Zwischen Wahn und Wirklichkeit wagt sich das Stuttgarter Forum-Theater: Bei der deutschen Erstaufführung von Stefano Massinis „Der betäubende Geruch von Weiß“ hat Christof Küster Regie geführt.
Stuttgart - So hat das Publikum die Bühne im Forum-Theater noch nie gesehen. Alles weiß. Die Wände, das Bett, die Anstaltskleidung, die der Protagonist mit dem zerzausten Haarknödel trägt. Es ist Vincent van Gogh. Und Weiß macht ihn kaputt. Er rebelliert. „Der betäubende Geruch von Weiß“, die deutschsprachige Erstaufführung von Stefano Massini am Wochenende im Forum-Theater, erzählt am exemplarischen Beispiel des Malers Vincent van Gogh von essenziellen Bedürfnissen des Menschen.
Sadistische Bestrafung statt heilender Therapie, lebloses Weiß statt satter Farben: Das ist die Situation Ende des 19. Jahrhunderts in der psychiatrischen Klinik St. Paul in Saint Remy de Provence, in die der Maler Vincent van Gogh gerät. Stefan Maaß spielt den Künstler mit höchster Intensität. In einer atemberaubenden, thrillerhaften Szene konfrontiert er den zynischen Stationsarzt (Udo Rau) mit seiner Verzweiflung: Er hält ihm eine Schere an den Hals. Der hatte vorher ein mit Ruß gezeichnetes Porträt entdeckt. Doch hier ist alles verboten: lesen, malen, leben. Es dominiert eine Leere, die verrückt macht. Der Psychiater zerschneidet die Zeichnung. Jetzt wendet sich die ins Negativ gerichtete Vitalität eines Menschen, dem alles genommen wurde, was er zum Leben braucht, gegen ihn.
Mit dem ärztlichen Direktor kommt Hoffnung in die Inszenierung. Michael Ransburg spielt ihn als Lichtgestalt moderner Psychiatrie: intellektuell auf Augenhöhe mit dem Patienten, emotional zugewandt. In Gegenwart van Goghs ergreift er gegenüber dem sadistischen Stationsarzt Partei für den Künstler und lässt keinen Zweifel daran, dass die Zeit konservativer psychiatrischer Verfahren inklusive priesterlichen Exorzismus bald vorbei sein wird. Per Hypnose führt der Mediziner van Gogh in die Kindheit zurück.
Der italienische Autor (schon sehr erfolgreich mit „Lehman Brothers – Aufstieg und Fall einer Dynastie“) hat kein autobiografisches Stück geschrieben, Sabine Heymann übertrug es in die deutsche Sprache. In „Der betäubende Geruch von Weiß“ geht es um Wahn und Wirklichkeit, Kunst und Leben, Wahrheit und Täuschung. Regisseur Christof Küster entwickelte aus der literarischen Vorlage gemeinsam mit dem Ensemble ein starkes assoziatives Kammerstück. Das Premierenpublikum verstand und applaudierte heftig.
Der betäubende Geruch von Weiß. Nächste Aufführungen im Forum-Theater: 7.-9. Oktober um 20 Uhr und am 10. Oktober um 18 Uhr.