Immer mehr Tennisprofis entscheiden sich noch während der Karriere für Kind und Familie. Tatjana Maria erzählt, wie sie beides unter einen Hut bekommt.
Angelique Kerber hatte über Ostern Besseres zu tun, als sich auf den Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart vorzubereiten. Auf Instagram zeigt sich die dreifache Grandslam-Siegerin mit Kinderwagen und Strahlen im Gesicht. Ende Februar hat die 35-Jährige ihre Tochter Liana zur Welt gebracht. Und zugleich verkündet, in nicht allzu ferner Zukunft wieder den Schläger schwingen zu wollen.
Vorbilder gibt es genug. „Angie kann mich gerne um Rat fragen“, sagt etwa Tatjana Maria. Die 35-Jährige ist so etwas wie die Vorreiterin unter den Tennis-Mamas. Seit Jahren tourt sie mit Kind und Kegel um die Welt. Erst mit Töchterchen Charlotte (9), seit zwei Jahren zusätzlich mit der kleinen Cecilia. „Meine Familie gibt mir unheimlich Kraft“, erzählte eine in sich ruhende Tatjana Maria beim Turnier in Stuttgart, wo sie am Dienstag gegen die Schweizer Qualifikantin Ylena In-Albon antrat.
Inzwischen gilt die gebürtige Bad Saulgauerin, die mit ihrem Mann Charles-Édouard und Anhang in Florida lebt, auch nicht mehr als Exotin in der Welt des Spitzentennis wie weiland Kim Clijsters. Die ehemalige Weltranglisten-Erste aus Belgien brachte 2008 ihr erstes Kind zur Welt. Ein Jahr später gewann sie die US Open und war damit so etwas wie eine Weltsensation. In der Zwischenzeit bewegen sich immer mehr Profis zwischen Wickeltisch und Centercourt.
Baby-Boom auf der Tour
Ende 2016 wurde Viktoria Azarenka Mutter, 2017 Serena Williams. Beide gingen nach wenigen Monaten wieder ihrem Beruf nach. Im Oktober vergangenen Jahres gab es frohe Kunde vom Profi-Paar Elina Svitolina und Gael Monfils. Ein echtes Tennis-Baby. Die schwangere Naomi Osaka macht den aktuellen Baby-Boom im Tennis-Zirkus komplett.
Früher hieß es: Wenn du schwanger bist, muss du aufhören
Für Barbara Rittner sind tennisspielende Mütter eine „neue Entwicklung. Zu meiner Zeit war immer klar: Wirst du schwanger, musst du aufhören,“ sagt die 49-jährige Chef-Bundestrainerin des Deutschen Tennis Bundes. Inzwischen hat sich gesellschaftlich vieles gewandelt, manches davon färbt auch auf die Parallelwelt Profisport ab.
„In Zukunft werden immer mehr Spielerinnen mit Kind auf der Tour unterwegs sein. Und ich finde schön, dass es so ist. Tatte (Tatjana Maria; d.Red.) macht vor, wie es geht“, ergänzt Anke Huber, die sportliche Leiterin beim Turnier in Stuttgart. In der Porsche-Arena gibt es keine Krabbelgruppen, spezielle Angebote für Mütter und Kinder halten eigentlich nur die großen Grandslam-Turniere bereit. Ist aber eigentlich gar nicht nötig. Zumindest den Topstars der Szene mangelt es nicht am nötigen Kleingeld für die Rundum-Sorglos-Betreuung mit Nanny.
Maria, Nummer der 71 der Welt, gestaltet ihr Doppelleben mit Tennis und Familie vergleichsweise bodenständig. Ihr Mann Charles-Édouard, ein Franzose mit kolumbianischen Wurzeln, beobachtet Gegnerinnen und nimmt auch selbst mal eine Windel in die Hand. Ansonsten tourt die Entourage gemeinsam um die Welt. In die schwäbische Heimat reiste Maria als frisch gebackene Turniersiegerin von Bogotá aus Kolumbien an. Zwischen Spielen und Training und sobald der Jetlag überwunden ist, unterrichtet sie ihre älteste Tochter selbst.
Marias Tochter Charlotte träumt davon, selbst Prof zu werden
Florida ist relativ frei in der Gestaltung des Homeschoolings. Nebenbei gibt sie ihrer viersprachig aufwachsenden Charlotte täglich Trainingsstunden auf dem Tennisplatz. „Sie spielt schon richtig super und wird bestimmt mal ein Champion. Sie träumt davon, selbst Profi zu werden.“ Mit Stolz erfüllt die Tennis-Mama, wie ihre neunjährige Tochter die Geschehnisse rund um ihr eigenes Profileben realisiert und auch bei den Spielen mitfiebert. So auch beim Billie Jean King Cup am vergangenen Wochenende, als die multikulturellen Marias mit der Mama den deutschen Sieg bejubelten.
Viele sehen die Entwicklung in der immer noch eher konservativ geprägten Tennis-Szene als Fortschritt. Nur der Weltverband WTA tut sich noch schwer damit, seinen Spielerinnen den perfekten Einklang zwischen Karriere und Familie zu ermöglichen. Schwangere und Mütter werden mit einer geschützten Ranglistenposition wie Verletzte eingestuft. Das verhindert das Abrutschen in der Weltrangliste und den sofortigen Wiedereinstieg nach dem Mutterschutz. Ausgereift ist das System jedoch nicht. So kehrte die 35-Jährige im vergangenen Jahr früher als nach den vorgesehenen zwölf Monaten auf die Turnierserie zurück – das protected Ranking war futsch. Weshalb sich die Wimbledon-Halbfinalistin von 2022 wünscht, „dass es „in Zukunft endlich eigene Regeln für Schwangere und für Mütter gibt“.
Schwangerschaftspausen als Jungbrunnen
Ob es für sie noch einmal relevant wird? Maria hat sich bezüglich eines dritten Kindes noch nicht festgelegt. Rein sportlich spräche trotz ihres fortgeschrittenen Alters einiges dafür: „Wenn ich nach jeder Geburt besser spiele, sollte ich noch ein drittes Kind bekommen“. Die Schwangerschaftspausen dienten als Jungbrunnen für den harten Profialltag. Maria fühlt sich fit wie nie zuvor.