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Stuttgart 21: Post räumt Teil des Nordflügels - Bahn bewacht Dach - Weitere Demo am Montag.

Stuttgart - Die Post AG hat am Freitag die letzte Lastwagenladung Briefe in die Schließfächer im Nordflügel des Hauptbahnhofs verteilt. Nach 80 Jahren rückt sie als letzter Mieter ab. Bundespolizei und Intercity-Hotel haben ihre Zimmer zuvor geräumt. Im August will die Bahn die Abbruchbagger auffahren lassen.

Es ist ein Abzug auf Raten, der einen teils wehmütigen Blick zurück auslöst. Die Post war Teil des Bahnhofs, in den besten Zeiten sortierten hier mehrere Hundert flinker Hände die Zugpost. Sie füllten Beutel und Säcke, die per Wenderutsche in den Keller glitten und von dort aus über einen breiten Quergang unter den Gleisen und Lastenaufzüge in die Postwaggons verfrachtet wurden.

Bevor 1961 die Postleitzahl kam, waren die Briefe nach dem Zuglauf sortiert worden. Die Haltestellenabfolge auswendig zu wissen war damals für die Sortierer Standard. Längst gibt es die fünfstellige Leitzahl, automatische Sortieranlagen in Zentren auf der grünen Wiese, und längst setzt die Post nicht mehr auf die Bahn, sondern auf Lkw und Flugzeug.

Ihren Nordflügel hat die Post Ende 2009 an die Bahn AG verkauft. Hier stopften vor wenigen Wochen noch 40 Boten ihre Wagen für die Innenstadt. Jetzt laden sie in der Wolframstraße36 ihre schwere Fracht. Die rund 1100 Klappen zählende Postfachanlage wird aufgeteilt. "Wir haben die Kunden Anfang des Jahres angeschrieben und befragt, an welchem Standort sie vom 26. Juli an ihre Post abholen wollen", sagt Post-Sprecher Gerold Beck. Die neuen Fächer finden sich in der Ehmannstraße 80 und Blumenstraße 8. Die letzten Schlüssel dazu wurden am Freitag verteilt. Auch die Betriebsärzte der Post und die Mitarbeiter der technischen Abteilung, die die Filialen unterstützt, haben ihre Schreibtische im zweiten Stock des Nordflügels geräumt.

Bahn beobachtet Gegner mit Argusaugen

Die Bahn wird den verlassenen Bau von August an bis an die große Bahnsteighalle heran abreißen, um ihren beim Projekt Stuttgart 21 geplanten Tiefbahnhof bauen zu können. Aufschub-Appelle der Projektgegner und von Peter Dübbers, Enkel des Bahnhofs-Architekten Paul Bonatz, fruchten nicht. "Wir haben immer gesagt, dass der Abriss im zweiten Halbjahr stattfindet und er beginnt, wenn die Mieter das Gebäude frei machen", beschied Projektsprecher Wolfgang Drexler Dübbers Aufschub-Anfrage am Donnerstag abschlägig.

In der Kritik zum 4,1-Milliarden-Euro-Projekt steht nicht nur die Bahn. Neuerdings wenden sich die Gegner auch an die Baufirmen. In einem offenen Brief haben Gegner am Freitag die Firma GL-Abbruch in Esslingen aufgefordert, sich "nicht zum Komplizen gegen uns Stuttgarter Bürger" zu machen und ihren Abbruchauftrag zurückzugeben. Die Bahn beobachtet jede Regung der Gegner mit Argusaugen. Auf dem Dach des Nordflügels lässt sie Mitarbeiter der eigenen Sicherheitsabteilung patrouillieren, zur Not mit Regenschirm.

Die Gegner wollen ihren Widerstand trotz des bevorstehenden Abrisses fortsetzen. Am Montag, 26. Juli, gibt es um 18 Uhr die nächste Demo. Manfred Jansen, Betriebsratsvorsitzender der Firma MetalPrint, wird sprechen, im Kulturprogramm Bandmitglieder von Nu Sports auftreten. Das Kommunikationsbüro für das Bahnprojekt überträgt die Demo künftig im Internet. Es hat fünf Kameras installiert, die die Bauarbeiten aus verschiedenen Perspektiven zeigen sollen (www.stuttgart-21.de).

Technisch zieht Drexlers Büro damit mit den Parkschützern (www.parkschuetzer.de) gleich. Die 17185 Menschen, die sich inzwischen gegen das Fällen von Bäumen für den Tiefbahnhof ausgesprochen haben, blicken schon länger per Webcam auf das Baufeld.

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