In Englands Fußballstadien sind die Ränge vollbesetzt, als hätte es eine Pandemie nie gegeben. Foto: imago/News Images

Englands Profifußballer wie auch die American Footballer in den USA spielen weiterhin in vollen Stadien. Doch der Preis ist hoch: Die Premier League und die NFL melden inzwischen jeweils mehr als 100 positiv getestete Akteure pro Woche.

London - Die Omikron-Welle hat die britische Insel voll im Griff, die Infektionszahlen schießen durch die Decke – doch dessen unbeirrt findet in der Premier League derzeit quasi eine Durchseuchung der unterdurchschnittlich geimpften Profifußballer auf offener Bühne statt. Denn in ihrem jüngsten Bulletin des Schreckens gab die Liga bekannt, dass allein zwischen dem 20. und 26. Dezember 103 Spieler und Offizielle positiv auf das Coronavirus getestet worden sind.

 

Dennoch gilt im britischen Profifußball weiter die Direktive, welche die 20 Clubs der Premier League auf ihrer letzten digitalen Tagung in der vergangenen Woche ausgegeben haben: „The show must go on!“ Die Spiele in den proppevollen Arenen zwischen Southampton und Leeds gehen also weiter, was den „Guardian“ zu einem entnervten Seitenhieb veranlasste: „Willkommen in Covid-Britannien, wo Fußballclubs gesundheitspolitische Entscheidungen treffen“, schrieb die Zeitung.

Premier Johnson handelt nicht

Tatsächlich lässt der britische Premierminister Boris Johnson, der für die Coronaregeln in England direkt zuständig ist – in den restlichen Landesteilen des Königreiches entscheiden Regionalregierungen –, die Dinge weiter laufen: „Wir werden die Daten weiter sorgsam überwachen, aber es werden in England keine weiteren Restriktionen vor dem neuen Jahr eingeführt“, erklärte Johnson in seinem Statement vom Dienstagabend – und verweist auf die vergleichsweise milden Verläufe durch Omikron sowie auf die relativ geringe Hospitalisierungsrate.

Wer geimpft ist oder einen negativen Test hat, der nicht älter als 48 Stunden ist, der ist im Stadion also dabei, wo auf den Tribünen die Gesichtsmaske lediglich empfohlen wird. Vorausgesetzt, dass er bei dem Run auf die Tickets überhaupt eine Karte ergattert. Dass in England dieser Tage gar die Rückkehr der Stehplätze für den 2. Januar beim Match des FC Chelsea gegen den FC Liverpool geplant ist (nach der Ära der Hooligans waren sie seit 1989 verboten), grenzt angesichts der Pandemie für viele an Schizophrenie.

Teamquarantäne für die Stars von Manchester United

Dabei ist das Szenario mit den vielen Ausfällen von Spielern schon jetzt reichlich bizarr: Manchester United mit Coach Ralf Rangnick kam erst am Dienstag zurück aus der zweiwöchigen Teamquarantäne – spielte beim 1:1 bei Abstiegskandidat Newcastle United im St. James’ Park aber gleich mal vor 52 178 Fans. Dabei dünnt sich das Feld immer mehr aus, der FC Watford etwa ist personalgeschwächt drei Partien im Rückstand.

Am sogenannten Boxing Day zwei Tage nach Heiligabend fielen drei Spiele der Premier League aus, weil diverse Teams nicht mehr genug gesunde oder negativ getestete Spieler aufbieten konnten; in der zweiten englischen Liga konnten zeitgleich nur zwei von zehn geplanten Partien angepfiffen werden. „Ich flehe diejenigen mit Macht an, etwas zu verändern“, erklärte Liverpools Trainer Jürgen Klopp. Doch ein Abpfiff für die Zuschauer ist auf der Insel nicht in Sicht.

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Während die Fans in der deutschen Fußball-Bundesliga mit Beginn der Rückrunde fast nur Geisterspiele erleben werden (Hamburg und Berlin erlauben 5000 bzw. 3000 Besucher), kommt es unter dem Stichwort „Profisport vor voller Hütte“ dieser Tage zu einer angloamerikanischen Allianz: Denn auch in der National Football League (NFL) der American Footballer pulsiert in den USA auf den Tribünen das pralle Leben.

Dabei wartete die NFL am Montag ihrerseits mit einem traurigen Rekord auf. Auch, weil nun nicht mehr nur wöchentlich getestet wird: Insgesamt 106 Spieler der 32 Teams wurden mit positivem Ergebnis neu auf die Covid-19-Liste gesetzt. Insgesamt sind damit allein im Dezember bisher 521 Footballer positiv getestet worden. Dennoch gibt es für die NFL und die Spielergewerkschaft NFLPA weiter nur ein Ziel: Die Spiele sollen bis zum Super Bowl am 13. Februar 2022 pünktlich über die Bühne gehen.

Im Schnitt fehlen 15 von 53 Spielern pro Team

Damit die Kadergrößen aber nicht unter ein Mindestmaß schrumpfen, wurden bereits die Isolationsregeln geändert: So müssen geimpfte und asymptomatische Spieler nicht mehr mindestens zehn Tage in Quarantäne, wie das noch zu Saisonbeginn der Fall gewesen war. Vielmehr können Profis im Football von der Covid-Liste gestrichen werden, wenn sie binnen 24 Stunden zwei negative Tests vorlegen. Dass den Teams dennoch stets rund 15 ihrer maximal 53 Spieler fehlen, ist inzwischen normal.

Die NFL pfeift personell derart aus dem letzten Loch, dass vielerorts bereits sogenannte Free Agents verpflichtet werden. Dennoch stellte Rodger Goodell in einem Schreiben an sämtliche Teams klar: „Spiele dürfen von den Teams nicht selbstständig abgesagt werden“, das erklärte der NFL-Chef – und ergänzte: „Wir erwarten als Antwort auf Omikron maximale Flexibilität.“