Von wegen Mutterglück. Rund zehn Prozent der Schwangeren leiden nach der Geburt unter einer postpartalen Depression. Was kann helfen?
Ihre erste Geburt war ein Desaster. Not-OP, innere Blutungen, Todesängste. Und Ärzte, die wenig verständnisvoll darauf reagierten. „Es war eine ruppige Behandlung nach der anderen.“ Lange hat die Geburt ihres ersten Sohnes Sabine Surholt (58) nicht losgelassen. Wenn ihr Sohn schlief, weinte sie viel, bekam starke Magen-Darm-Probleme, schlief schlecht. „Vor anderen habe ich versucht, das wegzulächeln“, sagt sie.
Nach der Geburt, 1992 war das, fiel Surholt in eine Depression. Nur wusste das damals keiner. Postpartale Depression nennt sich das, wenn der fast normale Babyblues nach zwei Wochen nicht aufhört. „Die meisten Ärzte haben den Zusammenhang mit der schweren Geburt komplett geleugnet“, erzählt Surholt. Irgendwann fand sie einen Arzt, der ihre Symptome erkannte und ihr ein Antidepressivum verschrieb. „So bin ich da rausgekommen“, sagt Surholt.
Postpartale Depression
Einige Jahre später, ihr Sohn war bereits drei, hörte sie in einer Doku mit englischen Fachärzten im Fernsehen erstmals den Begriff „postpartale Depression“. Über den Fernsehsender wurde ein Treffen mit Betroffenen organisiert. „Da kamen 60 bis 80 Frauen“, sagt Sabine Surholt. „Und wir waren alle so wütend, dass in Deutschland das Thema völlig unbekannt war. Wir haben alle geglaubt, nur wir haben das.“
Das Mutterglück wird in unserer Gesellschaft gerne zelebriert. Wenn dieses Glück zunächst ausbleibt und Mütter sich mit Erschöpfung und Heulkrämpfen quälen, ist das immer noch ein Tabu. Ihr Sohn sei ein Wunschkind gewesen, sagt Surholt. „Ich habe ihn von Anfang an innigst geliebt“, ergänzt sie noch. Als müsste sie das tun. „Ich wusste einfach nicht, warum es mir so schlecht ging.“
Heilsame Stütze
Surholt und ihre Mitstreiterinnen waren sich gegenseitig eine Stütze. Zunächst gründeten sie eine Selbsthilfegruppe in Augsburg, 1996 folgte die bundesweit agierende Selbsthilfeorganisation „Licht und Schatten – Initiative für peripartale psychische Erkrankungen“.
Surholt ist heute ehrenamtliche Vorsitzende des Vereins. Sie selbst konnte ihr Geburtstrauma aufarbeiten, bei der Geburt ihres zweiten Kindes wählte sie ein Geburtshaus und eine unterstützende Hebamme. „Die Beschwerden kamen nicht wieder. Das war eine sehr heilsame Erfahrung“, sagt sie.
Etwa zehn Prozent sind betroffen
Etwa zehn Prozent der Schwangeren in Deutschland erkranken an einer postpartalen Depression. Dabei treten über mehr als zwei Wochen hinweg depressive Symptome wie Ängstlichkeit, Schlaflosigkeit sowie eine traurig-gereizte Stimmung auf. „Laut psychiatrischem Klassifikationssystem ist es bei der postpartalen Depression wie bei jeder anderen Depression auch – aber das stimmt nicht“, sagt Martin Bürgy, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Seelische Gesundheit am Klinikum Stuttgart.
Zu der hormonellen Umstellung komme auch die besondere bio-psycho-soziale Beziehung der Mutter. „Die Mutter ist ja nach einer Geburt in einer sehr sensiblen, überwachen Verfassung – und dadurch auch sehr irritabel“, sagt der Psychiater.
Betroffene Mütter seien sehr erschöpft, übersensibel, labil und schwankend in der Stimmung, weinten schnell und reagieren rasch mit der Angst zu versagen und mit Schuldgefühlen. „Es ist oft ein eigentümlicher Zustand, den man sonst bei Depressionen so nicht kennt.“
Entlastung – nur wie?
Bei länger andauernden Beschwerden oder einem großen Leidensdruck mit Schuldgefühlen oder wenn die Mutter mit der Versorgung des Säuglings nicht klarkomme, sei zunächst immer eine Entlastung der Mutter durch die Familie, Familienhelfer oder Hebamme ratsam, aber auch durch Psychotherapie, sagt Bürgy.
In der Regel versuche man ohne eine medikamentöse Behandlung auszukommen, vor allem wenn die Frau stille. „Außer es geht über eine mittelschwere Depression hinaus, wenn die Schuldgefühle sich ins Wahnhafte steigern oder die Mutter Suizidgedanken entwickelt.“
Betroffen sind oft Frauen, die ein hohes Stressniveau haben durch Partnerschaftskonflikte, Flucht, Migration oder aufgrund von schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen.
Auch Traumata durch Missbrauch, Gewalt oder Komplikationen bei der Geburt begünstigen eine depressive Episode. „Häufig betrifft es auch Frauen, die schon vorher psychische Probleme hatten“, sagt Bürgy. Deshalb sei es wichtig bei Schwangeren, die vorher aufgrund von Angststörungen, Depressionen oder Zwangserkrankungen Medikamente bekommen, diese nicht in der Schwangerschaft abzusetzen.
„Die Medikamente abzusetzen, kann während der Geburt oder im Kindbett zur Katastrophe werden“, warnt er. Oft hätte dies einen größeren Schaden für die Mutter und die Familie, als die Medikamente weiter einzunehmen.
Erkrankung, kein Versagen
Eine Analyse im Magazin „JAMA Psychiatry“ von 26 Studien bestätigt zudem eine gewisse Veranlagung: Die Forscher fanden heraus, dass Frauen mit einer psychiatrischen Diagnose in der Familiengeschichte ein doppelt so hohes Risiko haben, an einer postpartalen Depression zu erkranken als Frauen ohne eine solche Familienanamnese.
Laut der leitenden Forscherin Mette-Marie Zacher Kjeldsen von der Universität Aarhus ist es für werdende Mütter und ihre Familien wichtig zu wissen, dass es sich bei der postpartalen Depression um eine häufige Erkrankung und nicht um ein persönliches Versagen handelt. „Manche Frauen fühlen sich schuldig, weil sie in einer Zeit depressiv sind, in der sie glücklich sein sollten.“
Surholt und ihre ehrenamtlichen Helferinnen im Verein bieten Betroffenen Informationen und vermitteln erste Hilfe in der Not. Oft gehe es auch darum, Mut zu machen. „Die Prognosen sind ja gut und es hilft Frauen, wenn sie Unterstützung von anderen Frauen bekommen, die das bereits durchlebt haben.“