Renate Busse ist für farbige Ölgemälde bekannt. Doch es gab eine Zeit, da war sie vor allem mit dem Zeichenblock unterwegs und verewigte das Innere von Wohnungen. Im Helferhaus Backnang sind die „Hausbesuche“ nun zu sehen und geben tiefe Einblicke.
Je unaufgeräumter, desto besser. Penibel geordnete Wohnzimmer, sauber gespültes und verräumtes Geschirr oder ein gemachtes Bett ließen das Herz der Schorndorfer Künstlerin bei ihren „Hausbesuchen“ weitaus weniger hochschlagen als gelebtes Alltagschaos und charmantes Durcheinander. „Wenn alles ganz perfekt aussah, konnte ich es ja nicht schnell und wild zeichnen, sondern musste disziplinierter vorgehen. Ich habe mich deshalb immer gefreut, wenn ich ein richtiges Durcheinander vorgefunden habe und mehr zu zeichnen hatte.“
Der Startschuss für das besondere Kunstprojekt fiel ganz zufällig
Und Renate Busse konnte sich des Öfteren freuen bei den zahlreichen Stippvisiten, die sie in teils völlig fremden Wohnungen gemacht hat, um dort einen Raum mit all seinen Besonderheiten in ihrem Zeichenblock zu verewigen. Der Startschuss zu dem Projekt mit dem Titel „Hausbesuche 1983-2022 – Renate Busse mit dem Zeichenstift unterwegs“ fiel quasi zufällig. Die im Schwarzwald geborene und in Stuttgart aufgewachsene Künstlerin war zu Besuch bei einem Redakteur und entdeckte dort eine Kinderspielküche, also das Motiv, das heute auf dem Ausstellungsplakat zu sehen ist. „Ich habe damals viel Architektur gezeichnet, alles nur von außen. Plötzlich saß ich dort und musste einfach drinnen weiterzeichnen. Ich habe also die Perspektive umgedreht und von jetzt auf gleich das Innere abgebildet“, erklärt Renate Busse.
Die heute 82-Jährige fing Feuer und war fortan für das Kunstprojekt der besonderen Art eigentlich nur noch mit dem Zeichenblock unterwegs. Der ersten Zeichnung folgten so innerhalb weniger Monate viele Momentaufnahmen aus Wohnzimmern, Schlafräumen, Kinderzimmern, Arbeitsplätzen und WGs – allein 20 in Schorndorf. Danach weitete sie den Radius aus, klemmte sich den Zeichenblock unter den Arm, streckte den Daumen raus und trampte in andere Städte, um dort an Türen zu klingeln und zu fragen, ob sie reinkommen und die Wohnung zeichnen dürfe. „Anfangs ergaben sich Besuche bei Freunden und bei Freunden von Freunden. Aber irgendwann klingelte ich auch bei komplett fremden Leuten.“
Für die Künstlerin sind die „Hausbesuche“ Sozial- und Zeitstudie in einem
Mächtige Polstermöbel, zauberhaft dekorierte Schlaflandschaften, benutztes Frühstücksgeschirr, schwere Vorhänge, spezielle Tapetenmuster, vollgestellte WG- und Kinderzimmer und scheinbar aus der Zeit gefallene Elektrogeräte – für Renate Busse ist das Kunstprojekt Sozial- und Zeitstudie in einem. „Der Hauptteil der Hausbesuche fand von 1983 bis 1986 statt. Nur ein Nachzügler war 2022. Das heißt, die Zeichnungen zeigen zum einen, wie Leute ticken, was das Wohnen über sie aussagt, und zum anderen sind sie ein Abbild der Zeit. Denn so sieht es heute nicht mehr aus“, sagt sie. Diesbezüglich sei es auch gut, dass die Werke erst jetzt, Jahre später, in ihrer Gesamtheit gezeigt würden. „So ist es auch Zeitgeschichte geworden.“
Die 82-Jährige, die ihr Atelier in Schorndorf hat und dort auch wohnt, erinnert sich noch gut an das Gefühl, wenn sie in den fremden Wohnungen Platz genommen hat. Oft wurde ihr ein Kaffee serviert, ab und zu kamen die Bewohner vorbei, man unterhielt sich, und sie saß da und zeichnete, oft über Stunden. Entstanden ist durch die intimen Einblicke ein feines Spiegelbild der Gesellschaft – in Schwarz-weiß, mit klaren Linien, ausgesuchten Details und viel Charme. „Ich habe immer versucht, wertfrei zu zeichnen. Aber natürlich habe ich dadurch, was ich zeichnerisch hervorgehoben habe, auch eine Art Interpretation gemacht. Trotzdem haben es mir die Bewohner erlaubt, wohingegen wohl keiner damit einverstanden wäre, wenn man seine Wohnung so ohne weiteres fotografieren würde.“ Dem Prozess des Zeichnens hätten die Bewohner mehr Vertrauen geschenkt als dem harten Blitzlicht einer Kamera, erklärt sie und spricht sich im Rückblick besonders für eine Sache aus: „Am besten kommt man immer unangemeldet auf Besuch. Man vergeudet so viel Zeit mit dem Ausmachen eines Termins. Wenn man einfach kommt, passt es oder auch nicht. Und es bleibt keine Zeit zum Aufräumen, ist also sehr viel authentischer.“ Vielleicht kommen deshalb auch ihre Zeichnungen – sie sind in einem Katalog vereint und aktuell in einer Ausstellung im Backnanger Helferhaus zu sehen – so detailverliebt und echt rüber. Die Künstlerin nahm sich Zeit, den Räumen und den Menschen, die sie bewohnen, nachzuspüren – da gehört für sie auch Unordnung dazu. Und wie sieht es bei ihr selbst aus? „Das hängt von meinen Schaffensperioden ab. Wenn ich arbeite, ist Unordnung. Ist ein Projekt abgeschlossen, räume ich auf. Aber extra Ordnung machen für Besucher gibt es bei mir nicht.“
Die Ausstellung „Hausbesuche“ kann noch bis zum 18. Februar im Helferhaus Backnang besichtigt werden. Die Finissage mit Künstlergespräch beginnt am 18. Februar um 16 Uhr. Das Helferhaus ist von Dienstag bis Freitag von 16 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 18 Uhr und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei. Am Samstag, 10. Februar, 10.30 bis 12.30 Uhr, signiert Renate Busse ihren Ausstellungskatalog bei Osiander in Schorndorf.