Das Elterntaxi fährt ab – doch der selbständige Schulweg ist für die kindliche Entwicklung ein wichtiger Meilenstein. Foto: dpa

In den 1970er Jahren machten sich noch 90 Prozent der deutschen Grundschüler selbständig auf den Schulweg. Jetzt fahren immer mehr sogenannte Elterntaxis vor. Diese sorgen für Verkehrschaos und verhindern eine wichtige Entwicklung bei den Kindern.

Stuttgart - Ob mit dem Fahrrad oder zu Fuß, alleine oder in Laufgruppen – Hauptsache nicht im Auto der Eltern sollen Kinder zur Schule gelangen. Experten vom Deutschen Kinderhilfswerk, dem BUND und des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) sind sich einig: Eltern sollten ihre Kinder bei der eigenständigen Bewältigung des Schulwegs zu unterstützen. Die Kinder mit dem Auto zur Schule zu bringen sei nicht nur schlecht für die Umwelt, sondern berge auch Gefahren. So wird die Verkehrssituation unmittelbar vor dem Schulgebäude unübersichtlich und gefährlich für die Kinder, die zu Fuß unterwegs sind. „Es gibt meist keinen Grund, Kinder morgens mit dem Auto in die Schule zu chauffieren“, sagt Claudia Neumann, Expertin für Spiel und Bewegung des Deutschen Kinderhilfswerks.

Außerdem stärke es das Selbstbewusstsein der Kinder, wenn sie den Schulweg selbst bewältigen können. „Kinder lernen, auf sich und andere aufzupassen, wenn sie allein oder in einer Gruppe zur Schule gehen“, sagt Marion Laube vom VCD. Dadurch gewinnen die Schüler an Souveränität, die ihnen auch in anderen Situation helfen kann. Für die Umwelt ist es natürlich auch besser, mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen.

„Die Autofahrt macht müde und passiv“

Dass Elterntaxis zwar gut gemeint, aber für den Nachwuchs schädlich sind, ist sogar wissenschaftlich belegt: Die Psychologin Jessica Westman von der schwedischen Universität Karlstad hat Schüler aus 4., 6. und 8. Klassen beobachtet. Das Ergebnis: „Die Autofahrt macht sie müde und passiv. Am besten ist es, wenn sie mit Freunden zur Schule kommen, laufen, radfahren oder im Schulbus.“ Kinder, die gebracht würden, verlören die Chance, die Umgebung auszukundschaften und mit anderen zu interagieren. „Dadurch werden sie weniger selbstständig und weniger sicher in ihrer Umgebung“, sagt Westman.

In den 70er Jahren machten sich noch mehr als 90 Prozent der Grundschüler in Deutschland allein auf den Schulweg. Im Jahr 2012 war es einer Forsa-Umfrage zufolge nur noch jeder zweite, andere Umfragen sprechen inzwischen von nur noch jedem dritten Grundschüler. Dabei ist die nächstgelegene Schule in vielen Fällen gar nicht so weit entfernt oder so schlecht erreichbar, dass Autofahrten nötig wären.

Die Botschaft: Ich traue dir nichts zu

Viele Eltern aber hätten Angst um ihre Kinder oder glaubten fälschlicherweise, ihnen einen Gefallen zu tun, meinen die Experten. „Ein Teil der Eltern kümmert sich zu viel um die Kinder und möchte jede Gefahr ausschließen“, sagt der Psychologe Klaus Seifried. „Manche fahren ihre Kinder auch mit 16 Jahren noch täglich zur Schule.“ Westman vermutet Bequemlichkeit als häufigen Grund für das Elterntaxi: So können morgens alle ein paar Minuten länger schlafen.

Taxi-Eltern sendeten ihren Kinder die gefährliche Botschaft: Das traue ich dir allein nicht zu.

Was den Kindern vorenthalten wird: in einer Gruppe unterwegs zu sein, Geschichten zu erzählen und Geheimnisse zu haben, Umwege und Hinterhöfe zu erkunden, mal einen Abstecher zum Kiosk zu machen oder einen Klingelstreich zu spielen. Seifried meint, dadurch nehme man ihnen Entwicklungsmöglichkeiten. „Es ist wichtig für Kinder, etwas selbst zu bewältigen“, sagt er. „Gehen sie allein zur Schule, schaffen sie sich ihren eigenen kleinen Lebensraum, den sie mit ihren Freunden entdecken.“

Schulwege mit den Kindern üben

Damit die Schüler sicher zur Schule kommen, sollten vor allem die Eltern der angehenden Erstklässler den Weg mehrmals gemeinsam mit den Kindern ablaufen. Dabei ist es wichtig, nicht den kürzesten, sondern den sichersten Weg zu wählen. Die Vereine raten dazu, schwierige Straßen und Kreuzungen zu umgehen.

Wenn der Schulweg zu lang ist, um zu Fuß zu gehen, empfehlen das Deutsche Kinderhilfswerk und der VCD, Fahrgemeinschaften zu bilden. Dadurch würden weniger Autos vor den Schulen halten und rangieren. Die beiden Vereine raten dazu, eine „Elterntaxihaltestelle“ einige Meter von der Schule entfernt einzurichten. Das würde nicht nur die Verkehrssituation am Schulgebäude entspannen, sondern auch dazu führen, dass die Kinder wenigstens die letzten Meter selbstständig gehen.

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