Jedes Stück, das die Königliche Porzellan-Manufaktur verlässt, ist ein Unikat. 35 Kunstmaler arbeiten teils monatelang an einem Teil. Foto: KPM

Vor zehn Jahren hat der Bankier und Fabrikant Jörg Woltmann die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin gekauft. Heute wird das Geschirr sogar im Museum of Modern Art in New York ausgestellt.

Berlin - Als der Hausherr eine Bürotür im ersten Stock öffnet, spricht er plötzlich mit gedämpfter Stimme. Im Raum ist es still. Das Grün der vielen kleinen Topfpflanzen auf Fensterbänken und Regalen sticht dem Besucher zuerst ins Auge. Ein Maler, der sich Kopfhörer in die Ohren gesteckt hat, führt mit langsamer Bewegung kleine Striche auf einer Vase aus. Für die Königliche Porzellan-Manufaktur in Berlin, auch unter dem Kürzel KPM bekannt, sind 35 Kunstmaler tätig. Zehn von ihnen können Vasen in kunstvolle Einzelstücke verwandeln, die nach Shanghai, Hamburg oder Dubai verkauft werden. Die naturalistische Blumenmalerei hat den Ruf von KPM bis heute geprägt. Ein Maler nimmt sich für ein Einzelstück bis zu neun Monate Zeit. Die aufwendige Arbeit hat ihren Preis: Eine Einzelanfertigung kann schon einmal 180 000 Euro kosten.

So viel Geld geben reiche Sammler und Porzellanliebhaber für die Unikate aus. Doch es sind nicht nur Magnaten aus dem In- und Ausland, die zu den Kunden von KPM zählen. Der Hersteller lebt von den Kunden, die jeden Monat ins Geschäft kommen, um eine Tasse oder einen Teller ihres Geschirrs zu kaufen.

Wenn der Bankier und Fabrikant Jörg Woltmann seine Besucher durch die Porzellanmanufaktur am Rand des Berliner Tiergartens führt, wird schnell klar, dass es um etwas Besonderes geht. „Ich habe das einzige Unternehmen auf der Welt, das zuvor sieben Königen und Kaisern gehörte“, sagt Woltmann. Dieser Satz findet sich fast in allen Porträts über den Berliner Geschäftsmann wieder. Woltmann ist kein typischer Bankier. Er spricht lieber über die wechselvolle 250-jährige Geschichte von KPM als übers Geld. „So ein Unternehmen kaufen sie nicht, um Geld zu scheffeln“, sagt er. Im Jahr 1763 übernahm Friedrich der Große die Porzellanmanufaktur von einem Berliner Kaufmann. Das „weiße Gold“ war die große Leidenschaft des Königs. Die Faszination für die Formen, Farben und Figuren hat auch Woltmann erfasst. Ins Porzellangeschäft kam der Bankier vor zehn Jahren über Umwege.

Der Bankier bewahrte die Manufaktur vor dem Konkurs

Im Jahr 2006 bewahrte der Bankier KPM vor dem Konkurs. Als Vorstand und Alleinaktionär der ABK Allgemeine Beamten Bank AG in Berlin, einer Bank für den öffentlichen Dienst, war er damals von Investoren gebeten worden, die Übernahme von KPM zu finanzieren. Das Land Berlin hatte sich zuvor entschieden, den Eigenbetrieb zu privatisieren. Doch der Versuch scheiterte. Danach kam Woltmann zu Ohren, dass chinesische Geldgeber den Betrieb erwerben wollten. Das wollte er verhindern. „KPM gehört zu Berlin wie das Brandenburger Tor“, sagt er. Innerhalb einer Woche habe er sich entschieden, KPM mit seinen 180 Mitarbeitern zu übernehmen – aus Patriotismus, wie er sagt. „Welcher Unternehmer bekommt schon die Chance, ein Kulturgut zu erhalten?“, erklärt Woltmann.

