Mit 36 Jahren ist Laura Siegemund in der Form ihres Lebens – mal wieder. Beim Porsche Tennis Grand Prix in Stuttgart will die Lokalmatadorin als Wundertüte erneut überraschen.
Die Beine sind noch etwas schwer, ein paar Augenringe deuten sich zumindest an. Und doch sticht in erster Linie das strahlende Lachen von Laura Siegemund heraus, als die Tennisspielerin am Montagabend das Pressezentrum der Stuttgarter Porsche Arena betritt. Nach einem Länderwettkampf mit dem deutschen Billy-Jean-King-Team im fernen Sao Paulo, nach zwölf Stunden Flug, von der brasilianischen Hitze in den deutschen April: kein Problem für Laura Siegemund.
„Ich fühle mich eigentlich ganz gut und freue mich total auf mein Heimspiel“, sagt sie. Denn: „Daheim ist daheim“. Auch wenn ihr Lebensmittelpunkt durch ihre Beziehung mittlerweile in Sardinien liegt. Mangelnde Energie und Motivation wären das Letzte, was man der gebürtigen Filderstädterin unterstellen möchte. Im Gegenteil: Im fortgeschrittenen Tennisalter von 36 Jahren möchte es Siegemund nochmal wissen.
Siegemund spielt mit Deutschland groß auf
Beim erstklassig besetzten Porsche Tennis Grand Prix trifft die mit einer Wildcard ausgestattete Nummer 84 der Welt in der ersten Runde auf die an Weltranglistenposition 27 postierte Ukrainerin Marta Kostyuk. Keine leichte, aber auch keine unlösbare Aufgabe für den schwäbischen Wirbelwind, der unlängst in Brasilien bewiesen hat, was (immer noch) in ihm steckt.
Vor 10 000 Fans im Hexenkessel von Sao Paulo bezwang Siegemund erst Beatriz Haddad Maia, immerhin die Nummer 13 der Welt. Und sorgte dann mit ihrem zweiten Einzelpunkt entscheidend für das deutsche Weiterkommen im Billie Jean King Cup.
„Es lief ganz gut“, sagt Siegemund. Um im nächsten Satz ihr Understatement abzulegen. „Ich war in Brasilien nicht bloß dabei, ich hatte eine tragende Rolle.“ Vielleicht spielt sie im Moment sogar das beste Tennis ihres Lebens. Jedenfalls erlebt sie am Ende einer wechselvollen, von vielen Verletzungen gepflasterten Karriere ihren x-ten Tennis-Frühling.
Erinnerungen an ihren großen Triumph von Stuttgart
Rückblick: Als sie mit zwölf Jahren als erste Deutsche seit Steffi Graf mit dem Junior Orange Bowl die begehrteste Trophäe im Juniorinnen-Tennis gewinnt, wird sie in der Post-Graf-Ära schnell als nächstes Wunderkind gehypt. Doch das ist sie nicht, nur eine außergewöhnlich gute Tennisspielerin. Die irgendwann keine Lust mehr auf den Zirkus hat. Sie hört auf, fängt wieder an und sorgt nicht regelmäßig, aber immer wieder für Überraschungsmomente. Wie 2017, als sie an gleicher Stelle in Stuttgart drei Top-Ten-Spielerinnen aus dem Feld nimmt und am Ende sensationell den Siegerinnen-Porsche abräumt.
Es sollte bis heute ihr größter Erfolg im Einzel bleiben. Wenig später reißt ihr das Kreuzband – und in der Folge der Kontakt zur absoluten Weltspitze. In den vergangenen Jahren war Laura Siegemund, die studierte Psychologin (Thema ihrer Bachelorarbeit: Versagen unter Druck), vor allem auf der Doppel-Tour unterwegs. Dort erklomm sie Platz vier der Weltrangliste und gewann 2020 das Grand-Slam-Turnier in New York.
„Mir macht das Einzel noch richtig Freude“
Seit geraumer Zeit macht Siegemund auch wieder als Solistin von sich reden. „Mir macht das Einzel noch richtig Freude“, sagt der Lockenkopf, dem schon viele Attribute zugeschrieben wurden. „Eigen“ trifft es wohl am besten. Sowohl was die Spielweise der 36-Jährigen, als auch was ihr Verhalten auf dem Platz angeht. Siegemund drischt nicht wie die meisten auf der Tour eine Vorhand und eine Rückhand nach der anderen mit Karacho übers Netz. Mit ihrem unkonventionellen Mix aus Stopps, Lobs und Slice-Schlägen treibt sie ihre Gegnerinnen bisweilen in die Verzweiflung. Mit ihrer Art, das Regelwerk bis zur Schmerzgrenze auszukosten, ebenso. „Sie ist eine Bereicherung für unser Turnier“, sagt Turnierdirektor Markus Günthardt. „Ihr ist alles zuzutrauen.“
Wie sie es schafft, fit zu bleiben? Und sich nach so langer Zeit auf der Tour immer noch für die tägliche Pein zu motivieren? Andere in ihrem Alter wie Angelique Kerber und Tatjana Maria haben längst Kinder und touren als Tennis-Mamas durch die Weltgeschichte. Siegemund verweist auf den Trend, dass viele inzwischen bis an die 40 spielen. „Da steckt viel Arbeit dahinter“, betont sie. Seit fünf Jahren absolviert sie gezielt Reha-Programme. Das mit der Motivation kommt praktisch von alleine und wird durch den Erfolg begünstigt. „Nach meinen vielen Verletzungen bin ich an einem Punkt, wo das alles ein Riesenbonus ist. Ich bin sehr ehrgeizig und will den Bonus natürlich maximieren.“
„Ich bin nicht hier, nur um Spaß zu haben“
Diese Saison wird sie auf jeden Fall noch spielen, verrät die ewige Laura Siegemund. Viel weiter mag sie nicht vorausblicken. Fürs Erste klingt es an die Konkurrenz in Stuttgart wie eine Drohung, wenn sie sagt: „Ich bin nicht hier, nur um Spaß zu haben.“