Pornografie „Im Extremfall führt Pornosucht zur Impotenz“

Von Christoph Meyer 

Am Computerbildschcirm muss der Pornosüchtige keine Zurückweisung fürchten. Foto: dpa-Zentralbild
Am Computerbildschcirm muss der Pornosüchtige keine Zurückweisung fürchten. Foto: dpa-Zentralbild

Ein Stuttgarter Psychotherapeut behandelt vom Pornokonsum abhängige Menschen.

Stuttgart - Pornografie im Internet ist stets verfügbar und allgegenwärtig. Nicht jeder kann damit umgehen. Der Stuttgarter Diplompsychologe und Psychotherapeut, Dr. Benjamin Zeller, behandelt Menschen, die vom Pornokonsum abhängig geworden sind

Herr Zeller, macht Pornografie krank?
Gegenfrage: Wann ist Pornografiekonsum gesund? Das ist eine verarmte Form der Sexualität. Das Gegenüber wird dabei zum Objekt reduziert. Krank macht die Pornografie spätestens dann, wenn der Konsum suchthaft wird. Wenn meine Hemmschwelle gegenüber gewalttätigen oder ekelerregenden Pornos sinkt oder wenn ich mehrfach wöchentlich Pornos konsumiere, muss ich mir Gedanken machen.

Welche Auswirkungen hat eine solche Sucht auf den Alltag?
Es gibt Patienten, die mir berichten, dass sie ihren Job verloren, weil sie bei der Arbeit im Internet Pornos angeschaut haben. Bei Schwerstabhängigen wird in der Fantasie das ganze Leben zu einem großen Porno. Sie bilden sich zum Beispiel ein, dass die Bedienung im Café unbedingt mit ihnen ins Bett will. Durch ihre Fantasien stimulieren sich Süchtige ständig selbst, und das erhöht das Bedürfnis, so schnell wie möglich wieder Pornos zu schauen.

Welche Auswirkungen hat das auf eine ­Beziehung?
Als Süchtiger bin ich mehr und mehr unzufrieden mit mir und meinem Sexualpartner. Der eigene Sex entspricht nicht dem, was ich aus den Filmen kenne. Der Pornoabhängige wird zunehmend selbstsüchtig und will seine Wünsche erfüllt haben, auch wenn sie für den Partner unangenehm sind. Im extremsten Fall führt Pornosucht zur Impotenz, weil ­Erregung nur noch vor dem Bildschirm ­zustande kommt, aber nicht mehr mit dem Partner.

Es sind also nicht nur alleinstehende Männer betroffen?
Unerfüllte sexuelle Wünsche oder Angst vor sexuellem Kontakt mit einer erwachsenen Frau können Pornokonsum fördern. Die meisten Patienten, die ich behandelt habe, sind aber sexuell gut versorgt. Der Abhängige sucht nach einem schnellen Wohlgefühl. Das kann er über die Pornografie erreichen, denn im Gegensatz zum Sex mit dem Partner muss er nicht befürchten, zurückgewiesen zu werden. Er muss auch seine Schwächen nicht zeigen, sich keine Mühe mit dem Gegenüber geben und seine sexuellen Wünsche nicht offenbaren. Alles geschieht im Geheimen.

Was muss geschehen, damit jemand zu Ihnen kommt?
Menschen kommen erst dann zur Therapie, wenn der Leidensdruck sehr hoch ist. Entweder weil die partnerschaftliche Sexualität zum Erliegen gekommen ist oder weil zunehmend bedenkliche Wünsche entstehen. Das können Vergewaltigungswünsche, Gewaltwünsche, Pädophilie und Ähnliches sein. Meistens kommen die Patienten, weil der Partner Druck macht. Sie werden erwischt, und der Partner setzt ihnen die Pistole auf die Brust.

Ist der Pornosüchtige ein potenzieller ­Sexualstraftäter?
Das kann man so nicht sagen. Aber Studien belegen, dass Sexualstraftaten ein exzessiver Pornokonsum vorausgeht. Pornosucht macht noch keinen Straftäter. Aber häufiger Pornokonsum fördert nachweislich die Tendenz, rücksichtslose Einstellungen zu vertreten. Das gilt vor allem für die kleinen sexuellen Nötigungen im Alltag. Die Vorstellung, dass Frauen „Ja“ meinen, wenn sie „Nein“ sagen. Auch die Pflege des Vergewaltigungsmythos gehört dazu. Nach dem Motto: „Die wollen es ja nicht anders.“ So wird sexuelle Gewalt zunehmend verharmlost.

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