Stuttgarter Rathaus: Eine Ansichtskarte aus dem Jahr 1903 Foto: Sammlung Wibke Wieczorek

Stuttgart grüßt die Welt: Ansichtskarten sind Zeugnisse ihrer Zeit. Wibke Wieczorek sammelt seit Kindheitstagen. Allein aus Stuttgart besitzt die 52-Jährige 1250 Karten, die meisten wurden von 1950 bis 1980 verschickt. Im Stuttgart-Album zeigt sie ihre Raritäten.

Stuttgart - Stuttgart grüßt die Welt: Ansichtskarten sind Zeugnisse ihrer Zeit. Wibke Wieczorek sammelt seit Kindheitstagen. Allein aus Stuttgart besitzt die 52-Jährige 1250 Karten, die meisten wurden von 1950 bis 1980 verschickt. Im Stuttgart-Album zeigt sie ihre Raritäten.

Der Fernsehturm war noch frei zugänglich, der Hauptbahnhof nicht flügellahm, und auf der Königstraße herrschte reger Strampe-Verkehr auf dem Pflaster: Die alten Ansichtskarten aus Stuttgart, ob bunt oder im Sepia-Farbton, führen vor, worauf die Menschen in dieser Stadt einmal stolz waren oder es noch immer sind.

Schöne Grüße von früher. Die Vielfalt ist beeindruckend. Nicht nur auf die gleichen Standardmotive beschränken sich die Dokumente der Stadtgeschichte. Wirte haben einst ihre Gasthäuser, Immobilienbesitzer ihre Häuser und Geschäftsleute ihre Läden von Wanderfotografen aufnehmen lassen und an Freunde oder Kunden verschickt. In der faszinierenden Sammlung der Erzieherin Wibke Wieczorek kann man sich ein Bild davon machen, wie Stuttgart getickt hat.

Den Grundstock lieferte der Großvater. „Er sammelte Karten und übergab sie mir, als er sich zu alt fühlte“, sagt die 52-Jährige. Im Laufe der Jahrzehnte kamen immer noch mehr dazu. 21 000 Stück aus aller Welt hat die 52-Jährige in Holzkisten archiviert, 1250 davon haben Stuttgart-Motive. Ihre älteste Karte ist von 1894. Bei Ebay und auf Flohmärkten kauft sie ein, bekommt aber auch Raritäten zugeschickt, seit sie vor einem Jahr damit begonnen hat, ihre Sammlung via Facebook ins Netz zu stellen.

Was heute in E-Mails oder über Whats App mitgeteilt wird, haben Generationen vor uns auf Postkarten gekritzelt. Mitte des 19. Jahrhunderts tauchten in Europa die ersten, zum Teil von Hand illustrierten Grußkarten auf. Der Wormser Lithograf Wilhelm Schneider hat die erste deutsche Ansichtskarte verschickt – es war die Einladung zu einer Treibjagd. Im Dezember 1866 ist sie „postalisch gelaufen“, wie die Sammler sagen. Regelrecht heißgelaufen ist diese Art der Kommunikation von 1896 an – auf diese Jahreszahl wird der Durchbruch der Ansichtskarten in Deutschland datiert.

Bis 1905 wurden Postkarten vorne beschrieben

Karten, die vorn beschrieben sind, also auf der Bildseite, sind meist vor 1905 erschienen. Bis zu diesem Jahr gehörte die Rückseite allein der Adresse. 1905 wurde die hintere Seite der Postkarte in Deutschland geteilt, wobei die linke Seite fortan Mitteilungen vorbehalten war und man vorn auf die Bildseite nichts mehr schrieb.

Aus dem Jahr 1903 stammt eine Ansichtskarte vom alten Stuttgarter Rathaus, das damals noch das neue war. In Sütterlinschrift hat der Soldat Willy seinem Freund Emil nach Zwickau einen Gruß geschickt. Auf der Rückseite sieht man einen Poststempel mit dem Datum 11. 4. 03. Die Adresse, handgeschrieben, lautet: „Emil Herrmann, Musiker, Zwickau (Sachsen), Schlobigplatz?“ Willy hat die Hausnummer seines Freundes Emil nicht gewusst und ein Fragezeichen statt einer Zahl notiert. Was er in Sütterlinschrift geschrieben hat, haben Besucher der Facebook-Seite des Stuttgart-Albums entschlüsselt. Hier ein Auszug: „Lieber Emil, endlich habe ich mal so viel Zeit, um auch mal an Dich ein paar Zeilen zu schreiben, Freitag ist nämlich dienstfrei. Mir gefällt es bis jetzt sehr gut, haben einen sehr guten Vorgesetzten, der uns ausbildet . . . Meine Adresse ist vorläufig Grenadier W. M. 1. Komp. Regt. Nr. 119. Warum magst Du denn eigentlich fort? Schreib bald mal wieder. Mit Gruß verbleibe ich Dein alter Freund Willy.“

Über sechs Jahrzehnte später rühmten die Kartengestalter Stuttgart als „Großstadt im Grünen“. Mit Handschrift, aber gedruckt steht 1966 folgender Reim zwischen Bildern vom Fernsehturm, dem noch viel grüneren Schlossplatz und der Solitude: „Große Stadt im grünen Kranze, Perle zwischen Berg und Tal, schön strahlst du im Sonnenglanze, wirst geliebt vieltausendmal.“

Vom Stuttgart-Album gibt es zwei Bücher, die im Silberburg-Verlag erschienen sind. Diskutieren Sie mit unter: www.facebook.com/Album.Stuttgart.

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