Sachverständige sollen für geschätzte 825 000 Euro ein Konzept für den „Abnahme- und Inbetriebnahmeprozess Stuttgart Hbf“ erstellen. Fraglich ist, ob dieser wie geplant eingeleitet wird.
Der neue Durchgangsbahnhof in Stuttgart soll im Dezember 2025 in Betrieb gehen. Das Datum nennt die Deutsche Bahn (DB) offiziell. In einer Ausschreibung nährt sie Zweifel am Termin. Sie sucht ein spezialisiertes Büro, das klären soll, ob die Inbetriebnahmephase (DB-Jargon: „Umsetzungsprojekt“) überhaupt eingeläutet werden kann.
Man kann den Eindruck gewinnen, dass immer dann, wenn es beim Projekt Stuttgart 21 finanziell oder terminlich eng wird, externer Sachverstand den Knoten lösen oder Verantwortlichkeiten streuen soll. Der Schienenkonzern hatte 2018 mit Olaf Drescher einen ausgewiesenen Inbetriebnahme-Experten für Stuttgart angeworben, im Juli 2020 wurde er Vorsitzender der Geschäftsführung. Geplant ist, dass Drescher kurz nach seinem 66. Geburtstag zusammen mit Politprominenz den neuen Hauptbahnhof eröffnet. „Mein Markenzeichen sind pünktliche Inbetriebnahmen“, hatte er 2021 im bahneigenen S-21-Werbeblatt „Bezug“ wissen lassen. Drescher damals: „Wenn es etwas gibt, woran nicht gedeutelt werden darf, dann sind es Inbetriebnahmetermine.“
Erste Tests mit Fahrzeugen für Herbst 2024 geplant
So sonnenklar ist die Fertigstellung offensichtlich nicht mehr. Die S-21-Projektgruppe sucht ein erfahrenes Büro, welches schon mindestens drei Inbetriebnahmen großer Eisenbahninfrastrukturen und die Inbetriebnahme einer Kraftwerksanlage begleitet hat. Für geschätzte 825 000 Euro sollen die Sachverständigen erst ein Konzept für den „Abnahme- und Inbetriebnahmeprozess Stuttgart Hbf“ erstellen. Ziel sei, „eine Arbeitsgrundlage für eine koordinierte Inbetriebnahme zu schaffen, die als Leitfaden für alle beteiligten Gewerke dient“. Ab- und Inbetriebnahmen mit Fahrzeugtests sollten eigentlich im Herbst 2024 anlaufen.
In der Leistungsbeschreibung zur Ausschreibung heißt es, zunächst sollten die Randbedingungen ermittelt werden, welche für eine Inbetriebnahme im Dezember 2025 vorhanden sein müssten. Gefragt seien die Projektanalyse und Definition der Aufgabenstellung. Als Ergebnis solle ein Erkenntnisstand vorliegen, der es der Bahn ermögliche, Inhalte, Personal- und Zeitbedarf für eine „mögliche Phase Umsetzungsprojekt“ bestmöglich abzuschätzen.
„Was ist fertig, was nicht?“
Die Ergebnisse seien „Grundlage für die eventuell erfolgende Ausschreibung des Umsetzungsprojektes“. Die Experten sollen unter anderem den Stand der Planung und der Bauausführung und den „erwarteten Fertigstellungsgrad zum Zeitpunkt des Starts der Inbetriebnahmephase (Was ist fertig, was nicht?)“ erheben. Erarbeitet werden müssten zudem noch zu definierende Abnahme- und Inbetriebnahme-Anforderungen bei Sonder- und Prototypanlagen, der Bedarf an speziellem Testequipment und der an Fachgutachten. Auch das „Vorgehen bei Eskalation“ soll dargestellt werden.
Aufbau der Digitalisierung bremst
Als großer Hemmschuh der Inbetriebnahme Ende 2025 gilt die begonnene Digitalisierung des Bahnknotens. Die DB hat vor Wochen in einer Ausschreibung drei Verlängerungsoptionen dafür – 2027, 2029, 2031 – genannt. Womöglich könnten Ende 2025 nur zwei der acht Gleise für ICE-Fahrten nach Ulm genutzt werden. Oder gar keine. Der Kopfbahnhof würde noch gebraucht.
Inzwischen macht sich in der Politik eine gewisse Nervosität ob der sich andeutenden weiteren Verspätung breit. Stuttgart 21 ist ein Gemeinschaftsprojekt von DB, Land, Stadt und Region Stuttgart und Flughafen. Spitzenpolitiker auf allen Ebenen, vor allem aber in der Landesregierung und den Fraktionen im Landtag befürchten einen Imageschaden, sollte es nach einer festlichen Teilinbetriebnahme zu Störungen kommen. Im Frühjahr 2026 steht die Landtagswahl an.