Ein wichtiges Teilstück des Projekts Rosensteintunnel gerät ins Stocken: Auf der Baustelle für die Verbindung zwischen B 10 und B 14 ruhen die Arbeiten. Foto: Lg/Leif Piechowski

Die Stadt sieht sich beim Bau des sogenannten Leuze-Knies mit satten 43 Millionen Euro Nachforderungen der Firma Wolff & Müller konfrontiert. Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD) schlägt dem Gemeinderat deshalb vor, den Vertrag mit dem Baukonzern zu kündigen.

Stuttgart - Schon seit Monaten streiten die Stadt und der Stuttgarter Baukonzern Wolff & Müller hinter den Kulissen um finanzielle Nachforderungen für den Bau des Leuze-Knotens, eines Abschnitts des rund 280 Millionen Euro teuren Gesamtprojekts Rosensteintunnel. Nach Informationen dieser Zeitung droht die Auseinandersetzung nun zu eskalieren: Technikbürgermeister Dirk Thürnau (SPD) hat am Dienstag im Technischen Ausschuss des Gemeinderats den Stadträten hinter verschlossenen Türen empfohlen, Wolff & Müller den Auftrag für das sogenannte Leuze-Knie zu entziehen. Die Höhe der Nachforderungen des Baukonzerns, die sich mittlerweile nach Einschätzung der Stadtverwaltung auf mehr als 100 Prozent des vereinbarten Auftragsvolumens von 41,3 Millionen Euro belaufen, sei in keiner Weise nachvollziehbar, hieß es nach der Sitzung aus dem Gremium. Dem Unternehmen mit Stammsitz in Zuffenhausen werden zudem schwere Verstöße gegen die Sicherheitsvorschriften während der Bauarbeiten attestiert. Am Donnerstag will der Gemeinderat über die Vertragskündigung entscheiden. Wolff & Müller ließ auf Anfrage mitteilen, man werde sich erst zu dem Vorgang äußern, wenn ein offizieller Beschluss der Stadt gefasst sei.

Der Technikbürgermeister zeigte sich auf Anfrage mit Schuldzuweisungen zurückhaltend: „Die Situation ist verfahren und lässt sich wohl nur mittels eines Rechtsstreits klären, um das Projekt voranzubringen.“ In der Sitzung freilich muss Thürnau Klartext gesprochen haben, und was er den Stadträten präsentierte, sorgte fraktionsübergreifend für Erschütterung und Entsetzen. Nachdem im Sommer 2016 noch von geforderten Nachschlägen in Höhe von 18 Millionen Euro die Rede gewesen war, beläuft sich die Summe mittlerweile auf 43 Millionen Euro – bei einer Auftragssumme von 41,3 Millionen. Trotz mehrerer Treffen zwischen Vertretern des Baukonzerns und der Rathausspitze sei keine Einigung zustande gekommen, hieß es aus Teilnehmerkreisen. Eine letzte Frist zum Abschluss einer Vereinbarung über reale Mehrkosten habe Wolff & Müller verstreichen lassen. Seit dem 7. März stehen nun auf der Baustelle die Räder still.

Gravierende Verstößen gegen Sicherheitsvorschriften?

Hinter den Kulissen ist von „kreativen Nachforderungen“ des Bauunternehmens, „völlig unverhältnismäßig hohen Nachträgen“ und auch von „gravierenden Sicherheitsverstößen“ auf der Baustelle die Rede. Fakt ist: Im März 2016 war ein 58-jähriger Arbeiter im Berger Tunnel zu Tode gekommen. Ein Kollege hatte mehrere Hundert Kilo schwere Betonplatten mit einem Gabelstapler aufzunehmen versucht. Dabei geriet eine der Platten ins Rutschen und traf den Mann am Kopf. Arbeiter sollen auch im SSB-Gleiskörper ohne jedwede Sicherungsmaßnahmen tätig gewesen sein.

Die Arbeiten an der Verbindung der B-10-B-14-Verbindung, deren Abwicklung sich laut Stadt von Anfang an schwierig gestaltet hätten, liegen mittlerweile erheblich hinter dem Zeitplan zurück. In dem Papier der Verwaltung, das die angestrebte Vertragskündigung begründet, heißt es, die bereits Ende 2015 vorgesehene Inbetriebnahme des sogenannten Kurztunnels werde frühestens Mitte 2018 erfolgen. Die dritte Leuze-Tunnelröhre, deren Freigabe für Anfang dieses Jahres geplant war, wird wohl erst 2018 zumindest teilweise befahrbar sein. Insgesamt sei erst ein Drittel des Auftragsvolumens ausgeführt.

Durch die Vertragskündigung entstehen der Stadt auf jeden Fall Mehrkosten: Für die Neuausschreibung des Auftrags inklusive Zeitverzugs werden rund zehn Millionen Euro veranschlagt, es drohen zudem Schadensersatzforderungen des Unternehmens in mindestens derselben Höhe. Sollte allerdings ein Gericht der Stadt bescheinigen, sie habe die Vertragskündigung aus gewichtigem Grund vorgenommen, hätte Wolff & Müller das Nachsehen. Fraglich ist auch, was die Kündigung für die Fertigstellung des 234 Millionen Euro teuren Rosensteintunnels, des Hauptabschnitts der neuen Ost-West-Verbindung, bedeutet: Auch an der ausführenden Arge Rosensteintunnel ist Wolff & Müller mit zwei Dritteln des Auftragsvolumens beteiligt.

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