Tauben hinterlassen Unmengen Kot, sind unbeliebt – und clever. Was es schwer macht, sie zu vertreiben. Die SSB und Tierschützer suchen nach einem sanften Weg, die Plage in den U-Bahnstationen in den Griff zu bekommen. Und haben ihn offenbar gefunden.
Es ist in der Tat ein hässlicher Anblick: An mehreren Stellen in der Klett-Passage hängen dunkle Fetzen von der Decke herunter – verursacht von Tauben, die dort leben. Sie haben inzwischen gelernt, wie sie hinter die Aluminium-Schienen der Deckenverkleidung kommen. Und dort stoßen sie dann eben auf jenes Dämmmaterial – das sie zerrupfen und das deshalb herunterhängt.
Eine erste Maßnahme dagegen: In den Nachtstunden werden die Fetzen vom Reinigungspersonal vollends abgerissen. Eine Lösung ist das freilich nicht, denn tags darauf bietet sich wieder das gleiche Bild. Und die Fetzen sind auch nicht das einzige Problem: Hinzu kommen Unmengen Kot, den die Tauben hinterlassen. Was also tun?
Netze und Spikes verursachen häufig mehr Tierleid
Für die nächste Maßnahme in der Klett-Passage, einem vergleichsweise komplexen Bauwerk, ist die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) zuständig. „Wir werden da jetzt Netze anbringen sowie spitz zulaufende Metallstifte, also so genannte Spikes“, sagt die SSB-Sprecherin Birte Schaper. Doch von einem nachhaltigen Erfolg ist man bei der SSB nicht wirklich überzeugt. Die Erfahrung zeige, dass die gelehrigen Tiere lernen, auch mit solchen Hindernissen umzugehen. Zumal Spikes unnötig Tierleid verursachen, was auf den zurückfällt, der die Installation der Stifte in Auftrag gegeben hat. Mit solch einem Problem hat derzeit etwa das Breuningerland in Ludwigsburg zu tun. Die Tierschutzorganisation Peta hat den Verantwortlichen dort unlängst Tierquälerei vorgeworfen, nachdem sich an dem Einkaufszentrum Tauben in Netzen verfangen hatten. Und für die Menschen, die nun etwa in der Klett-Passage flanieren wollen, sind Netze und Spikes auch kein schöner Anblick.
Taubenhaus an der Endhaltestelle Killesberg
Das dritte geplante Projekt in Stuttgart hat ebenfalls mit der SSB zu tun: Die Einrichtung von Taubenhäusern vor Ort, also direkt in den U-Bahnstationen. Derartiges gibt es bereits an der Endhaltestelle Killesberg, ein zweites wird derzeit in der U-Bahnstation Charlottenplatz errichtet. Und die Klett-Passage könnte der nächste Ort sein.
Hier kommt indes noch das Projekt „Stadttauben Stuttgart“ ins Spiel. „Die SSB ist sehr offen für unsere Vorschläge, wir sind da in einem regelmäßigen Austausch“, sagt Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer. Sie hat das Projekt 2008 gegründet – als Untergruppe des Tierschutzvereins Stuttgart. Und zwar standesgemäß mit der Einrichtung eines ersten Taubenhauses im Stuttgarter Hauptbahnhof bei Gleis 1. Das ist zwar wegen der Bauarbeiten am Bahnhof längst Geschichte, aber als Ersatz wurde 2014 eines auf dem Dach der Stadtkämmerei in der Kriegsbergstraße installiert. Dort werden die Tauben mit Futter versorgt, sie können brüten – aber die Eier werden gegen Attrappen ausgetauscht.
Betreuung durch das Projekt Stadttauben
Egal ob Taubentürme oder -schläge, ob Taubenwand oder -brutschrank, das Ziel ist stets dasselbe: Die Tauben sollen weitgehend unter sich und an diesem Ort gut versorgt sein, sie sollen so fern bleiben von besonders belebten Fußgängerzonen und nicht um vom Menschen weggeworfene Nahrungsmittel konkurrieren, die für die Tiere gesundheitsschädlich sind. Und das Austauschen der Eier sorgt dafür, dass die Taubenpopulation nicht unmäßig anwächst.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die regelmäßige Betreuung der Taubenhäuser durch Ehrenamtliche des Stadttauben-Projekts: Sie sorgen für artgerechtes Futter in diesem geschützten Raum und entfernen den Kot der Tiere.
Einzug Mitte September
Dazu gehört, auch im Vorfeld das Verhalten der Tiere zu beobachten, denn Tauben sind Revier-und Rudeltiere. Das geschieht bereits in der Klett-Passage: „Einige von uns beobachten die Tauben schon seit dem Abriss und schauen sich auch genau die aktuellen Bewegungen der Tiere an“, sagt Brucklacher-Gunzenhäußer.
Doch zuerst einmal muss das Vorhaben im Charlottenplatz glücken. „Das wird gerade eingerichtet. Mitte September können da wahrscheinlich die ersten Tauben einziehen“, erzählt Brucklacher-Gunzenhäußer. Nun appelliert sie an den Gemeinsinn der Bürger, dass die Tauben in ihrem Refugium ungestört bleiben – damit die Menschen ebenso ungestört ihren Dingen nachgehen können.