77 Jahre lang gab es das Fachgeschäft, nun geben Claus-Dieter und Ingrid Stauss schweren Herzens zum Jahresende ihr Porzellanhaus auf. Wie geht es in dem Laden an der Calwer Straße weiter?
Claus-Dieter Stauss erinnert sich noch genau an den allerersten Artikel, den er verkauft hat: Es war eine Vase. Da war er elf Jahre alt und durfte im Geschäft seines Vaters, das damals noch den Namen „Haus der Geschenke“ trug, aushelfen. „Ich war sehr stolz und hab’ das in meinem Tagebuch notiert“, erzählt er.
Seit damals sind mehr als 60 Jahre vergangen und Claus-Dieter Stauss hat inzwischen unzählige Artikel verkauft. Porzellan, Glas, Besteck, aber auch hochwertige Küchenartikel sind über seine Ladentheke gegangen. Seine Eltern, Inge-Lore und Rolf Stauss, hatten das Fachgeschäft 1946 an der Ensinger Straße gegründet und waren damit später, Anfang der 1960er Jahre, ins eigene Geschäftshaus an der Calwer Straße, dem heutigen Standort, umgezogen. 1980, nach dem Tod des Vaters, übernahm Claus-Dieter Stauss zusammen mit seiner Frau Ingrid das Geschäft. Doch zum Jahresende wird Schluss sein. Die Eheleute haben beschlossen, in den Ruhestand zu gehen, solange sie noch fit genug sind, um die Geschäftsauflösung gut zu bewältigen. Leicht fällt den beiden 72-Jährigen das Ende des Porzellanhauses Stauss nicht: „Es ist ein bisschen ein bedrückendes Gefühl“, sagt Claus-Dieter Stauss, und seine Frau ergänzt: „Es wird einem schon fehlen.“ Sie haben das 77 Jahre alte Geschäft, über dem sie wohnen, mit Herzblut betrieben. Arbeiten und leben, beides ging Hand in Hand. Vier-Tage-Woche? Work-Life-Balance? Claus-Dieter Stauss schüttelt den Kopf. „Für uns ist arbeiten Lebenselixier. Dass man gebraucht wird und mitgestalten kann.“
Den Eheleuten, die im Juni Goldene Hochzeit gefeiert haben, war es nie nur darum gegangen, hübsches Porzellan zu verkaufen, sondern auch darum, etwas zu vermitteln, das sie „Tischkultur“ nennen. Welches Glas passt zu welchem Teller, wie pflegt man Besteck, was hat die Kunst auf dem Porzellan zu bedeuten? All das haben sie gerne ihren Kunden mit auf den Weg gegeben. „Die Geselligkeit, dass man sich an den Tisch setzt, das prägt Familien“, sagt Claus-Dieter Stauss. Kaffee „to go“, also auf die Hand zum Mitnehmen, das ist nicht ihre Welt. Dass immer weniger Menschen Wert auf gutes Geschirr legen, das haben die Staussens in den vergangenen Jahren an ihrem Umsatz gemerkt. „Familienfeste wie Hochzeiten und Konfirmationen hat man früher zuhause gefeiert, heute passiert das eher außer Haus“, sagt Ingrid Stauss. Gutes Geschirr werde weniger gebraucht und weniger wertgeschätzt. Sie merkten, dass viele Leute inzwischen eher in Mitnahmemärkten günstige Asia-Importe kauften – statt in Fachgeschäften hochwertiges Porzellan, das in Europa gefertigt wurde.
Beratung wird geklaut
Die Coronapandemie habe ihr Übriges dazu beigetragen, dass es der Einzelhandel insgesamt sehr schwer habe. Das Internet sei der Ort geworden, an dem viele ihre Einkäufe erledigten. „Einige kommen ins Geschäft, gucken sich die Sachen an, lassen sich beraten – und bestellen dann im Internet“, sagt Claus-Dieter Stauss und spricht von Beratungsklau. Zur besten Zeit hatten sie zehn Mitarbeiter angestellt, zuletzt haben sie das Geschäft zu zweit gemeistert. Das bedeutet viel gemeinsame Zeit als Geschäftspartner und auch als Ehepaar. Wie klappt das? „Wir haben genug Platz, um uns aus dem Weg zu gehen“, sagt Ingrid Stauss, und beide lachen herzlich.
Die Sorge, dass ihnen im Ruhestand langweilig werden könnte, haben beide nicht. „Kunstgeschichte und Kultur ist unser Hobby“, sagt Ingrid Stauss. Nun werde mehr Zeit sein für den Galerieverein Böblingen, für Museums- und Konzertbesuche. Claus-Dieter Stauss möchte sich mit Geschichte befassen, das hat er einst studiert. „Uns interessiert Vergangenes und Gegenwärtiges“, sagt er und meint die Ehrenämter, in denen beide aktiv waren oder sind: Ingrid Stauss ist Stadträtin und seit kurzem Fraktionsvorsitzende der Freien Wähler, ihr Mann war von 1979 bis 2019 Kirchengemeinderat.
Wie geht es mit dem Laden an der Calwer Straße weiter?
Wie es mit der Ladenfläche am Rande des Böblinger Flugfeldes weitergeht, ist noch offen. Klar ist, dass die beiden Söhne das Geschäft nicht weiterführen, da ihre Lebensmittelpunkte weit weg sind. Noch sei aber nicht gänzlich ausgeschlossen, dass sich ein Nachfolger findet, sagt Claus-Dieter Stauss: „Wir haben noch Gespräche, vielleicht ergibt sich was.“ Wenn nicht, werde die Fläche anderweitig vermietet. Bis zum Jahresende läuft der Räumungsverkauf, alle Artikel sind um mindestens 20 Prozent reduziert. Ingrid Stauss freut sich schon darauf, noch einmal mit vielen Stammkunden ins Gespräch zu kommen – denn das ist es, was ihr in all den Jahren die meiste Freude gemacht hat: der Kundenkontakt.
Immer wieder müssen Traditionsgeschäfte schließen
Bäckereien
Die Krone Bäckerei Binder aus Holzgerlingen machte 2021 nach 125 Jahren Schluss. Nach knapp 130 Jahren schloss im April dieses Jahres Mariola Nadolski, die Bäckermeisterin der Bäckerei Späth, ihre Backstube. 2021 gingen 112 Jahre nach der Gründung in der Traditionsbäckerei Vetter-Faig in Schönaich die Lichter aus.
Schuhe
143 Jahre, vier Generationen: Im Dezember wird das Familienunternehmen an der Böblinger Poststraße die Türen des alteingesessenen Geschäfts Schuh Kurz für immer schließen.
Sport und Haushalt
1906 hatte Karl Binder das Geschäft in Schönaich gegründet, damals mit dem Schwerpunkt auf Werkzeugen und Haushaltswaren, später erweitert um Sportartikel. Ende 2022 schloss sein Enkel den Laden, nur Sportsachen werden noch bis Dezember 2023 verkauft.
Metzgerei
Nach mehr als 40 Jahren wurde in der Deufringer Metzgerei Stürner dieses Jahr im Juli die letzte Wurst verkauft.