Jamal Khashoggi stand kurz vor der Hochzeit. Foto: dpa

Khashoggi entstammte einer wichtigen Sippe am saudischen Hof. Er hat das Königshaus erst beraten und später als Journalist in den USA kritisiert.

Istanbul - In seiner letzten Kolumne für die „Washington Post“ beschrieb Jamal Khashoggi die Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch das arabische Regime und beschwor die Notwendigkeit, die Menschen in Saudi-Arabien, Ägypten und anderswo ohne Repression durch die Obrigkeit zu informieren. Es war sein letzter Ruf nach freier Rede, mit dem er die Machthaber in Riad ärgerte.

Die Appelle des Journalisten hatten ein besonderes Gewicht, weil er nicht irgendein Kritiker war – er war selbst ein früheres Mitglied der saudischen Elite. Die Familie von Jamal Khashoggi stammte ursprünglich aus dem türkischen Kayseri, weshalb die türkische Presse seinen arabischen Namen auf Türkisch wiedergibt: Kasikci – Löffelmacher. Allerdings sind die Khashoggis schon seit Jahrhunderten in Arabien zu Hause, wo sie zu einer wichtigen Sippe am saudischen Hof wurden.

Khashoggis Großvater war der Leibarzt von König Abdulaziz al-Saud, dem ersten Herrscher Saudi-Arabiens. Ein Onkel des Journalisten war der märchenhaft reiche Waffenhändler Adnan Khashoggi. In Riad wurde Jamal Khashoggi zu einem angesehenen Journalisten und als Chef der Zeitung „Al Watan“ ein wichtiger Ratgeber für die Regierung. Ein besonders enges Verhältnis baute er zum langjährigen Geheimdienstchef Turki al-Faisal auf, dem er als Berater auf Botschafterposten nach London und Washington folgte.

Der Kronprinz duldet keinen Widerspruch

Doch beim neuen Kronprinzen Mohammed bin Salman fiel Jamal Khashoggi im vergangenen Jahr in Ungnade. Der Prinz duldet keinen Widerspruch, selbst nicht in der milden Form einer Kritik, die den Führungsanspruch der Königsfamilie grundsätzlich nicht infrage stellt.

Mit 58 Jahren floh Khashoggi deshalb in die USA und begann mit seiner Arbeit für die „Washington Post“, die seine Kolumnen über das Internet auch auf Arabisch verbreitete. Damit erreichte Khashoggi in seiner saudischen Heimat mehr Leser – zum Ärger der Königsfamilie.

Selbst Jamal Khashoggis Tod hat den Streit über seine Ansichten nicht beendet. So haben ihm Kritiker unterstellt, er habe der Muslimbruderschaft gedient, die von Saudi-Arabien als Terrororganisation verfolgt wird. Tatsächlich forderte Khashoggi einen Dialog mit der Bruderschaft, der ältesten Organisation des politischen Islam. Parteien mit Verbindungen zu den Muslimbrüdern gibt es in der ganzen Region – die türkische Regierungspartei AKP ist eine der mächtigsten von ihnen.

Khashoggi war kein islamistischer Extremist

Khashoggi hatte viele Kontakte in der Bewegung und auch in der Türkei. Der hochrangige AKP-Funktionär Yasin Aktay war ein enger persönlicher Freund. Zudem war Khashoggi mit der Türkin Hatice Cengiz verlobt. Der Grund für seinen verhängnisvollen Besuch im saudischen Konsulat in Istanbul am 2. Oktober war, dass er sich die nötigen Papiere für die Hochzeit mit Cengiz besorgen wollte.

All das macht aus Khashoggi keinen islamistischen Extremisten. Dasselbe gilt für seine Arbeit in Afghanistan, die im Internet ebenfalls als Hinweis auf angebliche Sympathien des Journalisten für radikale Kräfte genannt wird. Zwar schrieb Khashoggi in den 1980er Jahren über Osama bin Laden und die Taliban – allerdings war das zu einer Zeit, in der die afghanischen Gotteskrieger selbst im Westen als Kämpfer gegen die Sowjetunion teilweise verherrlicht wurden. Fachleute wie die Politikberaterin Tamara Cofman Wittes von der Brookings Institution in Washington sprechen deshalb von böswilligen Gerüchten, die Jamal Khashoggis Ruf schädigen oder im schlimmsten Fall sogar den Mord an ihm rechtfertigen sollen.

Jamal Khashoggi selbst hätte sich über solche Versuche wohl nicht gewundert. In vielen arabischen Ländern werde der öffentliche Diskurs von der Regierung beherrscht, schrieb er in seiner letzten Kolumne, die jetzt von der „Washington Post“ veröffentlicht und zu seinem Vermächtnis wurde. Viele Menschen seien schlecht oder überhaupt nicht informiert. Eine Besserung sei nicht zu erwarten.

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