In Walheim macht man sich Sorgen über die erkrankte Bürgermeisterin und wünscht sich bessere Zeiten. Foto: Archiv (Werner Kuhnle)

Die Rathauschefin Tatjana Scheerle hat es in Walheim (Kreis Ludwigsburg) nicht leicht. Ob eine Mediation mit dem Gemeinderat zum Ziel führt, bleibt ungewiss.

Trist und fast menschenleer wirkt Walheim an diesem Dienstagnachmittag. Dauerregen – im einzigen Bäckerladen tröpfeln vereinzelte Kunden ein. Die junge Verkäuferin ist freundlich. Gespräche über die Bürgermeisterin habe sie bei den Gästen nicht mitbekommen, sagt sie. Die Probleme zwischen Amtsinhaberin Tatjana Scheerle und dem Gemeinderat taugen offenbar nicht für den alltäglichen Smalltalk im Geschäft. Zu vertrackt ist die Lage. Seitdem die Rathauschefin krank geschrieben ist, brodelt es im 3300-Einwohner-Ort im nördlichen Landkreis Ludwigsburg.

 

Tatjana Scheerle ist bis 31. Mai krankgeschrieben. Foto: Gemeinde Walheim

Über die Erkrankung der Bürgermeisterin ist von offizieller Seite nichts zu erfahren. Der Schutz der Persönlichkeit hat Vorrang. Trotzdem machen sich die Bürger Sorgen. „Es heißt, sie hat psychische Probleme“, sagt ein älterer Passant. Fakt ist, dass Tatjana Scheerle seit dem 25. März krankgeschrieben ist, zunächst galt die Krankmeldung bis zum 8. April, danach bis zum 3. Mai und nun bis zum 31. Mai, teilt die Walheimer Verwaltung mit. „Wir sind nach wie vor nicht über ihr Krankheitsbild informiert“, sagt Sandra Horwarth-Duschek, die als zweite Bürgermeister-Stellvertreterin derzeit die Geschäfte im Rathaus führt und hauptberuflich als Verwaltungsmitarbeiterin für Kultur- und Stadtmarketing in Großbottwar tätig ist. Gemeinsam mit dem ersten Bürgermeister-Stellvertreter Wilhelm Weiss, der aktuell im Urlaub weilt, sieht sie sich in der Verantwortung.

Öffentlich geworden sind die tief greifenden Zerwürfnisse zwischen dem Gemeinderat und Tatjana Scheerle, die im Jahr 2018 mit 55,4 Prozent der Stimmen im zweiten Wahlgang gesiegt hatte, im Juli vorigen Jahres. Der Umgangston war rau geworden, man habe sich sogar angeschrien, war zu vernehmen. Fast alle Gemeinderäte verließen den Ratssaal, als Scheerle einen Antrag für einen Mediator als „unzulässig“ abwies. Dabei hatte sie einige Monate zuvor selbst noch um einen solchen Vermittler gebeten, fand aber zunächst keinen aus ihrer Sicht geeigneten Experten mit kommunaler Erfahrung.

Es gab keinen neuen Streit mit dem Gemeinderat, sagt die Stellvertreterin

Die Lage schien sich zu verbessern, als Tatjana Scheerle mit einer Sondersitzung am 10. August die vor den Ferien versäumten Beschlüsse nachholen ließ, und im Herbst eine Mediation unter der Regie des früheren Laichinger Bürgermeisters Friedhelm Werner begann. Alle Beteiligten vereinbarten damals Stillschweigen. „Der Mediationsprozess hat positiv begonnen“, berichtet Sandra Horwarth-Duschek nun. Es habe vor der Krankmeldung auch keinen Streit mit dem Gemeinderat gegeben. Zudem habe Scheerle ihren Arbeitsplatz nicht geräumt, wie in einem Zeitungsbericht zu lesen war, sondern aufgeräumt hinterlassen. Alle wünschten sich weiter eine gelingende Kommunikation. Sollte die Bürgermeisterin am 3. Juni zurückkommen, werde man ihr von der Arbeit der vergangenen zwei Monate berichten.

