch ihr Amt im Diakonischen Werk auch außerordentliches Mitglied des Oberkirchenrats. Promoviert hat sie über feministische Hermeneutik.
Diakonie
Zum Diakonischen Werk Württemberg gehören 1400 Einrichtungen der Jugend- und Altenhilfe, der Pflege und Obdachlosenhilfe – und auch viele Beratungsstellen für Frauen, die in der Prostitution arbeiten.