Eine Straßenszene in Madrid: In der spanischen Hauptstadt spielte sich eine Farce von schier unglaublicher krimineller Dummheit ab. Foto: Adobe Stock

Eine Mutter und ihre Tochter aus Madrid zeigen einen 29-Jährigen bei der Polizei an. Ihr Vorwurf: Er habe einen vereinbarten Mord nicht ausgeführt. Wie reagierten die Behörden?

Madrid - Die Sprecherin der spanischen Nationalpolizei kann den Anflug eines Lächelns nicht unterdrücken, als sie von dem Fall erzählt. Aber es soll sich alles wirklich so zugetragen haben. Vor zwei Wochen, am 14. Juni, erschienen zwei Frauen, Mutter (52) und Tochter (20), auf einer Polizeiwache in Madrid, um Anzeige zu erstatten. Die Mutter sei von ihrem Ex-Freund um Zehntausende Euro betrogen worden, erklärten sie den Beamten. Davon hätten sie dem Freund der Tochter erzählt, der prompt versprach, das Problem aus der Welt zu schaffen, indem er den betrügerischen Ex umbringt und dessen Organe für 60 000 Euro verkauft. Als Anzahlung habe er 7000 Euro erhalten, drei Monate seien seitdem vergangen, und nichts sei geschehen. Deshalb jetzt die Anzeige. Als Beleg für ihre Erzählung brachten die Frauen einen Vertrag mit, den der untergetauchte Freund der Tochter aufgesetzt habe.

Der Vertrag ist ein wunderbares Stück fantastischer Literatur. Unter dem Siegel des spanischen Geheimdienstes CNI beginnt er mit dem Satz: „Es wird das Protokoll EP-241-W2 des Rates der Vereinten Nationen aktiviert.“ Die Priorität sei die Suche nach dem Ex-Freund der Mutter, identifiziert über seine „Langzeitausweisnummer“. Die folgenden zehn Vertragspunkte werden mit dem Hinweis eingeleitet, dass sie „Kürzeln, Regeln und Chiffrierungsverfahren“ folgten.

Der 29-Jährige gibt sich als Geheimagent aus

Nach den ersten vier Vertragspunkten, die das Vorgehen bei der „Suche nach dem Subjekt“ beschreiben und vor den Augen der beiden Frauen einen Spionagethriller entstehen lassen, kommt man zu Punkt 5: „Spende von Organen (sieben) zum Verkauf an den Orten T47/T49/W1/W33-7365981T57.“ Unter Punkt 7 ist geregelt, was im „Falle der Weigerung des Subjektes, seine Organe zu spenden“, geschehen solle: Dann komme der „Code 341“ zur Anwendung. Von „Mord“ oder „Tötung“ ist in dem Vertrag nirgendwo die Rede.

Um die Frauen von seiner Professionalität zu überzeugen, fügte der 29-Jährige noch einen Lebenslauf bei: Er sei Experte im „Kampfschießen“, in „tausendjährigen Künsten“, in „Vernehmungen“ und „Eliminierungen“. Er spreche 22 Sprachen, darunter Bengalisch und Hawaiianisch. Auch habe er schon an 352 Missionen in 104 Ländern teilgenommen und dabei „1897 Ziele ausgeschaltet“.

Den Vertrag unterzeichnete er als „Erster Rat für Spezialoperationen des C.I.A.-Mossad (USAD)“, zurzeit in Reserve, wieder aktiv ab Dezember dieses Jahres. Der Mann strich die vereinbarten 7000 Euro ein und verschwand. Womit er offenbar nicht rechnete: Wer ein solches Vertragswerk für glaubwürdig hält, der ist auch von dessen Rechtmäßigkeit überzeugt. Als sie gar nichts mehr von dem 29-Jährigen hörten, fühlten sich Mutter und Tochter – mal wieder – übers Ohr gehauen und gingen schließlich zur Polizei. Dass sie einen Mord in Auftrag gegeben hatten, war ihnen gar nicht in den Sinn gekommen. Umso überraschter waren sie, als sie auf der Polizeiwache festgenommen wurden.

Alle Verdächtigen sind auf freiem Fuß – weil von ihnen keine Gefahr ausgehe, sagt die Polizei

Danach setzte die Polizei die „Operation Kafka“ in Gang – die spanische Polizei liebt es, ihren Ermittlungen beziehungsreiche Namen zu geben. Als erstes wurde der vorgebliche Geheimdienstagent in seiner Wohnung festgenommen. Dann machten sich die Beamten auf die Suche nach dem unfreiwilligen Organspender, der zum Glück gesund und munter war. Gegen ihn wird jetzt aber auch ermittelt, wegen mutmaßlichen Betrugs an der Mutter. Alle Verdächtigen sind inzwischen wieder unter Auflagen auf freiem Fuß. Offenbar findet die spanische Polizei, dass von ihnen keine Gefahr ausgeht.

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