Keine Lust auf gepflegte Konversation beim Abendessen. Foto: KKT (z)

Das Stück von Gilles Dyrek wurde erstmals 2003 in Paris aufgeführt.

Bad Cannstatt - Was tun, wenn man keine Lust auf gepflegte Konversation bei der Abendeinladung hat? Patrizia (gespielt von Juliane Rath) und Christoph (Miguel Salmeron) sind bei einem alten Studienfreund von Christoph zum Essen eingeladen. Allerdings haben sie sich gerade gestritten, weshalb die beleidigte Patrizia kein Wort von sich gibt. Die verwirrten Gastgeber Nathalie (Barbara Galinski) und Johann-Lukas (David Voormann) können sich das nur so erklären: Patrizia muss eine Ausländerin sein. Diese steigt in das Spiel ein, spricht plötzlich eine osteuropäisch klingende Fantasiesprache und erfindet „Schnuckienien“ als ihr Heimatland. So nimmt der Abend seinen Lauf ...

Uraufführung in Paris

Das Stück „Venise sous la neige“ (Venedig im Schnee) von Gilles Dyrek wurde erstmals 2003 in Paris aufgeführt und seitdem oft gespielt. Das Theater Lunte hat es nun unter der Regie von Torsten Hoffmann im Cannstatter Kulturkabinett (KKT) erfolgreich aufgegriffen, am Freitagabend war Premiere. David Voormann und Barbara Galinski, eine der Gründerinnen der Theatergruppe, spielen das frisch verliebte Gastgeber-Paar so, dass es einem beim Zuschauen fast peinlich ist. Küsschen hier, Schnucki dort. Zu Patrizia sind sie besonders nett, schließlich ist sie eine Ausländerin. Ob sie wohl Shrimps mit Avocado isst? fragt sich Nathalie besorgt. „Weil bei den vielen Religionen heutzutage weiß man ja nie ...“. Johann-Lukas dagegen wird misstrauisch, als er erfährt, dass sich sein Studienkamerad und dessen Freundin erst seit kurzem kennen. Nicht, dass die Dame den Deutschen ausnutzen will. „Scheinehe!“, flüstert er ihm als Warnung ins Ohr.

Ertappte Zuschauer

Doch schließlich siegt das Mitleid mit Patrizia, die doch bestimmt aus einem Land kommt, in dem Krieg und Armut herrschen. Großzügig sortieren Nathalie und Johann-Lukas aus, was sie nicht mehr brauchen: vom kitschigen Hasen-Shirt bis hin zur Kaffeemaschine, die zwar tropft, aber ansonsten noch „tipptopp“ läuft. Sogar die Schneekugel mit Venedig-Motiv, die vor kurzem beim Discounter erstanden wurde, wandert nach einigen Diskussionen und sogar Tränen in die Spendentaschen für Schnuckienien. Eigentlich ist die Naivität von Nathalie und Johann-Lukas kaum auszuhalten. Doch gerade weil man als Zuschauer die Gedanken und Reaktionen der beiden voraussieht, fühlt man sich dann doch irgendwie ertappt.

Die Theatergruppe „Lunte“ bringt einmal im Jahr ein neues Stück auf die Bühne. „Venedig im Schnee“ wird im Mai und Juni mehrmals aufgeführt. Für Bühnenbild und Kostüme ist Ulrike Reinhard verantwortlich, um die Technik kümmern sich Michael Wörner und Jan Braun. Die Produktionsleitung liegt bei Kathrin Wegehaupt.

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