Die Beinahe-Entführung eines Zehnjährigen in Böblingen vor mehr als einer Woche hat Familien im Kreis aufgeschreckt. Wie aber kann man seine Kinder vor Fremden, die Böses im Schilde führen, schützen? Die Polizei hat Antworten dazu.
Was sich am Mittwoch vergangene Woche im Röhrer Weg in Böblingen zugetragen hat, gleicht dem Albtraum aller Eltern: Nichtsahnend schicken sie ihr Kind zur Schule oder zum Sport – so wie jeden Tag. Doch auf dem Weg wird ihr Kind am Straßenrand von einem Fremden angesprochen, der das Kind daraufhin mit Gewalt in seinen Transporter zu zerren versucht.
Gefragtes Engagement der Polizei
Was passiert wäre, wäre der mutmaßliche Täter nicht von Zeugen in seinem Plan gestoppt worden, mag man sich nicht ausdenken. Dass es dazu nicht gekommen ist, ist Zeki Yasik und Dusko Vukobrat zu verdanken. Die beiden Bauarbeiter haben die Entführung verhindert und wurden so zu viel gepriesenen Rettern in der Not.
Dass Kinder gar nicht erst in solch gefährliche Situationen kommen, versucht auch die Polizei zu verhindern. Seit vielen Jahren betreibt sie vor allem in Schulen Aufklärungsarbeit. Im Fokus stehen dabei Szenarien, die dem Vorfall von Böblingen nahekommen. Gerichtet sind die Informationen an Viertklässler. „Bei dem Training geht es darum, Kinder zu sensibilisieren, sollten sie im öffentlichen Raum von einer fremden Person aus dem Auto heraus oder zu Fuß auf dem Schulweg, dem Spielplatz, an der Bushaltestelle, auf dem Weg zum Sport oder gar in der Gruppe angesprochen werden“, erklärt Polizeioberkommissar Carmelo Gibella vom Referat Prävention des Polizeipräsidiums Ludwigsburg mit Sitz in Böblingen.
Die Annahme, Präventionstrainings seien dafür da, fremde Personen in der Öffentlichkeit als ständige Gefahr darzustellen, sei falsch, wie Gibella betont: „Nicht jeder Fremde, der ein Kind anspricht, hat gleich Böses im Sinn.“ Vielmehr sollten die Kinder hier im geschützten Raum des Klassenzimmers die Übungssituationen reflektieren. Es sei auch wenig ratsam, Kindern alle möglichen Gefahren, die lauern könnten, zu erläutern. „Das macht Kindern Angst“, sagt der Polizeibeamte. Außerdem besagen Zahlen aus der Kriminalstatistik, dass Fälle wie in Böblingen selten vorkommen. „Es kann zwar immer vorkommen, dass Kinder angesprochen werden. Die Gefahr, dass es zu einem Übergriff durch einen fremden Täter kommen kann, ist allerdings sehr gering.“
Richtiges Verhalten kann eingeübt werden
Statt durch Schauergeschichten oder Extremereignisse Ängste zu schüren, zielen die Präventionsbeamten der Polizeireviere Böblingen, Sindelfingen, Herrenberg und Leonberg mit ihren Workshops vielmehr darauf ab, Schulkinder darauf vorzubereiten, wie man sich in einer Situation, wie sie dem Böblinger Jungen widerfahren ist, richtig verhält. „Es wird im Rahmen dieses Präventionsangebots außerdem vermieden, mit den Kindern über Themen wie sexuellen Missbrauch oder Kindesentführung zu sprechen“, sagt Carmelo Gibella. Dafür haben sich in den vergangenen Jahren Rollenspiele, in denen alle Schüler der Klasse sich beteiligen können, als besonders nützlich und auch spaßbringend erwiesen.
„Die Kinder sind mit Freude und großer Euphorie dabei, und es gelingt uns hier sehr gut, unbegründete Ängste abzubauen. An den Rollenspielen haben die Kinder richtig Spaß. Sie lernen hierbei selbstbewusstes Auftreten und können im geschützten Raum üben“, erzählt Gibella. Auch für die Eltern, so der Präventionsbeamte aus Böblingen, hätten die Aufklärungsangebote einen Mehrwert: „Die Eltern sind sehr dankbar für die Informationsveranstaltungen.“
Kinder dürfen auch „Nein“ sagen und weiterlaufen
Wie verhindert man aber nun als Elternteil, dass Kinder leichte Opfer von fremden Erwachsenen auf der Straße werden? „Bleiben Sie stets im Gespräch mit Ihrem Kind; hören Sie ihm zu; lassen Sie es erzählen. Stärken Sie Ihr Kind darin, gegenüber Erwachsenen auch ‚Nein‘ sagen zu können“, erklärt der Polizeikommissar. Es sei auch sinnvoll, Strecken wie den Schulweg oder den Weg zu Freunden oder zum Sportplatz, die das Kind regelmäßig zurücklegt, gemeinsam abzugehen und verlässliche Anlaufpunkte aufzuzeigen. Zu empfehlen sei auch, Kinder möglichst in Gruppen loszuschicken.
Kindern gegenüber rät die Polizei: Abstand halten. Außerdem sollten Kinder daran denken, sich nicht ausfragen und in ein Gespräch verwickeln zu lassen, möglichst kurze Antworten zu geben, keine Lügengeschichten zu erzählen, nicht frech zu werden. „Es ist nicht unhöflich, bei einem schlechten Gefühl einfach weiterzugehen oder an Erwachsene zu verweisen. Erwachsene müssen keine Kinder nach dem Weg fragen“, erklärt der Beamte. Dazu komme die oft mantraartig von Eltern wiederholte Regel: „Nirgends einsteigen, nirgendwo mitgehen!“
Der Gerüchteküche den Garaus machen
Und weil es auch in Bezug auf den Böblinger Fall in sozialen Netzwerken wieder zum Thema wurde, rät Carmelo Gibella: „Vermeiden Sie Gerüchte – so beugen Sie einer Hysterie vor. Beteiligen Sie sich nicht an teilweise wilden Spekulationen.“ Damit spielt er auf Gerüchte an, wie sie vorige Woche kursierten. Demnach soll der mutmaßliche Täter auf freien Fuß gesetzt worden sein und Anzeigen gegen die beiden Zeugen erstattet haben. Die Polizei hatte daraufhin in einer Erklärung klargestellt, dass keine der Behauptungen der Realität entspricht.
Noch immer befindet sich der 51-jährige Tatverdächtige in einer psychiatrischen Einrichtung in einer Art Untersuchungshaft.