Die Disco-Kugel im Bille Jean an der Lange Straße in Stuttgart dreht die Zeit zurück. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Seit den 1960er steht die Diskothek im Duden. Das Wort schien auszusterben. Nun holt das Billie Jean die Disco zurück. Mit der Glitzerkugel rotiert die Nostalgie. Gäste zwischen 18 und 68 Jahren feierten Premiere der neuen Reihe „Disco’s on“.

Stuttgart - „Mensch, Jonger“, sagt Wirt Yusuf Oksaz zu jedem – egal, wie alt der Angesprochene ist. Irgendwie jung bleiben alle, die es raus in den Partystrudel zieht – oder sie fühlen sich zumindest so. Spuren des Lebens können aber auch schmücken. Wie lautet die bekannte Warnung doch? Daheim sterben die Leut’! Dass es eine nächtliche Anlaufstelle für Menschen gibt, die schon in Urzeiten auf der Welt waren, als man „Disco“ sagte und nicht „Club“, dafür tritt der Mann mit dem Zopf ein.

„Disco’s on“ heißt es bei ihm im Billie Jean an der Lange Straße nun. Gleich die erste Nacht der neuen Partyreihe hat in der Kellerlocation voll eingeschlagen. DJ-Legende Uwe Sontheimer, ein Kind der 1960er, der aus einer Zeit stammt, als man zu Partys noch Plattenkisten analog schleppte und nicht wie heute 20 000 Songs ohne Mühe auf einen Festplatten-Streich mitbringen konnte, hat bis drei Uhr morgens aufgelegt und sich „sehr entspannt“ dabei gefühlt. Es schien, als habe die rotierende Disco-Kugel mit den tanzenden Lichtern und den vielen tanzenden Menschen die Zeit zurückgedreht.

Yusuf Oksaz hat’s mit den Ladys

Seit 30 Jahren ist Yusuf Gastronom, im nächsten Jahr wird er 50 – ein ewiger Jonger halt. Das Partyleben von Stuttgart hat er mitgeprägt. Den Begriff Club mag er nicht. Irgendwann dachten alle, die Disco ist altbacken, und alle machten ihre Disco zum Club. Wahrscheinlich sagt Yusuf zum Twix noch immer Raider. Er hat’s mit den Ladys. Seine beiden anderen Nachtstationen heißen Dilayla und Mrs. Jones. Stets Frauennamen gibt er seinen Clubs, ähm seiner Disco Billie Jean.

Als Yusuf im Februar im früheren Romy S. das Billie Jean als Mischung aus Nostalgie und Zukunft eröffnete, drückte sich die halbe Stadt rein. Der Andrang nahm beängstigende Ausmaße an. Der Stolz des Wirts ist die Treppe mit den aufgeklebten Buchstaben, mit dem kompletten Text des Michael-Jackson-Hits „Billie Jean“, sowie die gestylten Toiletten ganz in Rot und mit schwarzen Urinalen. Noch immer hat die Polizei nicht ermittelt, wer die exquisite Männerörtlichkeit im April zerstört hat. Aber im gewohnten Glanz leuchtet sie komplett erneuert.

Die Hymnen der Jugend zünden noch immer

Nach der Anfangseuphorie hat der Zustrom im Billie Jean nachgelassen, das ohnehin nur freitags und samstags öffnet. Um wieder ins Zentrum des Partybebens zu rücken und gleichzeitig eine oft vernachlässigte Randgruppe (heterosexuelle Menschen über 40) anzusprechen, hat der Chef die DJs Uwe Sontheimer und Alexander Wolf für die neue Partyreihe „Disco’s on“ engagiert. „Mensch, Jonger“, wird er gesagt haben, „ich brauch euch.“

Die beiden haben einst in der Boa, im Perkins Park, im Oz, im Unbekannten Tier, in der Suite und in Pauls Boutique aufgelegt. Und schon in der ersten Nacht kamen reichlich Menschen, die einst im Boa, im Perkins Park, im Oz, im Unbekannten Tier, in der Suite und in Pauls Boutique gebalzt und getanzt haben. Bei Hymnen ihrer Jugend lächelten sie sich wissend an, wie dies Verbündete tun, die eine gemeinsame Vergangenheit eint.

Bei „Disco’s on“ muss keiner Angst haben, dass er zu hören bekommt: „Jetzt kommen die schon zum Sterben!“ Quer durch die Generationen hatte man in der Premierennacht Spaß. Unter den Gästen: Wasen-Urgestein Armin Weeber (vom Festzelt des Wasenwirts wechselt er zur Wurstbraterei), der frühere Perkins-Park-Türsteher und heutige California-Bounge-Wirt Oliver Joos, in.Stuttgart-Unternehmenssprecher Jörg Klopfer, Rüdiger Gunzenhäußer, der Vorsitzende des Förderkreises Theater der Altstadt, der am 9. Oktober am Rand des Bohnenviertels den neuen Kunst- und Kulturtreff 50qm mit seiner Frau, der Fotokünstlerin Silvie Brucklacher-Gunzenhäußer, und der Clublegende Laura Halding-Hoppenheit startet.

„Früher – das ist lange her“

Uwe Sontheimer legt „das Beste aus Disco, Funk und Soul“ auf – für ein Publikum, das im Stress von Arbeit und Familie viel zu selten dazu kommt zu feiern wie einst mit Schmetterlingen im Bauch. Der DJ freute sich über das „Versehrten-Treffen“ und widersprach, wenn jemand im sentimentalen Überschwang anmerkte, die Feste früher seien besser gewesen. „Früher – das ist lange her“, ist sein Spruch, mit dem er Vergleiche im Keim erstickt.

Ins Alter-Sack-Stadium mit Würde vordringen und trotzdem nicht einrosten. In dieser Nacht dachte man, unter der Glitzerkugel und mit dem richtigen Körpereinsatz lässt sich die Zeit an die Kette legen. Die nächste Party „Disco’s on“ im Billie Jean ist am 11. Oktober. Am 25. Oktober heizt Sontheimer beim ersten Castle Rock auf Schloss Solitude ein. Karten gibt es für diese Premiere bei Wirt Jörg Mink nicht mehr. Innerhalb von nur drei Tagen war der Start der ebenfalls neuen Reihe ausverkauft. Die riesengroße Nachfrage nach dem guten, alten Spaß lässt sich sogar demografisch erklären. Es gibt immer mehr Alte, die jung bleiben wollen. Für den nächsten Castle-Rock am 29. November kann man sich noch anmelden unter castle@castle-rock.de.

Rettet die Disco! Mensch Jonger, alt werden wir erst später. Mit Castle-Rock und Disco’s on haben wir leider keine Zeit dazu. Voll gut, Alder!

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