Obwohl es ein teures Investment war, bereut er es nicht. Bei KPM gelten für ihn andere Maßstäbe. „Das ist wie beim Hausbau, es wird länger und teurer“, sagt Woltmann, der seine Arbeitszeit fest eingeteilt hat: Bis zur Mittagszeit arbeitet er für KPM, danach geht er in die Bank. Woltmann zeigt eine bemerkenswerte Gelassenheit für jemanden, der nach eigenen Angaben 40 bis 50 Millionen Euro in die Rettung der Königlichen Porzellan-Manufaktur gesteckt hat. Getrieben hat ihn der Reiz, eine der letzten Luxusmarken zu erhalten. Das Geld sei nicht weg, sondern angelegt in gut ausgebildeten Mitarbeitern, Galerien und der KPM-Welt in Berlin, wo sich Produktion, Verkauf und Ausstellungsflächen unter einem Dach befinden. Trotz des hohen Investments ist er von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. „Im Himmel hat man viel zu erzählen.“

Schwieriges Geschäft mit Traditionsmarken

Dass der Markt für hochwertige Porzellanhersteller schwierig ist, musste Woltmann schnell lernen. Das bekommen auch andere Traditionsmarken wie Meißner Porzellan in Sachsen zu spüren. Die Porzellanmanufaktur in Ludwigsburg musste vor einigen Monaten schließen. KPM setzt darauf, die Marke zu stärken. „Wir machen das, was wir können und das ist Porzellan“, sagt Woltmann. Während andere Luxushersteller versuchten, das Sortiment mit Modeartikeln und Möbeln zu erweitern, sieht Woltmann die Lösung in der Beschränkung. Sein Ziel sei, dass KPM als die beste Porzellanmanufaktur wahrgenommen wird. Auf diesem Weg sieht er Erfolge.

KPM-Geschirr ist im New Yorker Museum of Modern Art ausgestellt. Mit trendigen Kaffeefiltern, Müsli-Sets und Currywurst-Schalen spricht das Unternehmen junge Leute an. Mit dem Versprechen, etwas Beständiges und Wertvolles zu erwerben, will KPM überzeugen. Eine Zeit lang sah es so aus, als habe hochwertiges Porzellan nicht mehr denselben Stellenwert wie früher, sagt Woltmann. Doch die Tischkultur gewinne wieder an Bedeutung. Handwerkskunst sei gefragt, die „Geiz-ist-geil-Mentalität“ nehme ab. „Immer mehr Menschen merken, dass ein schön gedeckter Tisch etwas Tolles ist“, sagt der Luxuswarenfabrikant. Dass an einer Tasse 25 Mitarbeiter Hand anlegen und das Porzellan in 27 Schritten bearbeitet wird, hat seinen Preis. Die Produktion einer Tasse dauert zwei Wochen. Die Qualität sei zu spüren, wenn der Kunde beispielsweise aus den dünnen, feinen Tassen Kaffee oder Tee trinkt. So lautet das Credo des Unternehmers. Mit dem Anspruch auf Qualität will er KPM auf Expansionskurs halten. Auch in Süddeutschland soll das Geschäft ausgebaut werden.

Die Zahl der Mitarbeiter ist seit 10 Jahren stabil

Als Erfolg bezeichnet Woltmann, dass er die Zahl der Mitarbeiter zehn Jahre nach dem Einstieg stabil halten konnte. Mit Geschirr, Vasen und Skulpturen setzt KPM jährlich zehn Millionen Euro um. Wie sieht es mit Gewinn aus? Im vergangenen Jahr sei ein kleiner Gewinn angefallen, was aber mit Sondereffekten zusammenhing. Für das laufende Jahr strebt Woltmann eine schwarze Null an. Seine wichtigste Aufgabe bei KPM sieht er darin, „das Unternehmen für die nächsten 150 Jahre stabil zu machen.“ In einem alten Zeitungsausschnitt, der in der Ausstellung in der KPM-Welt ausgehängt ist, steht: „Dem König die Vasen, den Bürgern Figürchen.“ Dieses Motto will Woltmann in neue Zeiten übersetzen.

Ludwigsburger Porzellan findet keinen Retter

Die Ludwigsburger Porzellanmanufaktur existierte genau 257 Jahre. Zum Jahreswechsel stellte das von Herzog Carl Eugen von Württemberg 1758 gegründete Unternehmen seinen Betrieb ein. Vorausgegangen war dem eine anderthalbjährige Suche nach einen Käufer für die insolvente Manufaktur. 18 Monate lang führte ein Insolvenzverwalter die Geschäfte.

Bereits 2008 hatten die Geschäfte geschwächelt. Die Mitarbeiterzahl wurde von 20 auf sechs reduziert, die Produktion nach Lichte (Thüringen) verlagert: Nur die Porzellanmalerei blieb in Ludwigsburg. Die Markenrechte liegen bei der Stadt Ludwigsburg und dem Land-Baden-Württemberg, wo man heimlich auf eine Wiederbelebung der Tradition hofft.

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