Hört man sich im Ort um, überwiegen die Zweifel, ob die nächsten zwei Jahre bis zum Ende von Tatjana Scheerles Amtszeit noch für beide Seiten förderlich seien. „Es fehlt ihr an Fantasie und Pragmatismus – es bewegt sich nichts“, sagt ein Unternehmer, der namentlich nicht genannt werden will. Scheerles Vorgänger habe sich auch mal länger mit den Menschen auf der Straße unterhalten. „Das ist schon fast Pflicht in einer solch kleinen Gemeinde.“ Die Bürgermeisterin habe es wohl in der direkten Kommunikation oft an Fingerspitzengefühl fehlen lassen.

Die Bürgermeisterin musste viele Aufgaben übernehmen

Die Stimmung im Rathaus sei nicht gut gewesen, berichtet eine Bürgerin. Tatsächlich gab es eine hohe Fluktuation beim Personal. Tatjana Scheerle musste viele Aufgaben übernehmen und beklagte sich vor einem Jahr, dass der Gemeinderat gerade dies nicht gesehen habe oder sehen wollte. In kleineren Kommunen brächen immer mehr Bürgermeister zusammen, weil die Aufgaben zunähmen und das Personal nicht verstärkt würde, hatte vor einem Jahr Kurt Faller, Lehrmediator beim Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt (BMWA), erklärt.

Ein Passant bescheinigt dem Duo Weiss und Horwarth-Duschek im Rathaus eine gute Arbeit. Die Stimmung sei gut, höre man. „Glücklicherweise ist Herr Weiss bereits Rentner und tagsüber eigentlich jederzeit erreichbar“, sagt Sandra Horwarth-Duschek. „Ich arbeite aktuell 70  Prozent.“ Termine legten die Stellvertreter auf einen der freien Nachmittage Horwarth-Duscheks oder freitags. „Mit dem Amtsleiterinnen haben wir ein wöchentliches Jour-Fix eingeführt.“

Alle Mitarbeiter im Rathaus helfen bei Vorbereitung der Wahl am 9. Juni

An Arbeit mangelt es im Rathaus derzeit nicht. „Alle Mitarbeiter sind bei der Vorbereitung der Kommunalwahl am 9. Juni einbezogen“, sagt Sandra Horwarth-Duschek. Der Gemeinderat habe jüngst den Haushalt beschlossen. Zur Sanierung der Kelter habe man einen Infoabend veranstaltet und für die Ortsbücherei eine Leiterin eingestellt.

Wichtig für die Gemeinde sei das Interesse von Netto an einem Lebensmitteldiscounter. Gespräche für einen Bebauungsplan würden im Juni geführt, auch wenn die Bürgermeisterin wegen Krankheit weiter fehlen sollte. Die geplante Klärschlammverbrennungsanlage der EnBW lehnen die Walheimer ab. Dazu gebe es derzeit nichts Neues, so Horwath-Duschek. Der Erörterungstermin finde am 24. Juni statt.

Wie schätzt das Landratsamt die Situation ein?

Aufsichtsbehörde
 Das Landratsamt Ludwigsburg sieht mit der Stellvertretung der Walheimer Bürgermeisterin den Paragrafen 48 der Gemeindeordnung erfüllt. Eine weitergehende Bewertung der Erkrankung stehe der Behörde nicht zu, teilt eine Sprecherin mit.

Überprüfung
 Das Beamtenrecht erlaube der Rechtsaufsichtsbehörde, die Dienstfähigkeit überprüfen zu lassen, wenn der Beamte sechs Monate ununterbrochen krankheitsbedingt ausfalle und auch in den folgenden sechs Monaten keine Aussicht auf Genesung bestehe, erklärt die Sprecherin des Landratsamtes. Vorgaben zur Dauer der Stellvertretung mache die Gemeindeordnung nicht. Ein Bürgermeister könne seine achtjährige Amtszeit selbst vorzeitig beenden, indem er es dem Rathaus oder der Rechtsaufsicht mitteile.